In der Türkei gibt es wenig Lauwarmes: Was immer die Türken tun – sie tun es mit Feuer. Das hat große Vorteile: Die Wirtschaft boomt, die Demokratisierung kommt voran. Kaum ein Land hat sich in den vergangenen Jahren so dynamisch entwickelt. Verglichen mit der europäischen Stagnation, den immer ängstlicher werdenden Integrationsschritten, fällt in der Türkei die ungebremste Lust zur Innovation auf. Das Land hat in diesem Punkt eine lange Tradition. Schon der legendäre Gründervater Atatürk boxte wichtige Reformen im Eilzugtempo durch. Er wurde wütend, wenn seine Berater sagten, ein Projekt könne in zwei Jahren realisiert sein. Atatürk verlangte, dass dieses Projekt in zwei Monaten verwirklicht sein müsse.
Eine nationale Versöhnung steht aus
Die feurige Herangehensweise hat auch Schattenseiten: Die Gräben im Land sind immer noch offen. Eine nationale Versöhnung steht aus. Vor allem in der Kurdenfrage braucht die Türkei eine solide, dauerhafte und tragfähige Lösung. Freundliche Worte und symbolische Gesten reichen nicht aus. Das haben die Ausschreitungen der vergangenen Wochen gezeigt. Auch das Chaos im Parlament ist kein gutes Zeichen: Erdogan muss es schaffen, in wichtigen Fragen einen politischen Konsens herzustellen. Auch wenn die Türken den Kompromiss hassen – sie werden noch viele schließen müssen, um den Preis, dass es manchmal langsamer und vielleicht sogar langweiliger zugeht. Etwa bei der Wirtschaft: Das eben bekannt gegebene Rekord-Wirtschaftswachstum hat bei den Türken zu einem Schub an Stolz und Selbstbewusstsein geführt. Aber die Türken müssen nun bald aktiv gegen eine Überhitzung vorgehen. Ähnliches gilt für die soziale Gerechtigkeit: Der aktuelle Manchester-Kapitalismus nützt einigen wenigen und löst nicht das Problem von Armut und Verelendung, etwa in der immer schneller wachsenden Metropolregion von Istanbul.
Eine besondere Rolle bei der weiteren Entwicklung kann Deutschland spielen. Viele Familien haben hybride Identitäten – fühlen sich der Türkei verbunden und Deutschland, haben hier und dort Familie, arbeiten mal in Istanbul, dann wieder in Köln oder München. Die Angst vor dem Islam mag eine Rolle spielen – ist jedoch unbegründet. Wenn die Türkei in der Geschichte nicht selten ein unsicherer Kombattant gewesen ist, so war das nie eine religiöse Frage. Das hängt eher mit einer tief verwurzelten Handelskultur zusammen. Händler müssen immer Opportunisten sein. Sie suchen die beste Gelegenheit und verkaufen dem Meistbietenden. Darauf könnte sich Deutschland leicht einstellen: Berlin sollte Ankara mehr bieten als nur Phrasen. Die europäischen Hinhaltetaktik kommt in der Türkei gar nicht gut an – und das zu Recht. Was haben Kroatien oder Rumänien, was wir nicht haben? – fragen sich viele Türken.
Die EU kämpft ums Überleben
Die EU kämpft gerade massiv ums Überleben. Für wahre Kaufleute ist eine Krise immer zuallererst eine Chance. Die deutsche Außenpolitik muss sich jetzt nicht einer Basar-Mentalität hingeben. Es reicht, wenn sie die deutschen Werte – Ingenieurskunst, soliden Mittelstand und an Langeweile grenzenden Pragmatismus – den Türken anbietet als ein Klima, in dem man gute Geschäfte machen kann. Am besten gemeinsam, im Geben und Nehmen. Die Deutschen können von den Türken lernen: Leidenschaft, Entschlossenheit, und gar nicht wenig Chuzpe.
Eine Epoche der deutsch-türkischen Synergien könnte am Ende auch dem alten Kontinent Flügel verleihen. Mehr Europa geht nicht.
Mehr zur Türkei erfahren Sie hier.






















