Ein Läufer braucht Träume im Herzen, nicht Geld in der Tasche. Emil Zatopek

Wieso traut sich Deutschland keine Großbauten mehr?

Ich kann mir vorstellen, dass wir in 50 Jahren einen großen Teil des Flugverkehrs mit nachwachsenden Rohstoffen betreiben. Der Passagierverkehr könnte dann mit großen Flugzeugen im Senkrechtstart als Spaceport betrieben werden. Darüber hinaus wird alles durchdigitalisiert sein.

Wir hatten mit Stuttgart 21 und mit Startbahn West schon verschiedene Initiativen gehabt, wo sich die Bürger gegen moderne Innovationen stellen. Woran liegt das?

Das ist einfach erst mal menschlich, dass man einen erreichten Wohlfühlzustand konservieren möchte. Die meisten Menschen mögen keine Instabilität. Nun ist es aber so, dass das heutige Niveau durch frühere, fundamentale Weichenstellungen herbeigeführt wurde, mit denen gezielt Veränderungen erreicht werden sollten. Nur so konnten Wohlstand und Wachstum gesichert werden. Heute sind wir in einer ganz ähnlichen Situation. Deshalb müssen wir einen Weg finden, Menschen zu erklären, dass der Zustand, den wir jetzt haben, nur dann so bleiben kann, wenn man etwas ändert. Es ist sehr schwierig, dies emotional nachzuvollziehen, aber im Grunde ist es im persönlichen Umfeld genauso. Wenn ich mich nicht weiterbilde, bleibe ich auf einem Stand, der für die Zukunft nicht mehr taugt. Darum versucht jeder Einzelne, sich im Leben weiterzuentwickeln. Und dies gilt für die gesamte Gesellschaft. Hinzu kommt, dass es schwierig ist, generationsübergreifend zu denken. Das gilt natürlich insbesondere für junge Leute. Sie müssen lernen, Entscheidungen zu akzeptieren, die von Älteren getroffen werden. Und man sollte den Eliten des Landes zutrauen, dass sie nicht nur rein persönliche Ziele verfolgen, sondern eine übergeordnete Agenda haben. Es geht darum, Zukunftsthemen des Landes in die richtige Richtung zu lenken und dazu beizutragen, dass das Land in 30 Jahren auf einem qualitativ höheren oder zumindest gleichwertigen Niveau ist. Aber es gibt natürlich auf der anderen Seite die Skepsis, ob diese Eliten überhaupt noch die Kompetenz dazu haben. Es fällt mir zunehmend auf, dass Experten nichts mehr gelten, dass man alles anzweifelt, was Fachleute zu einem Thema sagen. Aber es ist nun einmal Fakt, dass wir in einer höchst komplexen Welt leben, in der es keine einfachen Lösungen gibt. Wir müssen deshalb Wege finden, die komplexe Welt einfacher verstehbar zu machen. Das ist die große Kunst: hochkomplexe Sachverhalte auf ein allgemein verständliches Level zu bringen. Diese Übersetzungsleistung ist auch deshalb so wichtig, weil in unserer Partizipationsdemokratie jeder eingeladen ist mitzureden. Manchmal geschieht dies allerdings auf einem Niveau, das einen erschreckt.

Überall ist von Digitalisierung die Rede. Glauben Sie, dass die digitale Vernetzung letztendlich das Fliegen überflüssig macht, weil man durch das Netz global kommunizieren kann?

Da glaube ich überhaupt nicht dran. Es geht immer darum, welchen Lebensentwurf man hat. Ich kenne keinen Menschen, der sagt: Je älter ich werde, desto weniger mobil möchte ich sein. Glück ist in jedem Alter immer auch mit Mobilität verbunden. Aber es muss nicht immer die Luftverkehrsmobilität sein. Im Moment erleben wir die Dominanz des Digitalen. Es werden alle digitalen Infrastrukturen ausgebaut und ein großer Fokus wird auf digitale Fragestellungen gelegt; jede digitale Entwicklung aber korrespondiert mit einer analogen. Wir brauchen auch weiterhin eine konventionelle Infrastruktur, denn jeder muss von A nach B kommen, ob mit dem Flugzeug, ob mit dem Auto oder mit dem E-Bike. Daran ändert der Siegeszug des Internets nichts, im Gegenteil: Die Erhöhung der Netzaktivitäten des einzelnen Menschen wird am Ende dazu führen, dass auch die Mobilitätsneigung zunimmt. Beispiel Videokonferenz: Da hat man vorhergesagt, dass diese ein Substitut fürs Reisen wird. Man kann bequem vor dem Bildschirm sitzen und muss sich nicht mehr irgendwo miteinander treffen. Durch die Videokonferenzen aber hat die Mobilitätsnachfrage nicht nachgelassen, weil das analoge Erlebnis – sich tatsächlich gegenüberzusitzen – ein anderes ist und bleibt. Ich bin ganz fest davon überzeugt, dass das Digitale das Analoge nicht ersetzen kann. Leider ist dies aber aus dem Bewusstsein verschwunden. Die Menschen glauben nicht mehr, dass man in die analoge Infrastruktur investieren muss. Das halte ich für grob fahrlässig.

