Das Web 2.0 wird bald Geschichte sein. Ansgar Heveling

Der Unterschätzte

Was bleibt von einem Papst, der zurückgezogen hinter vatikanischen Mauern lebt? Ein Porträt Benedikts XVI. anlässlich seines Pontifikatsjubiläums.

Vor zehn Jahren stand er auf der Loggia des Petersdomes: Benedikt XVI. – unser Joseph Ratzinger, dessen dunkler Pullover noch ungewollt unter der sichtlich provisorischen weißen Soutane durchschien. Am 19. April 2005 präsentierte sich ein Papst den Gläubigen, dem viele laut zugejubelt, den nicht wenige schnell in eine Schublade gesteckt und mit dem wohl nur wenige Katholiken ernsthaft gerechnet haben.

Was bleibt von diesem Papst? Was bleibt von einem Papst, der nun zurückgezogen hinter den vatikanischen Mauern lebt und sich – wie in diesen Tagen zu lesen ist – auf den Tod vorbereitet? Sicher ist, dass Benedikt von Anfang an zwei Dinge vereint hat: Er wurde einerseits massiv unterschätzt und hat auf der anderen Seite sehr schnell viele Menschen positiv überrascht.

Am deutlichsten wurde Benedikt XVI. nach seinem Amtsverzicht unterschätzt. Es wurde an vielen Stellen darüber gesprochen, womit sich Benedikt verdient gemacht hat, aber auch über so manches vermeintliche Missgeschick heftig diskutiert. Klar war es auch irgendwie schön, einen deutschen Papst zu haben. Den Bayern verhalf es zu teils kuriosen Souvenirs – von Brot bis Bier – und der „Bild“-Zeitung zur wohl legendärsten Titelseite der jüngeren Geschichte: „Wir sind Papst!“.

Benedikt war ein Visionär

Das Sahnehäubchen aber war für viele der Amtsverzicht. Wahre Größe und Bescheidenheit hat man Benedikt XVI. attestiert – beinahe so, als wäre der Verzicht auf den Stuhl Petri seine größte Leistung gewesen. Ungerechter kann das Urteil über die Amtszeit dieses Papstes nicht ausfallen. In vielem, was Benedikt XVI. getan und gesagt hat, war er ein Visionär.

Dieser Papst hatte ein klares Programm: Er wollte, dass junge und alte Menschen zugleich Christus begegnen und näher kennenlernen. Das war sein Programm bei den Weltjugendtagen und das hat ihn auch sicher dazu veranlasst, quasi in seiner Freizeit unermüdlich an seinem dreibändigen Jesus-Buch zu schreiben.

Gerade dieses Buch hat mich persönlich wahnsinnig fasziniert. Im Vorwort zum ersten Teil machte er deutlich, dass es sich bei diesem Buch um „keinen lehramtlichen Akt“ handelt. Da schrieb also nicht der Stellvertreter Christi, sondern der Mensch Joseph Ratzinger. Das Buch war für viele – auch für mich – eine Ermutigung, den eigenen Glauben nicht im Zweifel ersticken zu lassen. Dieser menschliche Benedikt gibt darin den Lesern tiefe Einblicke in sein Glaubensleben und auch seine Fragen an Gott. Einmal nicht ein finales, endgültiges Produkt aus Rom, sondern das Mit-Erleben eines lebenslangen Prozesses. Spannend und neu zugleich.

Für viele enthielt das Pontifikat von Benedikt auch Widersprüche. Nicht wenige haben sich an ihm gestört und Anlass zur Kritik an ihm gefunden. Große Empörung gab es nach seiner oftmals falsch interpretierten Regensburger Rede im Jahr 2006 und seiner Kritik an der Gewalt im Namen des Glaubens.

