Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht. Karl-Theodor zu Guttenberg

„Die Päpstin ist ein Märchen für Erwachsene“

Hat es jemals eine Päpstin gegeben, wie der gleichnamige Film von Regisseur Sönke Wortmann behauptet? Im Interview mit The European spricht der Kirchenkenner und Autor Michael Hesemann über Ungereimtheiten der Geschichte und eine originelle Satire.

The European: Herr Hesemann, in Ihrem Buch über “Die Dunkelmänner und Mythen, Lügen und Legenden der Kirchengeschichte” haben Sie sich auch ausführlich mit der Geschichte der Päpstin Johanna auseinandergesetzt. Schauen Sie sich jetzt auch den Film dazu an?
Hesemann: Natürlich schaue ich mir den Film an.

The European: Warum? Wollen Sie noch etwas dazulernen?
Hesemann: Nun, es geht mir bei meinem Kinobesuch weniger darum, etwas dazuzulernen, sondern eher um die Frage, wie Sönke Wortmann diesen fiktiven Stoff filmisch umgesetzt hat. Denn die Päpstin hat es ebenso wenig gegeben wie den Magier Gandalf aus dem “Herrn der Ringe”. Das sind moderne Märchen für Erwachsene! In diesem Fall: die christliche Version von “Yentl”, leider ohne Barbara Streisand und ihre wunderbaren Lieder.

The European: Wie erklären Sie den Mythos?
Hesemann: Donna Woolfolk Cross hat mit ihrem jetzt verfilmten Bestseller auf diesen Yentl-Effekt aufgebaut: In einer Zeit vor der Gleichberechtigung kann eine Frau in die Männerdomäne “Religion” nur eindringen, wenn sie ihrer Weiblichkeit entsagt und sich als Mann verkleidet. In beiden Fällen, “Yentl” wie der “Päpstin”, macht ihr dann die Liebe einen Strich durch die Rechnung. Das ist natürlich ein Patentrezept für einen Bestseller oder einen Kino-Blockbuster, zumal die meisten Roman-Leserinnen nun mal Frauen sind, die sich mit der Heldin wunderbar identifizieren können.

The European: Worauf zielt er ab?
Hesemann: Es ist halt ein feministischer Mythos geworden, doch ursprünglich war er es ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Die Legende von der Päpstin enthält so ungefähr alle frauenfeindlichen Klischees des Mittelalters: das perfide Weib, das sich nur durch List und Betrug in die heile, gottgewollte Männerwelt einschleichen kann, dann zum Opfer seiner Wollust wird und schließlich, nach der Enttarnung, ihre gerechte Strafe erhält: den Tod. Vielleicht war das gerade das Motiv ihrer Erfinder: Die Geschichte sollte Frauen davor abschrecken, in Männerdomänen vorzudringen! Umso erstaunlicher ist, wie Cross diesen Stoff zu einem feministischen Mythos umdeutete.

The European: Wann ist er entstanden und wann ist erstmals von der Päpstin die Rede?
Hesemann: Es gibt zwei Versionen der Legende von der Päpstin. Die erste stammt von Jean de Mailly, einem Dominikanermönch aus dem 13. Jahrhundert. Der erzählt, “um das Jahr 1100” habe eine kluge Frau gelebt, die, als Mann verkleidet, Zugang zur römischen Kurie fand, zunächst Notar, dann Kardinal und schließlich Papst wurde. Eines Tages, bei einem Ausritt, brachte sie einen Sohn zur Welt. Das aufgebrachte Volk band sie am Schwanz des Pferdes fest und ließ sie rund um die Stadt schleifen, bis sie starb und man sie verscharrte. Dort wurde ein Gedenkstein errichtet, auf dem geschrieben stand: “Petre, Pater Patrum, Papisse Prodito Partum” – “Petrus, Vater der Väter, offenbare die Kindsgeburt der Päpstin”. Die zweite Version finden wir in der Chronik des Martin von Troppau, auch Martin Polonus genannt, weil er aus Polen stammte, einem päpstlichen Kaplan, der 1278 verstarb. Danach habe nach Papst Leo IV. (847–855) der Engländer Johannes von Mainz zweieinhalb Jahre auf dem Thron Petri gesessen – “er soll, so wurde behauptet, eine Frau gewesen sein”. Sie wurde im Amt schwanger. “Auf dem Weg von St. Peter zum Lateran”, der damaligen Papstresidenz, kam sie nieder, starb und wurde an Ort und Stelle begraben. Später fand eben diese Legende sogar in Form einer später eingefügten Fußnote Eingang in die offizielle Papstchronik, das “Liber Pontificalis”. Kein Wunder also, dass man im Mittelalter durchaus an die Geschichte glaubte.

The European: Was sagt die zeitliche Zuordnung über den Hintergrund?
Hesemann: Es sind ja zwei zeitliche Zuordnungen, und das sollte schon skeptisch machen. Einmal soll Päpstin Johanna um 1100, dann Mitte des 9. Jahrhunderts gelebt haben. Wobei Martin von Troppau mit seiner vermeintlichen Datierung schon realistischer wirkt, denn das 9. und 10. Jahrhundert war tatsächlich eine dunkle Epoche des Papsttums.

The European: Lässt sich aber beweisen, dass es keine Päpstin gab?
Hesemann: Nun, es gab einen Papst, der zwischen 855 und 858 amtierte, nämlich Benedikt III. Aber das war eben kein Johannes und daher auch keine Johanna. Der letzte Johannes-Papst war Johannes VII. (705–707), der nächste Johannes VIII. (872–882). Nun kann man natürlich behaupten, Benedikt III. sei eine Erfindung der Vatikan-Chronisten gewesen, um die Existenz der Päpstin zu vertuschen. Doch das ist eben nicht der Fall. Denn es gibt Münzen aus dem ersten Jahr seines Pontifikats, die Benedikt III. zusammen mit dem Ende 855 verstorbenen Kaiser Lothar zeigen.

Im Oktober 855 erließ dieser Papst eine Charta für die Abtei Corvey. Seine Korrespondenz mit dem Erzbischof von Reims ist ebenso erhalten wie sein Rundschreiben an die Bischöfe im Frankenreich Karls des Kahlen. Benedikt III. ist also historisch bezeugt, Johanna nicht. Auch der exkommunizierte byzantinische Patriarch Photios, ein erklärter Gegner des römischen Papsttums, erwähnt in seinen Schriften Leo und Benedikt als aufeinanderfolgende Päpste. Und: So heftig er die Päpste auch anklagte, so viele Vorhaltungen er der römischen Kirche machte, bei aller Polemik gegen den westlichen Zölibat – nie kam er auf eine angebliche Päpstin zu sprechen, obwohl er ihr Zeitgenosse gewesen sein müsste. Glauben Sie mir: Wäre auch nur etwas dran an der Geschichte, er hätte sie genüsslich ausgekostet! Schon weil dies nicht der Fall ist, weil in der gesamten Polemik der Ostkirchen gegen Rom dieser Skandal mit keinem Wort erwähnt wird, können wir sicher sein, dass die Päpstin nie existierte.

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