Es gibt zur Zusammenarbeit zwischen den Nationen keine Alternative. Barack Obama

„Meine Eltern finden das nicht lustig“

Michael Kessler parodiert Adolf Hitler. Wie es sich anfühlt, eine SS-Uniform zu tragen und warum er absichtlich das Hakenkreuz zeigt, bespricht er mit Thore Barfuss und Lars Mensel.

The European: Herr Kessler, wann ist es Ihnen zum letzten Mal passiert, dass Sie aus Versehen wie Hitler gesprochen haben?
Kessler: (lacht) Das passiert sehr selten. Vor allem ist die Figur aber in Kollegenkreisen oder bei Filmdrehs sehr beliebt.

The European: Wie reagieren Sie, wenn jemand anderes Ihnen gegenüber Hitler nachmacht?
Kessler: Das machen die Leute sehr gerne. Weniger beim Film, als auf der Straße. Manche haben die Sketche so oft gesehen haben, dass sie sie in und auswendig können.

The European: Stört Sie das denn?
Kessler: Nein, das können sie gerne tun. Das zeigt ja, dass es ihnen gefällt.

The European: Timur Vermes schreibt in unserer Debatte vom „Hitlertainment“. Haben Sie es je als ­Problem gesehen, dass „Obersalzberg“ Teil einer Unterhaltungssparte rund um Hitler ist?
Kessler: Im Grunde hat es eine lange Tradition, sich über Hitler lustig zu machen, besonders im Ausland. Dass die Deutschen sich das nach dem Krieg nicht getraut haben, war aber richtig. Mit dem zeitlichen Abstand setzt ein reflektierter Umgang ein – auch in der Komik.

The European: Wie haben Sie sich denn als Künstler Hitler ­genähert?
Kessler: Man hat Hitler erstaunlich gut im Kopf. Hitler war ja bewusst, wie gut man den Seitenscheitel und den Bart erkennt. Ihn darzustellen geht ganz schnell: schwarze Haare, Seitenscheitel, Bart. Und jeder weiß sofort, wer gemeint ist.

„Irgendwie verfolgt mich der Hitler"

The European: War „Obersalzberg“ Ihre erste Parodie auf Hitler?
Kessler: Nein, irgendwie verfolgt mich der Hitler. Bei „Switch“ in den 1990er-Jahren habe ich ihn in der Reihe „Hitlers Helfer“ verkörpert. In der „Wochenshow“, die ich zwischen „Switch“ und „Switch Reloaded“ gemacht habe, hatten wir die Hitler-WG, wo ich mit Ingolf Lück und Bürger Lars Dietrich zusammen als ­Hitlers in einer Wohnung gewohnt habe.

The European: Wie war das, als Sie dann nach der langen ­Pause in „Obersalzberg“ wieder den „Führer“ gespielt ­haben?
Kessler: Ich weiß noch genau, wie dieser Vorschlag auf meinem Schreibtisch gelandet ist. Die Sketche von Stefan Stuckmann kamen mit der Bemerkung vom Produzenten: Ich solle mir das ansehen, aber eigentlich könne man das nicht machen. Ich habe aber sofort gesagt: Das müssen wir machen! Diese Idee, Bernd Stromberg und Adolf Hitler zu verbinden, fand ich genial.

The European: Tut man Adolf Hitler unrecht, wenn man ihn mit Bernd Stromberg vergleicht?
Kessler:(lacht)

The European: Wir hatten gehofft, dass Sie die Frage nicht falsch verstehen.
Kessler: Lustige Frage, das finde ich gut. Ich sage mal so: Es sind beides Arschlöcher.

The European: Ein bisschen ernster: Wie ist das, wenn klar wird, dass man Adolf Hitler vor einem Millionenpublikum spielen wird?
Kessler: Darüber denke ich in dem Moment nicht nach, wenn ich eine Nummer gut finde. Und das entscheide­ ich rein intuitiv, mit meinem Humor und meinem Gefühl dafür. Schon mein allererster Auftritt vor einer Kamera hatte mit Hitler zu tun. Damals war ich noch in Bochum auf der Schauspielschule.

