Den ungerechtesten Frieden finde ich immer noch besser als den gerechtesten Krieg. Marcus Tullius Cicero

Was von Gauck bleibt und bleiben sollte

Als Kandidat mag er in der Bundesversammlung gescheitert sein. Für den Diskurs gegen die Politikverdrossenheit und für das Amt des Bundespräsidenten hat alleine das Antreten Joachim Gaucks dennoch großes geleistet.

Am Schluss kam es so, wie alle es erwartet hatten. Auch ich. Christian Wulff ist Bundespräsident der Bundesrepublik. In einem habe ich geirrt. Ich konnte mir vor Wochen nicht vorstellen, dass Wulff drei Wahlgänge benötigt. Auf die politische Logik, die disziplinierende Angst vor Neuwahlen und die Einschätzung, dass es nicht so schlimm um die Koalition stehen könne, wie die Medien schreiben, habe ich gesetzt. Wer unter den Delegierten der Koalitionsparteien sich warum lieber für Joachim Gauck und gegen Christian Wulff entschieden hat, interessiert mich weniger. Das müssen Union und FDP klären. Was mich vielmehr interessiert, nach diesen wunderbaren Wochen des gesellschaftlichen Aufbruchs und der politischen Phantasie, ist das Erbe, das die Kandidatur von Joachim Gauck hinterlässt.

Anders, nicht Anti

Das Faszinierende an seiner Kandidatur lag zum einen in seiner Person begründet. Ein Mann der Geschichte, der die Gegenwart bewegt. Ein Visionär in der Politik. Kreativ, aber nicht naiv. Er hat der Politik gut getan, weil er als politischer Mensch den BürgerInnen gezeigt hat, wie intellektuell, spannend und lustvoll Politik sein kann.

Zum anderen lag das Faszinierende an seiner Kandidatur daran, dass er nicht jenseits der Politik stand, sondern zwischen den verschiedenen Strömungen. Gauck war für viele wählbar. Weil sich viele in seinen Aussagen wiederfinden konnten, aber noch vielmehr, weil man sich an ihm rieb. Gauck machte keine Wohlfühl-Kampagne. Er sprach Unangenehmes aus, gerade gegenüber den beiden Parteien, die ihn nominiert hatten. Seine entschiedene Haltung für die Sozialreformen unter einem sozialdemokratischen Bundeskanzler Schröder und für eine Interventionspolitik in Afghanistans eines grünen Außenministers Fischer schmeckte nicht allen. Wer seine Reden in den letzten Wochen gehört hat, hörte Gauck für den Parteienstaat argumentieren, für die repräsentative Demokratie, für die politische Ordnung der Bundesrepublik Deutschland. Und er machte Mut und Hoffnung, dass unbequeme Politik die richtige sein kann. Dass Gauck dies eben als nicht aktiver Politiker getan hat, macht sein Erbe umso wichtiger.

Mehr als alle Rote-Socken-Kampagnen

Noch etwas wird bleiben. Joachim Gauck hat in den letzten vier Wochen mehr zur Entzauberung der Linken getan als alle Rote-Socken-Kampagnen zusammen. Wo die Phrase von der roten Gefahr nur noch hohl wirkte, deckte Gauck die Widersprüchlichkeiten der Linken auf. Ihr Gerede vom Frieden, dem die eigene Parteiengeschichte entgegensteht. Kein Land war in Europa vor 1989 so militarisiert wie die ehemalige DDR. Gauck erinnerte bei einer Unterstützerveranstaltung von Künstlern und Bürger am 25. Juni im Radialsystem in Berlin daran. Er erinnerte auch daran, dass der Staat, den sich die Linke vorstellt, letztlich ein entmündigender ist. Die Freiheit als die Verantwortung der Erwachsenen denkt Solidarität mit. Vertikal wie horizontal. Die Ausprägung von Solidarität, eine der wichtigen Errungenschaften der Französischen Revolution, ist eben komplexer, als es Gysi, Lafontaine, Ernst, Lötzsch und anderen Linke vorgaukeln. Und ohne Freiheit ist Solidarität nichts. Gauck, dem das Leben im Gesicht geschrieben steht, hat die Linken alt aussehen lassen.

Rot-Grün muss in fünf Jahren ihrem Anspruch der letzten vier Wochen gerecht werden. Eine Person für das höchste Amt im Staat zu benennen, die nicht abgeschoben werden soll, die den nominierenden Parteien nicht nach dem Maul redet, sondern die politisch ist, visionär und mutig. Das muss von der Kandidatur Gaucks bleiben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Frank-Walter Steinmeier, The European, Maria von Welser.

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