Wir dürfen nicht nach Hause gehen und denken, dass die Klimakonferenz das Problem gelöst hat. Rajendra Pachauri

„Der Widerstand wächst“

Der Klimagipfel in Durban ist vorbei, das Ergebnis ein politischer Kompromiss. Michael Kühn von der Welthungerhilfe war vor Ort und spricht im Interview mit Florian Guckelsberger über die Leistungsfähigkeit der Vereinten Nationen, die Rolle der Zivilgesellschaft und die Chance einer neuen Süd-Süd-Kooperation zum Klimaschutz.

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The European: Herr Kühn, ist das Glas halb voll oder halb leer?
Kühn: Das ist eine gute Frage. Als Optimist sage ich: Das Glas ist halb voll, da man sich in Durban auf etwas geeinigt hat, das es vorher so noch nicht gab.

The European: Glauben Sie an eine Lösung 2015?
Kühn: Man muss zwischen dem unterscheiden, was notwendig ist für den Klimaschutz und dem, was im Rahmen der Vereinten Nationen (VN) geleistet werden kann. Der relative Fortschritt, der auf dem Gipfel in Durban erkennbar wurde, besteht darin, dass es keinen Rückschritt gegeben hat. Wenn 194 Staaten miteinander verhandeln, ist oft nicht mehr zu erwarten. Denn hier geht es natürlich nicht nur um Klima-Fragen, sondern auch um andere politische Fragen, die dann als Teil einer Paketlösung verhandelt werden. Da werden parallel Handels-, Ressourcen- und Geldfragen behandelt. Ein solch multilaterales System mit fast zweihundert Teilnehmern ist in seiner Output-Kapazität beschränkt. Insofern erwarte ich mir von diesem Forum zum Thema Klimaschutz nicht notwendigerweise die allerbeste Lösung.

„Wir haben uns lautstark bemerkbar gemacht“

The European: Den VN wird im Sinne einer Global Governance eine gewisse Schwäche attestiert. Bindende Entscheidungen werden nur zögerlich getroffen. Welche Alternative bieten zivilgesellschaftliche Foren, wenn sich Staaten aus geo- oder wirtschaftspolitischen Gründen nicht einigen wollen oder können?
Kühn: Die VN sind nur so gut oder schlecht wie ihre Mitglieder. Es wäre deshalb falsch, die Schuld dort zu suchen. Es sind eben einzelne Staaten, die Lösungen blockieren, etwa Kanada, das nun auch aus dem Kyoto-Protokoll ausgestiegen ist. Umso wichtiger ist die Rolle der Zivilgesellschaft. Wir werden geradezu aufgefordert, an die nationalen Regierungen heranzutreten und zu sagen: „Die Welt steuert auf den Abgrund zu und das können wir nicht zulassen!“ Die ganzen Probleme im Bereich Global Governance fordern uns heraus – in Durban waren deshalb Nichtregierungsorganisationen (NGO) sehr präsent, genau wie Jugendgruppen, die versucht haben, über Facebook und Twitter die Gipfel-Entwicklungen nachzuzeichnen. Das ist eine wichtige Entwicklung und ich denke, in Südafrika haben wir mit diesem Vorgehen einiges erreicht. Es gab eine gewisse Dynamik, die auch von den Konferenzvertretern positiv aufgenommen wurde.

The European: Haben Sie das Gefühl, Ihnen wurde zugehört?
Kühn: Sie haben uns sicherlich zugehört, denn wir haben uns lautstark bemerkbar gemacht. Ob sich das nun im Regierungshandeln niederschlägt, ist fraglich. Das verrät uns die Erfahrung. Nun müssen wir nach Berlin gehen und die Kanzlerin daran erinnern, dass wir als eines der reichsten Länder der Erde eine besondere Verantwortung haben. Unsere Vorreiterrolle, auch innerhalb der EU, muss gewahrt bleiben. Wir können anderen Ländern zeigen, wie man Klimaschutz aktiv umsetzt, eine energieeffiziente Gesellschaft organisiert und wie die Wirtschaft zu diesem Prozess beitragen kann. Das sind alles Beiträge, die die Zivilgesellschaft leisten kann.

