Europa ist nur möglich innerhalb der Welt und innerhalb der Weltwirtschaft. Gustav Stresemann

Wir werden klimaneutral fliegen!

Als erster Flughafen in Deutschland soll der Flughafen München vom Jahr 2030 an klimaneutral betrieben werden. In dem von uns beeinflussbaren Bereich werden wir den CO2-Ausstoß um 60 Prozent reduzieren, die verbleibenden Emissionen sollen durch möglichst regionale Kompensationsprojekte ausgeglichen werden.

Herr Dr. Kerkloh, wie steht es um die dritte Start- und Landebahn? Ein neuerlicher Streit um einen Bürgerentscheid steht gerade im Raum – wann kommt die Landebahn?

Zunächst muss die Politik über das weitere Prozedere entscheiden. Ich bin mir sicher, dass es auch für die Politik viele überzeugende Argumente gibt, dieses Generationenprojekt möglichst schnell zu realisieren. Denn es wird für sehr lange Zeit die letzte Startbahn sein, die Deutschland bekommt. Und wenn man weiß, wie dynamisch sich der Luftverkehr entwickelt, wird deutlich dass wir die steigendende Nachfrage mit den bestehenden Kapazitäten schon in wenigen Jahren nicht mehr bewältigen können.

Das Bundesveraltungsgericht in Wien hatte im Februar entschieden, dass eine dritte Start- und Landebahnbahn in Wien aus Umweltperspektive nicht gebaut werden soll. Ist das ein schlechtes Zeichen für München?

Nein überhaupt nicht. Ich glaube nicht, dass in Wien das letzte Wort gesprochen ist. Für unsere Planungen hat die Wiener Entscheidung keine Relevanz, weil unser Ausbauvorhaben in den hier durchgeführten, äußerst komplexen Genehmigungs- und Gerichtsverfahren intensiv überprüft und abschließend für gut befunden wurde. Die Richter in Wien haben im Übrigen angemerkt, dass der Flughafen München beispielhaft viel für den Klimaschutz tut. Wir sehen uns als „Fünf-Sterne-Airport und bester Flughafen in Europa – auch was das Thema der Nachhaltigkeit betrifft – in einer besonderen Verantwortung. Deshalb haben wir uns hier schon frühzeitig engagiert und unsere Ziele auf diesem Feld kürzlich noch sehr viel weiter gesteckt. Als erster Flughafen in Deutschland soll der Flughafen München vom Jahr 2030 an klimaneutral betrieben werden. In dem von uns beeinflussbaren Bereich werden wir den CO2-Ausstoß um 60 Prozent reduzieren, die verbleibenden Emissionen sollen durch möglichst regionale Kompensationsprojekte ausgeglichen werden. Für dieses ehrgeizige Programm haben unsere Aufsichtsgremien Investitionen in Höhe von 150 Millionen Euro bewilligt.

Wie argumentieren Sie gegen die Gegner einer Startbahn?

In den nächsten 15 Jahren werden es 50 Prozent mehr Fluggäste in Deutschland sein. Dazu dazu bedarf es effizienter Infrastrukturen, und ein bedarfsgerechtes Startbahnsystem ist eine super effiziente Infrastruktur, die zudem dem Klimaschutz zugutekommt, weil sie Staus am Boden und in der Luft verhindert.

Sprechen wir über Fakten: Wie hoch ist das jährliche Flughafenaufkommen? Wie viele Mitarbeiter arbeiten für oder rund um den Flughafen?

Rund 35.000 Menschen sind hier beschäftigt. Wir schaffen pro 1 Million Passagiere zwischen 700 und 1.000 Arbeitsplätze am Standort und noch einmal genau so viele außerhalb des Airports. Wir sind also eine echte Beschäftigungslokomotive. Und das tolle ist, wir haben Beschäftigung für alle. Wir sind nicht nur eine Marketingorganisation oder ein Startup, wo neue Arbeitsplätze für Hochqualifizierte entstehen, sondern bei uns können auch Leute mit wenig oder überhaupt keiner beruflichen Vorbildung einen Arbeitsplatz finden. Hinzu kommt: Wer hier einen Job findet, hat diesen Arbeitsplatz dauerhaft.

Dieses Jahr rechnen wir mit 410.000 Flügen. Alle 45 Sekunden findet in München ein Start oder eine Landung statt. Das ist auch der Grund, weshalb wir die Startbahn bauen wollen, weil unsere Kapazitäten wirklich erschöpft sind. Finanziell geht es dem Unternehmen natürlich auch sehr gut. Wir können diese ganzen Infrastrukturausbaumaßnahmen inklusive der dritten Bahn aus eigener Kraft bezahlen. Das kann nicht jeder.