The European: Erzählen Sie!
Kessler: Armin Rohde war damals am Schauspielhaus ­Bochum und fragte mich, ob ich bei einem Kino­film mitmachen will. Zwei Nächte Dreh in Essen, damals habe ich natürlich gesagt: Ja, klar. Da konnte man sich ein paar Kröten ­verdienen. Der Film stellte sich dann als „Schtonk!“ heraus.

„Den Holocaust kann man nicht in der deutschen ­Comedy verarbeiten"

The European: Helmut Dietls Klassiker über die gefälschten Hitler-Tagebücher mit Uwe Ochsenknecht, Götz George und Harald Juhnke. Wen genau haben Sie gespielt?
Kessler: Eigentlich hatte ich eine Statistenrolle und sollte einen SS-Offizier in der ersten Sequenz des Films spielen, wo der tote Hitler durch den Bunker getragen wird. Spontan wurde dann aber entschieden, dass einer das Streichholz an den Führer halten muss. Und dann sage ich den – inzwischen schon berühmten – ersten Satz des Films: „Er brennt nicht“. Das war meine erste Berührung mit Adolf Hitler. Seitdem begegnet er mir immer wieder.

The European: Wonach haben Sie denn entschieden, ob Sie ihn spielen oder nicht?
Kessler: Ich bin immer sehr vorsichtig mit dem Thema umgegangen, und es ist klar, dass es Bereiche gibt, die ich niemals berühren werde.

The European: Was für Bereiche sind das?
Kessler: Können Sie sich noch an das Nazometer von ­Harald Schmidt und Oliver Pocher erinnern?

The European: Klar. Eine Warnleuchte, die anging, wenn von den Nazis geprägte Worte wie „Autobahn“ benutzt wurden.
Kessler: Da habe ich eine ­Sendung gesehen, und plötzlich sprachen die beiden Herren vom Duschen. Da war für mich ganz klar eine Grenze überschritten. Das hätte ich nie gemacht! Den Holocaust kann man nicht in der deutschen ­Comedy verarbeiten.

The European: Warum aber Adolf Hitler?
Kessler: Man kann die Person Adolf Hitler bloßstellen, sie zu einer Witzfigur machen. So dass alle mit dem Finger auf ihn zeigen und sagen: Was für ein Idiot, was für ein Arschloch! Wir haben uns bei „Obersalzberg“ auch immer bemüht, dass er eine Sau ist, also am Ende jemanden verrät oder die Bombe hochgehen lässt.

„Wenn ‚Mein Kampf‘ verboten wird, mystifiziert man das Buch"

The European: Wir debattieren auch Hitlers Omnipräsenz, ­während seine Symbole verboten bleiben. Warum machen wir uns nicht über das Hakenkreuz etc. lustig?
Kessler: Also beim Obersalzberg tauchten die ständig auf. Es gibt den Hakenkreuz-Teppich, die Hakenkreuz-Schreibmaschinentaste, die Hakenkreuz-­Abdrücke der Stiefel. Wir haben extra übertrieben, um das Symbol zu entmystifizieren und ins Lächerliche zu ziehen.

The European: Die gleiche Diskussion läuft ja auch um Hitlers „Mein Kampf“.
Kessler: Auch da: Wenn „Mein Kampf“ verboten wird, dann mystifiziert man das Buch. Die meisten Deutschen betrachten das doch inzwischen mit einem großen Abstand. Ich habe mal den Roman „Michael – Ein deutsches Schicksal in Tagebuchblättern“ von ­Joseph Goebbels gelesen, weil den jemand fürs Theater benutzen wollte. Der Roman ist verboten, den kriegt man nirgendwo.