Benedikt wollte Brücken bauen

Viel hat sich in Europa getan seit dieser Rede und ich bin mir nicht sicher, ob die Kritik an der „Islam-Schelte“ Benedikts auch heute noch so lautstark ausfallen würde. Klar ist: DEN Islam gibt es genauso wenig wie DAS Christentum. Und doch kann niemand die Augen davor verschließen, wie heute an vielen Orten der Welt Menschen leiden und ihr Leben verlieren, weil sie Christen sind oder einfach nicht den „richtigen“ Glauben haben.

Natürlich musste ein Papst wie Benedikt diese Haltung zutiefst verurteilen. Gerade er, der mit einer unaufdringlichen Sprache keine Gelegenheit ausgelassen hat, für den Glauben an diesen Jesus aus Nazareth zu werben. Dieses Werben beinhaltet die Achtung vor der Meinung des anderen und auch den Grenzen, die sich der Mensch manchmal selbst setzt.

Als der Sturm der Missbrauchsfälle die Katholische Kirche erschütterte, wurde Benedikt stark kritisiert. Klare Worte hat man von ihm gefordert und im Proteststurm übersehen, dass er längst tätig geworden war. Im Gespräch mit Betroffenen hat er um Verzeihung für das Unverzeihliche gebeten und – wie erst nach seinem Pontifikat bekannt wurde – in den Jahren 2011 und 2012 fast 400 Priester des Amtes enthoben.

Dass die von Benedikt angestrebte Versöhnung mit den Pius-Brüdern zu einem solchen Desaster wurde, lag nicht zuletzt daran, dass fast zeitgleich zu den Gesprächen Roms mit den Pius-Brüdern ein gewisser Richard Williamson vor laufender Kamera den Holocaust leugnete. Benedikt wollte Brücken bauen und stand binnen kürzester Zeit im Verdacht, einen Holocaust-Leugner zu rehabilitieren. Daran nicht ganz unschuldig war der oft starre vatikanische Apparat – das Williamson-Interview muss irgendwo in den langen, staubigen Informationskanälen stecken geblieben sein.

Benedikt dient noch heute der Kirche

Seitdem hat sich in der vatikanischen Kommunikationsarbeit viel getan: Benedikt war der erste Papst, der twitterte und Franziskus ist mit über 20 Millionen Followern heute ein Twitter-König. Auch die Kurie hat mittlerweile deutlich zu spüren bekommen, dass sie sich verändern muss. Heute scheint es so, als würde die Kirche in Rom auf Hochtouren an Veränderungen arbeiten – den Anstoß dazu gab es schon während Benedikts Pontifikat. War es doch er, der für viele Versäumnisse zu Unrecht verantwortlich gemacht wurde und spürbar unter der Fehlerhaftigkeit seiner Kirche gelitten hat.

Die Kirche und das Papstamt haben sich durch den Amtsverzicht Benedikts und die Wahl des Argentiniers Bergoglio verändert. Wenn Papst Franziskus vor großen Projekten oder an der Schwelle zu einer herausfordernden Pastoralreise steht, besucht er oftmals die römische Basilika Santa Maria Maggiore. Dort holt er dann die Jungfrau Maria ins Boot und vertraut ihr so sein Wirken an.

Was wenige wissen und rund um das Pontifikatsjubiläum Benedikts bekannt wurde: Fast genauso oft holt sich der Pontifex aus Argentinien Rat bei seinem Vorgänger. Dann besucht er Benedikt hinter den Mauern des Klosters „Mater ecclesiae“, in das er sich seit gut zwei Jahren zurückgezogen hat und tauscht sich im Vier-Augen-Gespräch mit ihm aus.

Viele hatten die Angst – manche die Hoffnung – Benedikt würde im Hintergrund weiterhin die Fäden ziehen. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Er dient der Kirche – auch heute noch. So wie er es versprochen hat: still, betend und in Demut. Auch das hätten viele nicht von ihm gedacht. Am Ende bleibt Benedikt XVI. sich treu und manch einer wird zugeben müssen, dass er ihn auch in diesem Punkt falsch eingeschätzt oder gar unterschätzt hat.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European, The European, Steffen Meyer.

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