Ethische Werte sind uns nicht objektiv vorgegeben, sondern müssen unter den Menschen auf der Basis ihrer jeweiligen Interessen ausgehandelt werden. Auch wenn es Gläubige gibt, die Probleme mit dieser Aussage haben, so ist sie doch Grundlage des „Gesellschaftsvertrags“, auf dem der moderne Rechtsstaat beruht.
Fragen wir uns also, welche individuellen Interessen durch PID berührt werden: Zunächst könnte man meinen, dass in erster Linie die Interessen der Embryonen betroffen seien. Allerdings haben frühe Embryonen, die problemlos eingefroren und wieder aufgetaut werden, keinerlei Empfindungen. Sie kennen weder Lust noch Schmerz. Deshalb verfügen sie auch nicht über Interessen, die in ethischen Güterabwägungen berücksichtigt werden könnten.
Ein Interesse an der Erhaltung menschlicher Embryonen haben daher allenfalls Personen, die sich der Existenz dieser Embryonen bewusst sind. Allerdings bauen nur sehr wenige Menschen emotionale Beziehungen zu empfindungslosen Zellkörpern auf – was insofern sinnvoll ist, da etwa die Hälfte aller natürlich entstandenen Embryonen in den ersten Schwangerschaftswochen abstirbt. Woher stammt also das Interesse am Erhalt der Embryonen?
Glaubenssatz der „Simultanbeseelung“
In erster Linie ist hier der Glaubenssatz der „Simultanbeseelung“ im Moment der Verschmelzung von Samen- und Eizelle zu nennen, der für Katholiken erst im Jahre 1869 verbindlich wurde. Zuvor ging die katholische Kirche von der Idee der „Sukzessivbeseelung“ aus, die Schwangerschaftsabbruch vor dem dritten Monat legitimierte. Klar ist: Wer glaubt, dass mit der Befruchtung der Eizelle „heiliges Leben“ entstehe, der muss die Zulässigkeit der PID, der Spirale und des Schwangerschaftsabbruchs bestreiten. Deshalb ist es zweifellos das gute Recht der Gläubigen, für sich selbst PID und Schwangerschaftsabbruch abzulehnen. Allerdings haben sie nicht das Recht, anders denkenden Menschen die Möglichkeit vorzuenthalten, diese Verfahren zu nutzen.
Schließlich sollten mündige Bürgerinnen und Bürger in einem liberalen Gemeinwesen tun und lassen dürfen, was sie wollen – solange es ihnen nicht mit guten Gründen verboten werden kann. Solche „guten, verallgemeinerungsfähige Gründe“ gibt es für ein Verbot der PID jedoch nicht, wie im Gutachten der Giordano-Bruno-Stiftung dargelegt wurde. Wenn sich Eltern gegen einen genetischen Defekt entscheiden, dann liegt ihr Motiv darin, Belastungen ihres künftigen Kindes zu vermeiden, ihm optimale Startbedingungen für das Leben zu schenken und selbst auch zusätzlichen Mühen zu entgehen. Hieran ist nichts verwerflich.
Kranke und Behinderte unterstützen
Das häufig vorgebrachte Argument, die Auswahl gesunder Embryonen laufe auf eine Herabsetzung von Behinderten hinaus, widerspricht nicht nur den empirischen Erfahrungen in den Ländern, die PID praktizieren, es ist auch theoretisch widersinnig: Nach dieser „Logik“ müssten wir auch Impfungen gegen Kinderlähmung abschaffen, weil diese eine Diskriminierung von Menschen mit Kinderlähmung zur Folge haben könnte. Wer halbwegs klar denkt, sollte begreifen, dass wir Kranke und Behinderte mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützen sollten – nicht aber Krankheit und Behinderung. Wären Behinderungen bloß Ausdruck unterstützenswerter „Vielfalt“, wie manche meinen, müsste man die Grünenthal GmbH dafür belobigen, dass sie die menschliche Vielfalt im Zuge des Contergan-Skandals so effektiv beförderte. Dies jedoch wäre – im Unterschied zur PID – tatsächlich „behindertenfeindlich“!

















Nö, Herr Schmitt Salomon. Zwar bin ich katholisch, aber ich brauche Gott nicht zu bemühen, um zu recht ähnlichen Ergebnssen zu kommen wie meine Kirche.