The European: Wie war das?
Kessler: Es war faszinierend. Die Sprache, diese ­Bilder: Das versteht man natürlich besser dadurch, wenn man sich dieses Material anschauen kann. Ich ­glaube nicht, dass ein frei verfügbares „Mein Kampf“ zum dritten Weltkrieg oder zum ­nächsten Adolf Hitler führen würde.

The European: Haben Ihre Hitler-Darstellungen Sie je in Schwierigkeiten gebracht?
Kessler: Zwei Mal. Das eine Mal sind bei den Dreharbeiten mehrere Statisten in SA-Uniform von einem ­Gebäude ins andere gelaufen. Normalerweise ­ziehen wir Jacken über, die Statisten haben das vergessen. Innerhalb von fünf Minuten war die Polizei da.

The European: Und das andere Ereignis?
Kessler: Das war ein Sketch bei der „Wochenshow“: Ich mal wieder als Adolf Hitler. Ich stehe an der Straße und trampe mit einem Schild „Heim ins Reich“. Der Sketch war auch in kürzester Zeit ­beendet, weil jemand die Polizei rief. Wir mussten den Dreh abbrechen.

The European: Das ist doch erstaunlich: Wenn man von einem Gebäude ins nächste läuft, müssen die SA-Uniformen versteckt werden. Aber anschließend wird’s vom Millionenpublikum gesehen und gefeiert.
Kessler: Ja schon. Wobei man froh sein kann, dass noch jemand die Polizei ruft. Wie schlimm wäre es, wenn das einer sieht und nicht die Polizei anruft.

­„Hitlers Taschentuch, Hitlers Waschlappen, ­Hitlers was-auch-immer"

The European: Gibt es Momente während des Drehs, wo man innehält und denkt: Was machst du hier eigentlich?
Kessler: Damals bei „Schtonk!“. Als ich zum ersten Mal in meinem Leben eine schwarze Totenkopf-SS-Uniform anzog, das habe ich immer noch in Erinnerung.

The European: Wie war das?
Kessler: Äußerst unangenehm. Das ist ein ganz, ganz komisches Gefühl, diese Kostüme anzuziehen. Das geht mir auch heute so, wenn ich Hitler spiele. Diese hellbraune SA-Uniform, diese Stiefel, das ist ganz merkwürdig. Das bleibt, das geht nicht weg.

The European: Welches Feedback bekommen Sie für Ihre Rolle von Ihren Verwandten und Freunden, wenn Sie Hakenkreuzbinde und Uniform tragen?
Kessler: Meine Eltern finden das nicht lustig. Sie gehören auch noch zur Kriegsgeneration. Die Gefühle der ­älteren Generationen muss man immer reflektieren und mit dem Thema vorsichtig umgehen. Bei jungen Leuten ist das überhaupt kein Thema. „Hitlers Helfer“ Ende der 1990er-Jahre hatte noch viel größere­ Reaktionen als der Obersalzberg provoziert.

The European: Kann man sich auch deswegen so gut über Hitler lustig machen, weil es diese Reibung zwischen junger und alter Generation gibt?
Kessler: Möglich. Der zeitliche Abstand spielt auf jeden Fall eine große Rolle, und je weiter entfernt eine Generation von dem Ereignis aufwächst, desto fremder ist es für sie. Das gilt auch für Comedy.

The European: Besteht nicht die Gefahr, dass das kritische Element mit den älteren Generationen ausstirbt? Am Ende bleibt dann nur noch eine Karikatur von Hitler.
Kessler: Karikiert wurde der ja schon immer. Ich glaube nicht, dass durch die Karikatur in der ­Comedy das Kritische verloren geht. Schalten Sie den ­Fernseher ein: Von morgens bis abends laufen diese ganzen Dokumentationen rauf und runter: ­Hitlers Taschentuch, Hitlers Waschlappen, ­Hitlers was-auch-immer. Manchmal frage ich mich, ob das nicht viel schlimmer ist.

