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  <claim>"Die P&#228;pstin ist ein M&#228;rchen f&#252;r Erwachsene"</claim>
  <content>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;The European: Herr Hesemann, in Ihrem Buch &#252;ber &amp;#8220;Die Dunkelm&#228;nner und Mythen, L&#252;gen und Legenden der Kirchengeschichte&amp;#8221; haben Sie sich auch ausf&#252;hrlich mit der Geschichte der P&#228;pstin Johanna auseinandergesetzt. Schauen Sie sich jetzt auch den Film dazu an?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;#x000A;Hesemann: Nat&#252;rlich schaue ich mir den Film an.&lt;/p&gt;&amp;#x000A;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;The European: Warum? Wollen Sie noch etwas dazulernen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;#x000A;Hesemann: Nun, es geht mir bei meinem Kinobesuch weniger darum, etwas dazuzulernen, sondern eher um die Frage, wie S&#246;nke Wortmann diesen fiktiven Stoff filmisch umgesetzt hat. Denn die P&#228;pstin hat es ebenso wenig gegeben wie den Magier Gandalf aus dem &amp;#8220;Herrn der Ringe&amp;#8221;. Das sind moderne M&#228;rchen f&#252;r Erwachsene! In diesem Fall: die christliche Version von &amp;#8220;Yentl&amp;#8221;, leider ohne Barbara Streisand und ihre wunderbaren Lieder.&lt;/p&gt;&amp;#x000A;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;The European: Wie erkl&#228;ren Sie den Mythos?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;#x000A;Hesemann: Donna Woolfolk Cross hat mit ihrem jetzt verfilmten Bestseller auf diesen Yentl-Effekt aufgebaut: In einer Zeit vor der Gleichberechtigung kann eine Frau in die M&#228;nnerdom&#228;ne &amp;#8220;Religion&amp;#8221; nur eindringen, wenn sie ihrer Weiblichkeit entsagt und sich als Mann verkleidet. In beiden F&#228;llen, &amp;#8220;Yentl&amp;#8221; wie der &amp;#8220;P&#228;pstin&amp;#8221;, macht ihr dann die Liebe einen Strich durch die Rechnung. Das ist nat&#252;rlich ein Patentrezept f&#252;r einen Bestseller oder einen Kino-Blockbuster, zumal die meisten Roman-Leserinnen nun mal Frauen sind, die sich mit der Heldin wunderbar identifizieren k&#246;nnen.&lt;/p&gt;&amp;#x000A;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;The European: Worauf zielt er ab?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;#x000A;Hesemann: Es ist halt ein feministischer Mythos geworden, doch urspr&#252;nglich war er es ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Die Legende von der P&#228;pstin enth&#228;lt so ungef&#228;hr alle frauenfeindlichen Klischees des Mittelalters: das perfide Weib, das sich nur durch List und Betrug in die heile, gottgewollte M&#228;nnerwelt einschleichen kann, dann zum Opfer seiner Wollust wird und schlie&#223;lich, nach der Enttarnung, ihre gerechte Strafe erh&#228;lt: den Tod. Vielleicht war das gerade das Motiv ihrer Erfinder: Die Geschichte sollte Frauen davor abschrecken, in M&#228;nnerdom&#228;nen vorzudringen! Umso erstaunlicher ist, wie Cross&#160;diesen Stoff zu&#160;einem feministischen Mythos umdeutete.&lt;/p&gt;&amp;#x000A;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;The European: Wann ist er entstanden und wann ist erstmals von der P&#228;pstin die Rede?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;#x000A;Hesemann: Es gibt zwei Versionen der Legende von der P&#228;pstin. Die erste stammt von Jean de Mailly, einem Dominikanerm&#246;nch aus dem 13. Jahrhundert. Der erz&#228;hlt, &amp;#8220;um das Jahr 1100&amp;#8221; habe eine kluge Frau gelebt, die, als Mann verkleidet, Zugang zur r&#246;mischen Kurie fand, zun&#228;chst Notar, dann Kardinal und schlie&#223;lich Papst wurde. Eines Tages, bei einem Ausritt, brachte sie einen Sohn zur Welt. Das aufgebrachte Volk band sie am Schwanz des Pferdes fest und lie&#223; sie rund um die Stadt schleifen, bis sie starb und man sie verscharrte.