In China und in den Golfstaaten wachsen neue Drehkreuze wie Pilze aus dem Boden. 3,3 Milliarden Passagiere haben Luftfahrtgesellschaften im Jahr 2015 transportiert. Bis 2030 ist damit zu rechnen, dass sich diese Zahlen verdoppeln. Wie ist München dafür gerüstet?

Das ist ja unser Wettbewerbsszenario. Unsere Wettbewerber sind keine nationalen, sondern internationale Wettbewerber. Die arabischen Staaten wie auch die Türkei haben die Bedeutung der großen Drehkreuze erkannt. Sie wissen, dass diese für interkontinentale Anbindungen in alle Länder und in alle Regionen stehen und eine prosperierende Entwicklung im eigenen Land befördern können. Deshalb ist Flughafenpolitik in der Türkei oder in den Emiraten eben nationale Wirtschaftspolitik. An Dubai beispielsweise kommt man heute nicht mehr vorbei. Dabei hatte dies als Luftverkehrsstandort vor 30 Jahren noch gar keine Rolle gespielt. Daran erkennt man innerhalb einer „Generation“ die ganze Dynamik. Für uns in München ist es Ehrenpflicht, bei der mobilen Zukunft in der Champions League zu spielen. Wenn wir hier nicht investieren, beispielsweise in eine dritte Start- und Landebahn, verlieren wir dauerhaft an Qualität. Bayern verliert sein Aushängeschild und wir unseren Modernitätsappeal. Der Flughafen ist ein Schaufenster für Gastfreundschaft und technologische Führerschaft. Und deswegen müssen wir investieren. Dies ist unsere Herausforderung im globalen Wettbewerb mit den Golfstaaten, der Türkei und anderen aufstrebenden Standorten. Wir müssen diese Konkurrenz sehr ernst nehmen, weil die uns unsere Position sstreitig machen wollen. Das aber lassen wir nicht ohne Weiteres zu.

Wie sieht der Flughafen der Zukunft aus?

Ich kann mir vorstellen, dass wir in 50 Jahren einen großen Teil des Flugverkehrs mit nachwachsenden Rohstoffen betreiben. Der Passagierverkehr könnte dann mit großen Flugzeugen im Senkrechtstart als Spaceport betrieben werden. Darüber hinaus wird alles durchdigitalisiert sein. Großdrohnen werden zum Verkehrssegment gehören und Flugzeuge ohne Piloten fliegen. So stelle ich mir die Zukunft vor; denn warum soll im Luftverkehr nicht das möglich sein, was in der Nürnberger U-Bahn funktioniert. Am Ende ist eine Drohne nichts anders als ein führerloses Flugzeug, das man sich auch in einer anderen Größenordnung vorstellen kann.

Thema Flüchtlinge? Wie stehen die Chancen für die Integration in die Arbeitswelt des Münchner Flughafens?

Der Flughafen könnte ein wunderbarer Arbeitsplatz für die Menschen sein, die zu uns kommen. Eben weil wir eine Beschäftigungsstruktur haben, die es in Bayern nicht mehr so häufig gibt. Es gibt nicht mehr so viele Unternehmen, die sinnvoll, nachhaltig und langfristig auch Menschen mit niedrigeren Bildungsniveaus beschäftigen können. Heute arbeiten über 50 Nationalitäten in unserer Company. Und wir haben nie ein Integrationsproblem gehabt. Die Voraussetzungen, die wir in unserem Unternehmen haben, Flüchtlinge im größeren Maße zu integrieren, sind also gar nicht so schlecht.

Das Gespräch führte Stefan Groß

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