The European: Warum?
Kessler: Das spielt mit der Faszination, mit der Mystik des Dritten Reiches. Auch die Zeitungen nehmen sich des Themas immer wieder an, weil sie wissen, dass das die Auflage steigert.

The European: Ein Vorwurf, den Sie uns auch ganz gut machen könnten.
Kessler: Theoretisch ja (lacht). Aber ganz im Ernst, auch in der Schule, in der Wissenschaft und in der Politik wird sich mit Hitler auseinandergesetzt. Weil es so ein großes Potpourri gibt, finde ich es richtig, dass man sich auch über ihn lustig macht.

„Wenn Hitler nirgendwo mehr auftauchen würde, wäre das schlimm"

The European: Michelle Starck schreibt, wenn man über Hitler lacht, wird er von Auschwitz entkoppelt.
Kessler: Bei „Obersalzberg“ lachen die Menschen über meine Parodie – dass sie darüber den Holocaust vergessen, halte ich für eine gewagte These.

The European: Starck argumentiert, Lachen über Hitler befreit die Deutschen von der Geschichte und entkrampft das „gestörte“ Verhältnis zur eigenen Nation.
Kessler: Natürlich ist das eine schwierige Diskussion und eine schwer zu ziehende Linie. Ich bin gerade erst an einem Garten mit einer gehissten deutschen Fahne vorbei gekommen, die hatte eine Quadratmeterzahl, die ich kaum beziffern kann, so riesig war die. Auch zum Fahnenwahnsinn bei der WM sagen viele ja, da würde ein neuer deutscher Nationalstolz entstehen. Die sagen (spricht absichtlich sehr bedeutsam): Da müssen wir vorsichtig sein!

The European: Was meinen Sie?
Kessler: Ich hänge mir keine Flagge in den Garten, aber ich finde nicht, dass man das verbieten sollte. Wozu führt das denn? Wir sind einfach sensibel, was diese­ Themen anbelangt. Richtig so! Ich hoffe, dass wir uns diese Sensibilität erhalten. Aber ich glaube nicht, dass wir sie durch die Komik gefährden.

The European: Vielleicht bleibt die Sensibilität auch gerade ­dadurch erhalten, dass die Figur Hitler weiter polarisiert.
Kessler: Nicht nur. Auch, dass sie immer wieder sieht. Wenn Hitler nirgendwo mehr auftauchen würde, wäre das ja viel schlimmer. Das darf nicht vergessen werden. Wo immer der aufkreuzt, auch wenn es nur ein Sketch ist, setzt sich ­vielleicht etwas in Gang. Die Leute denken darüber nochmal nach. Aber natürlich muss die Comedy aufpassen. Ich finde, wir haben das immer getan. Die Zeit wird zeigen, wie künftige Generationen damit umgehen.

The European: Eine Sache müssen wir zum Abschluss natürlich noch fragen: Was ist Ihr liebster Witz über Hitler?
Kessler: Aus der Nummer komme ich wunderbar raus, weil ich mir keine Witze merken kann. Ich kriege sie erzählt und hab sie in der nächsten Minute vergessen. Und deswegen kenne ich auch keinen Hitler-Witz.

„Switch Reloaded“ läuft Freitags um 23:15 Uhr in Sat.1

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Helge Schneider: „Der Ursprung des Humors liegt im Banalen“

Cover9_hitler

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2014.

Darin geht es u.a. um Hitler: Wir haben den größten Verbrecher aller Zeiten zur Popfigur gemacht. Was dieses „Hitlertainment“ über uns verrät, debattieren u.a. Timur Vermes und Ernst Nolte. In weiteren Debatten geht es um den gerechten Krieg (u.a. mit Egon Bahr) und das Ende der Globalisierung (u.a. mit Thomas Piketty).

Sie können es hier direkt bestellen.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Humor, Hitler, Print9

Kolumne

Medium_e7ad88a528
von Sebastian Moll
11.05.2015

Kolumne

Medium_63973e8231
von Alexander Görlach
19.10.2014
meistgelesen / meistkommentiert