Wann fängt das Leben eines Menschen an? An dieser Stelle kann ich mir nur verwundert die Augen reiben, mit wie viel Aufwand empiriehörige Aufklärungsfundametalisten sich bemühen das Augenscheinliche weg zu argumentieren. Natürlich beginnt das Leben eines Menschen mit dem Zeitpunkt seiner Zeugung. Hier wird die Entwiklung in Gang gesetzt, zu diesem Zeitpunkt ist er in vielerlei Hinsicht bereits determiniert. Jedes Abstellen auf andere Faktoren ist gefährlich, da es die Menschenwürde relaiviert. Ob ein Mensch Menschenwürde hat soll plötzlich davon abhängen, in welchem Entwicklungsttadium er sich befindet (ab wievielen Zellen wird der Zellhaufen denn zum Menschen), ob er (für einen außenstehenden Beobachter nachvollziehbar) Schmerzen empfinden kann, oder ob er über Bewußtsein verfügt. Noch besser in ihrem Artikel: ob ein Mensch schutzwürdig ist, hängt davon ab, ob es andere gibt, die an seinem Erhalt ein Interesse haben! Im Umkehrschluss bedeutet dies: sobald keiner mehr glaubt, dass ich Schmerzen habe, sobald sich mein Bewusstsein nicht mehr in angemessen empfundener Weise äußern kann, sobald nicht mehr genügend Leute ein Interesse an meiner Existenz haben, dann…
Das ist der Kern des Problems, und ich frage mich, warum Leute wie Sie ein derart übersteigertes Interesse daran haben, die Menschenwürde zu etwas Verhandelbarem zu machen. Mir schwant nichts Gutes, immerhin bin ich als religiöser Mensch in den Augen ihrer Nachbeter ja auch mit lediglich zum Ballast taugender Hirnmasse ausgestattet. Angesichts der Milliarden Opfer des katholischen Massenmordes bin ich offensichtlich schmerzfrei und Person bin ich auch nur in unaufgeklärtem, also defizitären Ausmaß. Und die Welt, das weiß schon das kleine Ferkelchen, wäre ohne Leute wie mich viel besser. Dass ich noch lebe ist offensichtlich nur eine Frage von noch nicht zustande gekommenen definitionsmächtigen Mehrheiten von “brights”.
Und hörense endlich auf mit all den nie nidierenden Eizellen. Das ist kein Argument: auch sie könnten morgen einfach tot umfallen, wenn der Zufall es will. Das rechtfertigt heute aber niemanden, der nach ihrem Leben trachtet.
Und nun heucheln sie Behinderten weiter etwas vor: "Ich respektiere dich, ich diskriminiere dich nicht. Aber solche wie Du würden besser nicht geboren!
In Ihrem Kommentar, Herr Alex, finden wir eine bizarre Verdrehung: niemand hat hier behauptet, daß ein Behinderter besser nicht geboren worden wäre. Vielmehr wurde ausgesagt, daß es besser gewesen wäre, er wäre gesund und ohne Behinderung geboren. Erkennen Sie den feinen Unterschied? Oder würden sie vermuten, daß nicht ein Behinderter lieber nicht behindert wäre, wenn er die Wahl hätte? Daß ein Kranker nicht lieber gesund wäre, wenn er die Wahl hätte?
Es sollte nicht Präimplantationsdiagnostik heißen, sondern PräimplantationsSELEKTION. Das ist wie bei den Nazis an der Rampe in Ausschwitz.
Und die Giordano Bruno Stiftung ist ein Kind dieser Geisteshaltung. Propaganda-Chef Schmidt-Salomon hätte es zu anderen Zeiten weit gebracht, so erhält er derzeit nur den Beifall der Halbgebildeten…
@Alex: Niemand “relativiert die Menschenwürde” aber ein Paar Zellen als Mensch zu betiteln ist lecherlich. Die Kirche und ihre selbst genannte Moral hat kein Recht über alle(s) zu entscheiden, jeder soll das Recht und die Möglichkeit haben den richtigen Weg für sich frei suchen zu können.
Nein, es ist eine bizarre Verdrehung, was Sie hier abliefern: Es geht hier um die Frage, ob Behinderte geboren werden sollten, wenn sich ihre Geburt elegant verhindern lässt. Ein Behinderter oder Erbkranker wünscht sich sicherlich oft, nicht behindert oder krank zu sein, aber wünscht er sich, nie gezeugt worden zu sein? Denn das ist die Wahl vor der wir hier stehen: gesund und gewollt oder krank und verworfen.
Und es ist bizarr, wie aufgeklärt mancher auftritt, obwohl er doch nur der atavistischen Barbarei anhängt, eine Gesellschaft, ein Expertenrat oder ein Elternpaar dürften frei darüber entscheiden, wer leben darf und wer nicht.
Die Berufung auf die Menschenwürde scheint vielen weiteres Nachdenken zu ersparen. Es ist ein Joker-Argument, das immer dann aus der Tasche gezogen wird, wenn man glaubt, ein letztes, unhinterfragbares, nicht mehr zu widerlegendes Argument ausspielen zu müssen. Aber lassen wir doch mal die Wirklichkeit sprechen, die so gern versteckt wird, weil wir sie gar nicht ertragen könnten.