The European: In Südafrika haben Sie NGO-Mitstreiter aus China, Indien und den USA getroffen. Haben Sie das Gefühl, dass in diesen Ländern, ungeachtet der offiziellen Linie, ein Umdenken auf Graswurzelebene stattfindet?
Kühn: Das ist in wenigen Sätzen schwer zu beantworten. Auf jeden Fall wird die starre Haltung der Regierungen in den USA, in Kanada und in China von Seiten der Zivilgesellschaft offen kritisiert. Insbesondere in Nordamerika wächst der Widerstand aufgeklärter Bürger gegen die Blockadehaltung Washingtons. In China ist das naturgemäß etwas anders. Ob die NGO hier nicht vom Staat gesteuert werden, ist schwer zu sagen. Aber ich denke, auch in Peking tut sich etwas.

Es kommt aber noch ein anderes Element hinzu, das durch die Aussage der indischen Umweltministerin in Durban deutlich wird: „Euch geht es um die Nachhaltigkeit eures Lebensstils, uns geht es um Sicherung des Überlebens.“ Das sind die zwei Aspekte der Debatte und damit hat die indische Delegation natürlich auch recht, was im Übrigen auch die indische Zivilgesellschaft weitgehend so sieht. Die Entwicklungs- und Schwellenländer verweisen auf die historische Schuld der Industrienationen. Jetzt werden die Ressourcen knapp und gleichzeitig wächst die Notwendigkeit in der Dritten Welt nach Lebenschancen. Der Norden muss seiner Verantwortung gegenüber dem Süden gerecht werden.

„Den afrikanischen Ländern steht das Wasser bis zum Hals“

The European: Die Prognosen der Klimaforscher legen nahe, dass wir uns eine Debatte um historische Schuld nicht leisten können.
Kühn: Trotzdem wird diese Schuld angemahnt. Hier geht es auch um Glaubwürdigkeit. Wir müssen unsere Versprechen einhalten und unseren Lebensstil ändern. Gleichzeitig gilt es, den Süden beim Versuch der klimafreundlichen Entwicklung zu unterstützen. Ansonsten werden die Menschen uns zu Recht darauf hinweisen, dass wir unsere Glaubwürdigkeit verspielt haben. Und es wird bei Weitem nicht ausreichen, die derzeitigen Vereinbarungen zu Emissionsreduktionen umzusetzen. Wir müssen noch mehr tun, als uns an die freiwilligen Emissionsverpflichtungen zu halten. Bis 2100 könnte die Durchschnittstemperatur der Erde um bis zu fünf Grad steigen – es sei denn, wir steuern massiv um. Das wissen sowohl die Schwellenländer als auch die Amerikaner – zu politischen Kompromissen sind sie dennoch nicht bereit.

The European: Herr Schellnhuber, Mitglied des Weltklima-Rats, spricht in einem „FAZ“-Interview von einer neuen, wegweisenden Allianz zwischen Afrika und Europa. Denken Sie, dass diese Süd-Süd-Kooperation nachhaltig funktionieren wird?
Kühn: Die EU-Strategie in Durban basierte darauf, andere Länder ins Boot zu holen, eine Koalition der Willigen aufzubauen, um dann Länder wie China und Indien zu überzeugen, mitzumachen. Die EU-Strategie in Durban war auch deshalb sehr riskant. Die Zustimmung zu einer Verlängerung des Kyoto-Protokolls wurde von der Bereitschaft anderer Länder abhängig gemacht, einem globalen, rechtlich verbindlichen Vertrag zuzustimmen, der alle Emittenten umfasst. Durch die Kooperation mit den afrikanischen Ländern wurden dann vor allem Indien und China isoliert, die aus vielen Gründen ein besonderes Interesse haben, mit afrikanischen Ländern zu kooperieren. Etwa wenn es um Rohstoffe geht. Es war dieser Druck einer euro-afrikanischen Zusammenarbeit, der die beiden asiatischen Großmächte dazu gebracht hat, in Zukunft die Unterzeichnung eines solchen Vertrages in Betracht zu ziehen. In Durban hat diese Strategie gut funktioniert. Jetzt gilt es aber, den afrikanischen Partnern die zugesagten Hilfen, vorwiegend finanzieller Natur, auch zukommen zu lassen, sonst wird diese Koalition scheitern.

Die afrikanischen Länder sind jetzt schon vom Klimawandel betroffen. Denen steht das Wasser bis zum Hals – im wahrsten Sinne des Wortes. Hier muss nicht weiter sensibilisiert werden. Problematisch ist, dass diese Länder noch keine Klimasünder sind, weil sie, im globalen Vergleich, kaum Treibhausgase ausstoßen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Linda Polman: „Hilfsorganisationen handeln im Eigeninteresse“

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