München ist ja nicht nur Flughafen, es ist eine Erlebniswelt, sogar mit Weihnachtsmarkt. Was ist Ihre Philosophie für Ihre Kunden?

Wir müssen als Flughafen auch für die Region stark und attraktiv sein. Und als bayerischer Flughafen wollen wir unsere Heimat repräsentieren: Wir haben einen eigenen Biergarten, einen Maibaum, eine riesengroße Surfwelle. Es gibt viele große Automobilkonzerne, die uns als Bühne benutzen. Der Flughafen hat das alles im Brennglas. Wir suchen Regionales und Überregionales miteinander zu verbinden. Jeder, so unser Traum, soll den Flughafen mit einem Glücksgefühl verlassen. Darüber hinaus agieren wir in mehreren Geschäftsfeldern, weil die Ertragsmöglichkeiten im Luftverkehr durch den scharfen Wettbewerb der Airlines sehr begrenzt sind. Deshalb setzen wir zunehmend auf das sogenannte Non-Aviation-Geschäft, also jene Ertragsfelder, die nicht direkt mit der Luftfahrt zu tun haben. Dazu gehören zum Beispiel der Einzelhandel und die Gastronomie. Wir sind aber auch ein großer Immobilienentwickler. Man muss es immer wieder betonten: der Freistaat zahlt keinen einzigen Cent zur Flughafenentwicklung: alles was hier gebaut, entwickelt wird, geht sozusagen durch die Flughafenbücher.

Wie sind Sie mit dem neuen Satelliten zufrieden?

Wir sind sehr damit zufrieden, denn er hat ein größeres Defizit, die sehr vielen Vorfeldabfertigungen, bei denen man mit dem Bus viel fahren musste, gelöst. Unsere Passagiere können jetzt ihre Flugzeuge in einem viel größeren Maße über Flugsteige betreten. Dazu kommt natürlich eine ganz neue Einzelhandels- und Gastronomiewelt. Dabei setzen wir konsequent auf unsere Münchner Identität: Wir wollen nicht austauschbar sein, sondern der Reisende soll erkennen, dass er Gast in München, in Bayern ist.

Sie haben die Auszeichnung Nationaler Arbeitgeber 2017 erhalten. Was zeichnet Sie aus. Was machen Sie besser als andere?

Wir sind ein Fünf –Sterne-Flughafen und spielen in der Champions Leaque. Dazu gehört, dass wir nicht nur ein vorbildlicher Arbeitgeber sein wollen, sondern dass wir unsere Mitarbeiter auch attraktiv entlohnen. Wir versuchen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu gewährleisten. Das fängt beim Home Office an und geht über flexible Arbeitszeitmodelle bis hin zu unserem Kindergarten, der von sieben bis 21 Uhr sechs Tage die Woche geöffnet hat. Wir wollen, dass es Paaren leicht gemacht wird, Kinder zu bekommen. Wer gute Arbeitsbedingungen vorfindet, so unsere Devise, dem macht seine Arbeit auch mehr Spaß. Um attraktiv zu sein, steigen wir jetzt auch in den Wohnungsbau ein, um unseren Mitarbeitern gute und kostengünstigere Wohnräume im Ballungsraum zu verschaffen.

Sie haben in diesem Jahr Jubiläum. Was dürfen Reisende und was darf die Region erwarten?

Wir werden dieses Jubiläum feiern, weil sich der 17. Mai in Bayern als ein festes Datum eingebrannt hat. Die allermeisten können sagen, was sie am 17. Mai 1992 gemacht haben. Viele haben den Umzug damals am Straßenrand oder von einer Brücke aus beobachtet, andere haben die Live-Bilder im Fernsehen gesehen. Es ist eben etwas Besonderes, wenn so ein Flughafen umzieht. Das ist einfach eine Datumsikone! Jetzt, wo wir als Airport aus dem Teenageralter raus sind und richtig erwachsen werden, feiern wir viele Partys: wir planen ein Fest für Luftverkehrfans – einen Tag mit Oldtimern und seltenen Flugzeugen. Aber es wird auch einen Familientag, eine Campus-Partie, einen Airportlauf und ein großes Rockfestival geben.

Fragen: Stefan Groß

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