Die Leute benennen ihre Bälger immer noch, als wären sie ein Schosshündchen von Fräulein Hilton. David Baum

Mittelmaß

Die Mittelschicht der USA verschwindet nicht, ihre Selbstwahrnehmung aber wandelt sich. Wer die anstehende Wahl gewinnen will, muss ihre Sorgen entschlossen ansprechen.

Ungleichheit treibt die Amerikaner weiter auseinander. Nach den jüngsten Erhebungen ist das Einkommen der oberen zehn Prozent beinahe neunmal größer als das der unteren zehn. In den späten 1970ern – der Blütezeit amerikanischer Chancengleichheit – betrug es nur das Fünffache. Die Explosion des Einkommens des oberen einen Prozents hat die Schlagzeilen erfasst, doch die Armen sind heute ebenfalls ärmer. Die Schwelle zwischen den unteren zehn Prozent und dem Rest liegt inzwischen 24 Prozent unter dem Wert von 1977.

Niedergang der amerikanischen Mittelschicht?

Die wachsende wirtschaftliche Kluft hat die Gesellschaft verändert. Einkommen prognostiziert heute vieles besser als noch vor dreißig Jahren, wen Menschen wählen, ob sie gesund sind oder krank und sogar wie glücklich sie sich fühlen. Anders gesagt, Geld ist nicht nur weniger gleichmäßig verteilt, sondern auch folgenreicher.

Gelehrte haben begonnen, vom Niedergang oder gleich dem Verschwinden der amerikanischen Mittelschicht zu sprechen. Sie übertreiben. Mehr Amerikaner gehören zur Mitte der Einkommensverteilung als zu ihren Extremen, genau wie in den 1970er-Jahren:

Die neue Erhebung sieht aus, als hätte man die Mitte der 1977er-Kurve beschwert; sie senkt sich und richtet sich an den armen und reichen Enden steil auf. Die Mittelschicht ist noch immer prominenter als die Enden, hat jedoch erkennbar eingebüßt. Eine Mehrheit, 56 Prozent aller Erwachsenen, leben in Familien, die 2010 zwischen $ 36.000 und $ 108.000 verdient haben. Ende der 70er hatte eine Zweidrittelmehrheit von 69 Prozent ein entsprechendes inflationsbereinigtes Einkommen. Während die heutigen wirtschaftlichen Probleme Amerikas offensichtlich sein mögen, waren sie auch in den späten 70ern vorhanden. Die Arbeitslosenquote betrug im Mai 1975 neun Prozent und lag 1977 bei über sieben Prozent. Die ökonomische Performance wurde bis in die 1980er-Jahre von der Inflation untergraben. Dennoch offenbart die heutige Geisteshaltung größere Sorgen.

Wirtschaftliche Unzufriedenheit liegt heute insgesamt nur wenig höher. 27 Prozent gaben an, überhaupt nicht zufrieden zu sein, in den 70ern waren es 21 Prozent. Allerdings glauben heute nur 54 Prozent aller Arbeitnehmer, einen sicheren Arbeitsplatz zu besitzen, während damals 71 Prozent so dachten.

Amerikaner mit mittlerem Einkommen vertrauen inzwischen weder der wirtschaftlichen noch der politischen Führungsklasse. 2010 gaben 44 Prozent an, kaum irgendein Vertrauen in Banker oder CEOs großer Unternehmen zu haben; ebenfalls 44 Prozent gaben selbiges bezüglich des US-Kongresses an. In den späten 1970ern betrugen die Prozentsätze nur 24 Prozent bzw. 20 Prozent.

Die Selbstwahrnehmung der Mittelschicht hat sich geändert

Nur wenige Amerikaner mit mittlerem Einkommen sind ideologisch. 38 Prozent bezeichnen sich als moderat, 34 Prozent als unabhängig (weder republikanisch noch demokratisch), 22 Prozent als konservativ und 15 Prozent als liberal. Ähnlich in den 70ern, als 41 Prozent moderat und 36 Prozent unabhängig waren. Diese breite moderate Mitte war entscheidend in jeder Präsidentschaftswahl seit 1968. Vor vier Jahren gewann Obama mit 57 Prozent über McCain mit 39 Prozent, 2004 erhielt Bush 53 Prozent und Kerry 45 Prozent.

Kurzum, der ökonomische Trend lässt die amerikanische Mittelschicht schrumpfen, doch sie ist noch immer weit größer als die Anzahl der Reichen oder Armen. Ihr Lebensstandard ähnelt der der größeren Mittelschicht aus den 70ern. Gewandelt hat sich dagegen die Selbstwahrnehmung der Mittelschicht. Sie sorgt sich mehr über den Verlust des Arbeitsplatzes und hat Vertrauen in die Institutionen verloren. Wenn die Muster der Vergangenheit auch in der anstehenden Wahl gelten, wird die Partei gewinnen, die diese Sorgen entschlossener anspricht.

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Roger Pilon, Martin Klepper.

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