Wer einmal ein Heim für schwerstbehinderte Menschen besucht hat und dort – man muss es leider so ausdrücken – diese Menschen dahin vegetieren sah, manchmal lallend, manchmal nur stumpfsinnig vor sich hin starrend, oft unter schwer einschätzbaren Schmerzen leidend, sich einnässend und einkotend, offenkundig unfähig, die Umwelt überhaupt wahrzunehmen, dem fällt es schwer, hier von menschlicher Würde zu sprechen, oder will man darin gar die Ebenbildlichkeit Gottes erkennen, die Gläubige so gern im Munde führen. Sie haben selbstverständlich alle Rechte, die ein Mensch sinnvollerweise in Anspruch nehmen kann. Aber wer will denn ernsthaft, dass noch mehr solcher armseligen Wesen geboren werden, um dann – für die Öffentlichkeit praktisch unbemerkt – in solchen Heimen wieder versteckt zu werden?
Diese bedauernswerten, schwerstbehinderten Menschen verdienen alle Fürsorge und Zuwendung von jenen, denen ein solches Schicksal erspart geblieben ist, und mein größter Respekt gilt jenen, die diese Betreuung leisten. Mir drängte sich damals dennoch der Gedanke auf, dass Nichtgeborenwerden auch eine Gnade sein kann.
Hallo Alex,
leider konntest du in deinem Kommentar auf 2 wesentliche Punkte bislang nicht eingehen.
Zunächst einmal der ganz zentrale Punkt:
Warum erheben Sie für sich den Anspruch anderen Menschen PID verbieten zu wollen?! Wenn Sie es selbst ablehnen (die Logik der Gründe mal außen vor), dann ist das ja in Ordnung und Sie sind ja auch nicht verpflichtet bei einer Schwangerschaft Ihrer Frau die PID durchzuführen. Wo liegt konkret das Problem anderen Menschen die freie Entscheidung zu ermöglichen, ob Sie PID in Anspruch nehmen wollen oder eben nicht?
Der zweite Punkt ist Ihre Argumentation bzgl. des Beginns vom menschlichen Leben. Was ist beispielsweise mit den angesprochenen absterbenden Embryonen in den ersten Schwangerschaftswochen? Es sei Ihnen gestattet eine emotionale Bindung zu einem Körper aufbauen zu wollen, jedoch gilt dies wohl nur für einen Bruchteil der Menschen. Abseits von emotionalisierter “Mord-am-Zellkörper”-Ideologie finden eben diese Prozesse auf biologischem Wege zuhauf statt.
Wenn Sie die PID ablehnen – bitte. Aber woher nehmen Sie sich das Recht anderen Menschen ihren Moralkodex aufdrücken zu wollen?
Eines wird offenbar immer wieder übersehen: PID schafft und rettet Leben. PID ist eine Maßnahme für Eltern, die auf natürlichem Wege mit hoher Wahrscheinlichkeit keine gesunden Kinder zeugen können, die z.B. schon mehrere Fehlgeburten erleiden mussten. Zudem stellt sich die Frage: Warum soll die Selektion durch PID, bei der geschädigte Eizellen ausgesondert werden illegal sein, während die späte Selektion durch Abtreibung (bei behinderten Föten oft Spätabtreibung!) aber nicht?
Abtreibung ist ein viel hässlicheres und für alle Beteiligten belastenderes Verfahren als PID, wobei nur völlig unbewusste Zellcluster überprüft werden.
Wenn Menschen in jedem Entwicklungsstadium der gleiche Rechtsschutz zukäme, wäre bereits die Pille danach als Mord zu bewerten. Damit wären wir bei einer barbarischen Gesetzgebung, die an islamistisches Scharia-Recht erinnert.
Es ist daher gefährlich, den graduellen Prozess der Menschwerdung zu relativieren und werdendes menschliches Leben so zu behandeln als wäre es exakt equivalent zu vollständigen, bewusst-empfindsamen Menschen.
Es ist ein Allgemeinplatz, dass Menschen auch dann ein Überlebensinteresse zugeschrieben werden muss, wenn sie schlafen, komatös oder betäubt sind. Diese Annahme ist ein essenzieller Bestandteil unseres Gesellschaftsvertrags.
Ideologiekritischen Humanismus mit Genozid an religiösen Menschen zu verbinden, empfinde ich als Beleidigung. Alle prominenten Religionskritiker unserer Zeit setzen sich für die universellen Menschenrechte ein.
“PID schafft und rettet Leben” … und zwar auf Kosten von anderen Menschenleben. Dann stimmt der Satz in der Tat.