&#160;Dort wurde ein Gedenkstein errichtet, auf dem geschrieben stand: &amp;#8220;Petre, Pater Patrum, Papisse Prodito Partum&amp;#8221; &#8211; &amp;#8220;Petrus, Vater der V&#228;ter, offenbare die Kindsgeburt der P&#228;pstin&amp;#8221;. Die zweite Version&#160;finden wir in der Chronik des Martin von Troppau, auch Martin Polonus genannt, weil er aus Polen stammte, einem p&#228;pstlichen Kaplan, der 1278 verstarb. Danach habe nach Papst Leo IV. (847&#8211;855) der Engl&#228;nder Johannes von Mainz zweieinhalb Jahre auf dem Thron Petri gesessen&#160;&#8211; &amp;#8220;er soll, so wurde behauptet, eine Frau gewesen sein&amp;#8221;.&#160;Sie wurde im Amt&#160;schwanger. &amp;#8220;Auf dem Weg von St. Peter zum Lateran&amp;#8221;, der damaligen Papstresidenz, kam sie nieder, starb&#160;und wurde an Ort und Stelle begraben. Sp&#228;ter fand eben diese Legende sogar in Form einer sp&#228;ter eingef&#252;gten&#160;Fu&#223;note Eingang in die offizielle&#160;Papstchronik, das &amp;#8220;Liber Pontificalis&amp;#8221;. Kein Wunder also, dass man im Mittelalter durchaus an die Geschichte glaubte.&lt;/p&gt;&amp;#x000A;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;The European: Was sagt die zeitliche Zuordnung &#252;ber den Hintergrund?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;#x000A;Hesemann: Es sind ja zwei zeitliche Zuordnungen, und das sollte schon skeptisch machen. Einmal soll P&#228;pstin Johanna um 1100, dann Mitte des 9. Jahrhunderts gelebt haben. Wobei Martin von Troppau mit seiner vermeintlichen Datierung schon realistischer wirkt, denn das 9. und 10. Jahrhundert war tats&#228;chlich eine dunkle Epoche des Papsttums.&lt;/p&gt;&amp;#x000A;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;The European: L&#228;sst sich aber beweisen, dass es keine P&#228;pstin gab?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;&amp;#x000A;Hesemann: Nun, es gab einen Papst, der zwischen 855 und 858 amtierte, n&#228;mlich Benedikt &lt;span class="caps"&gt;III&lt;/span&gt;. Aber das war eben kein Johannes und daher auch keine Johanna. Der letzte Johannes-Papst war Johannes &lt;span class="caps"&gt;VII&lt;/span&gt;. (705&#8211;707), der n&#228;chste Johannes &lt;span class="caps"&gt;VIII&lt;/span&gt;. (872&#8211;882). Nun kann man nat&#252;rlich behaupten, Benedikt &lt;span class="caps"&gt;III&lt;/span&gt;. sei eine Erfindung der Vatikan-Chronisten gewesen, um die Existenz der P&#228;pstin zu vertuschen. Doch das ist eben nicht der Fall. Denn es gibt M&#252;nzen aus dem ersten Jahr seines Pontifikats, die Benedikt &lt;span class="caps"&gt;III&lt;/span&gt;. zusammen mit dem Ende 855 verstorbenen Kaiser Lothar zeigen.&lt;/p&gt;&amp;#x000A;&lt;p&gt;Im Oktober 855 erlie&#223; dieser Papst eine Charta f&#252;r die Abtei Corvey. Seine Korrespondenz mit dem Erzbischof von Reims ist ebenso erhalten wie sein Rundschreiben an die Bisch&#246;fe im Frankenreich Karls des Kahlen. Benedikt &lt;span class="caps"&gt;III&lt;/span&gt;. ist also historisch bezeugt, Johanna nicht. Auch der exkommunizierte byzantinische Patriarch Photios, ein erkl&#228;rter Gegner des r&#246;mischen Papsttums, erw&#228;hnt in seinen Schriften Leo und Benedikt als aufeinanderfolgende P&#228;pste. Und: So heftig er die P&#228;pste auch anklagte, so viele Vorhaltungen er der r&#246;mischen Kirche machte, bei aller Polemik gegen den westlichen Z&#246;libat &amp;#8211; nie kam er auf eine angebliche&#160;P&#228;pstin zu sprechen, obwohl er ihr Zeitgenosse gewesen sein m&#252;sste. Glauben Sie mir: W&#228;re auch nur etwas dran an der Geschichte, er h&#228;tte sie gen&#252;sslich ausgekostet! Schon weil dies nicht der Fall ist, weil in der gesamten Polemik der Ostkirchen gegen Rom dieser Skandal mit keinem Wort erw&#228;hnt wird, k&#246;nnen wir sicher sein, dass die P&#228;pstin nie existierte.&lt;/p&gt;</content>
  <created-at type="datetime">2009-10-21T18:31:27Z</created-at>
  <excerpt>Hat es jemals eine P&#228;pstin gegeben, wie der gleichnamige Film von Regisseur S&#246;nke Wortmann behauptet? Im Interview mit The European spricht der Kirchenkenner und Autor Michael Hesemann &#252;ber Ungereimtheiten der Geschichte und eine originelle Satire.</excerpt>
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  <title>Michael Hesemann im Gespr&#228;ch</title>
  <updated-at type="datetime">2010-01-18T15:35:23Z</updated-at>
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