Grüne Welle

Michael Lühmann4.09.2013Gesellschaft & Kultur, Politik

Die Grünen besetzen ein Feld, auf dem die Wertkonservativen versagt haben. Jetzt ist die Revolution nicht mehr zu stoppen.

Neosozialisten, Spießbürger, Tugendterroristen, Dagegen-Partei, Fortschrittsfeinde. Die Urteile der politischen Konkurrenz über die Bündnisgrünen sind wenig schmeichelhaft. Die Angst vor der grünen Lehre ist greifbar, vor allem im liberal-konservativen, altbürgerlichen Lager. Allzu oft unterliegen CDU und FDP inzwischen dem parteigewordenen Ökologismus. Daran konnte auch das kurze Zwischenhoch der Piratenpartei nichts ändern.

Was in Baden-Württemberg mit dem Wahlsieg Winfried Kretschmanns begann, hat sich in den Städten noch verstärkt: Von den vierzehn Großstädten mit einer Einwohnerzahl über 500.000 – den mutmaßlichen Schmelztiegel künftiger gesellschaftlicher Entwicklung – stellt die CDU nur noch in Dresden und Düsseldorf den Bürgermeister. Frankfurt a. M. , Köln, Hamburg, Essen, Duisburg, Stuttgart – die Liste der verlorenen Städte seit 2009 ist lang. Dort hat die Grüne Gesellschaft, vor der das altbürgerliche Lager so gern warnt, längst Gestalt angenommen.

Der Boom der Bio-Supermärkte, der rasante Zuwachs an Solarzellen, Car-Sharing, Genossenschaftsbanken und urbanes Gärtnern: Das alles ist der sichtbare Ausdruck eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels, der in der Vierfachkrise von Banken, Staatsschulden, Euro und Umwelt bereits vor dem Tsunami in Japan einen deutlichen Schub erhalten hatte. Die Kernschmelzen von Fukushima haben auf erschreckende Art und Weise lediglich der grünen Erzählung von der Notwendigkeit eines ökologischen Umbaus der Gesellschaft weitere Legitimität und Autorität verliehen. Die ökologische Stadtgesellschaft, die vor allem in den Quartieren des Bildungsbürgertums ihren konkreten Ausdruck findet, die demoskopischen wie elektoralen Höhenflüge der Partei, die von den gleichen Vierteln ausgehen, sind indes mehr als eine Laune des Zeitgeistes.

Sie verweisen vielmehr auf eine vor allem im Bildungsbürgertum zyklisch auftauchende, kritische Distanz zur ewig prosperierenden Fortschrittsmoderne. Schon um die vorvergangene Jahrhundertwende war es das Bildungsbürgertum, welches sich kritisch gegen die urbane Moderne wendete; welches sich in der Lebensreform mit seinem Leitbild von Gesundheit und Natürlichkeit dem rasanten technischen und sozialen Wandel entgegen warf.

Gartenstadt, Kommunen, Vegetarismus, Alkoholverzicht, Kleiderreform und Ausdruckstanz bildeten ein – in Teilen durchaus moralisch rigides – Bollwerk gegen den sich immer mehr beschleunigenden Wandel von Kommunikation, Mobilität und Wissensbeständen. Hieraus entwickelt sich beispielsweise die Anthroposophie Rudolf Steiners, die heute in Gestalt von GLS-Bank, Weleda und Alnatura im Zentrum der Nachhaltigkeitsrevolution steht.

Blick zurück nach vorn

In den 1970er-Jahren wurde dann das Atomkraftwerk zum Kulminationspunkt bürgerlich-konservativer Modernisierungskritik. Im Angesicht sich häufender ökologischer Katastrophen und Problemlagen war es Hans-Dietrich Genscher (FDP), der die Umweltpolitik institutionalisierte. Und mit Herbert Gruhl schrieb ein CDU-Politiker, unter dem Eindruck der Diagnose begrenzten Wachstums, den ersten deutschen Öko-Bestseller. Währenddessen protestierte in Whyl ein Bündnis aus Bauern, Winzern und Studenten gegen die Kernkraft, und die konservative Kulturkritik verfasste ökologische Manifeste.

Heute befindet sich das sogenannte bürgerliche Lager auf der anderen Seite der Barrikaden. Denn während die Neue Linke Ende der 1970er-Jahre ins ökologische Rettungsboot stieg, gaben die Protagonisten der geistig-moralischen Wende das urbürgerliche Thema Ökologie preis. Doch damit nicht genug: Seit sich zeigt, dass mit und gegen eine ökologische Wende in der Gesellschaft Wahlen gewonnen und verloren werden können, gibt es kein Halten mehr.

Mit dem Bedeutungszuwachs der ökologischen Frage sind die Grünen und ihre Parteigänger zur Zielscheibe geworden. Die Beteiligung an den Protesten gegen Stuttgart 21 brachte ihr den Titel der Dagegen-Partei ein, die Korrektur der Agenda-Politik den Vorwurf des Neosozialismus und das Beharren auf Energie- und Agrarwende den Vorwurf des moralischen Rigorismus, den sich nur die grüne Oberschicht leisten könne.

Doch greifen solche Vorwürfe deutlich zu kurz. Mehr noch: Sie zeugen von der Unfähigkeit, gesellschaftlichen Wandel zu verstehen. Frank Schirrmacher hat in seinen letzten intellektuellen Einwürfen eindrücklich die Wirkungsmacht des Homo oeconomicus aufgezeigt. Dieser Menschentypus kann nur in ökonomischer Expansion denken, nicht aber in ökologischer Beschränkung; er kann nur mit dem Fortschritt gehen, der ihm Vorteile gegenüber seinen Wettbewerbern verschafft.

So aber denkt der grüne Teil der Gesellschaft nicht. Vielmehr wirft sich dieser Teil den Zumutungen einer entgrenzten Finanzökonomie, einer sich immer mehr beschleunigenden Kommunikationswelt, den Folgen umweltschädlicher und menschenverachtender Produktionsweisen entgegen.

Ihm sind tote Textilarbeiter in Asien, Bienensterben und Klimawandel nicht egal. Die Gegenerzählung funktioniert über saubere Energie, fairen und ökologischen Konsum, neue Formen des Arbeitens und Wirtschaftens. Hier verbindet sich die bürgerliche Kritik an den Aporien der Moderne mit der grünen Erzählung vom ökologischen Umbau der Gesellschaft – in der ökonomischen und ökologischen Dauerkrise ist das eine wirkmächtige Verbindung.

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