Partypatriotismus ist Nationalismus. Dagmar Schediwy

„Deutschland ist keineswegs unbesiegbar“

Michael Heise zählt zu Deutschlands führenden Ökonomen. Im Gespräch mit Christoph Hosang spricht sich der Chefvolkswirt der Allianz SE gegen Lohnerhöhungen in Deutschland aus und verrät, was die Chinesen uns jetzt empfehlen.

volkswirtschaftslehre eurokrise

The European: Herr Heise, die Bundesbank plädiert für Lohnerhöhungen in Deutschland. Ist das ein Schritt in die richtige Richtung?
Heise: Das glaube ich nicht. Die Löhne in Deutschland sind in den letzten Jahren weitaus stärker gestiegen als die Produktivität. Der volkswirtschaftliche Verteilungsspielraum wurde mehr als ausgeschöpft. Die Folge dieser Entwicklung ist ein Anstieg der Lohnstückkosten …

The European: Also die Produktivität pro Stunde im Verhältnis zu den Kosten pro Stunde …
Heise: Genau. Seit 2008 sind sie bereits um elf Prozent gestiegen. Ein weiterer Anstieg würde die internationale Wettbewerbsfähigkeit und die Standortattraktivität verschlechtern und das Fundament der deutschen Wirtschaft gefährden.

The European: Im Sektor für handelbare Güter – also im Exportsektor – sind die Lohnstückkosten jedoch nicht gestiegen. Ist die Angst vor dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit nicht übertrieben?
Heise: Es ist sehr schwer, das sinnvoll abzugrenzen. Eine exakte Trennung zwischen handelbaren und nichthandelbaren Gütern ist nicht möglich. Es ist zwar richtig, dass im Dienstleistungsbereich– also der nichthandelbare Sektor – die Lohnerhöhungen besonders stark durchgeschlagen sind. Es ist aber wichtig, bei den steigenden Lohnstückkosten nicht nur den Exportsektor zu betrachten, sondern auch die inländische Beschäftigungsdynamik.

The European: Warum?
Heise: Wenn die Lohnstückkosten im Dienstleistungssektor zu stark steigen, dann sind die Beschäftigungspläne der Unternehmen negativ betroffen. Man kann nicht einfach annehmen, dass der Beschäftigungsmotor Dienstleistungssektor automatisch weiterläuft, wenn beliebig an der Lohnschraube gedreht wird. Die Verengung der Lohndiskussion auf den Exportsektor ist nicht zielführend.

The European: Die deutsche und die europäische Zentralbank möchten mit den Lohnerhöhungen einer Deflation vorbeugen. Kann das erfolgreich sein?
Heise: Nein. Hier wird eine falsche Ursachenanalyse betrieben. Die Gründe für die rückläufige Inflation in der Euro-Zone sind sehr vielfältig. Aber eine Sache muss man ganz klar feststellen: An rückläufigen Löhnen in Deutschland hat es nicht gelegen, denn die sind stärker als die Preise gestiegen.

The European: Die Euro-Krise befindet sich einer Bilanzrezession, in der Unternehmen und Haushalte zeitgleich Schulden abbauen. Dies hat zu einer schwachen Konsumnachfrage geführt. Wenn eine Lohnsteigerung Ihrer Meinung nach nicht als Mechanismus für die Steigerung der Nachfrage dient, welches Mittel dann?
Heise: Es ist richtig, dass in der Euro-Zone ein Anstieg der Investitionen und Konsumnachfragen generiert werden muss. Dabei ist jedoch zu beachten, dass Deutschland bereits zu einem Konsummotor in Europa geworden ist. Der Fokus sollte viel stärker auf Investitionen gelegt werden. Hier herrscht auch in der Euro-Zone Nachholbedarf.

„Konjunkturprogramme sind immer nur kurze Strohfeuer“

The European: Die klassische Geldpolitik stößt an ihre Grenze, der kurzfristige nominale Zins hat seine natürliche Untergrenze von null Prozent schon fast erreicht. Trotz dieser Niedrigzinspolitik der EZB steigen Investitionen nur schleppend. Was kann man noch tun?
Heise: Über die Geldpolitik nichts mehr. Man kann jedoch eine ganze Liste von angebotspolitischen Maßnahmen ergreifen, die sich positiv auf das Investitionsklima auswirken und verhindern, dass weiterhin Kapital ins Ausland strömt.

The European: Welche Maßnahmen würden Sie vorschlagen?
Heise: Ich würde bei den Unternehmenssteuern anfangen. Über Abschreibungserleichterungen oder eine geringere Belastung reinvestierter Gewinne könnte man den Unternehmen Investitionen schmackhaft machen. Darüber hinaus muss man kritisch über die vielen Regeln und Hindernisse für Investoren diskutieren. Diese haben eine hemmende Wirkung auf Investitionen in Deutschland. Zusätzlich kann der Staat durch mehr Infrastrukturinvestitionen und andere Vorleistungen ein besseres Investitionsklima schaffen.

The European: Was würden Sie der Regierung sonst noch raten?
Heise: Wir betreiben in Deutschland seit Jahren Verteilungspolitik. Das hat auch die neue Regierungskoalition fortgesetzt. Man kann das nachvollziehen, denn nach den Jahren der Enthaltsamkeit war einiges nachholen. Jetzt ist es aber sehr wichtig, dass man den Fokus wieder auf die Zukunft richtet und die Entwicklung des Kapitalstockes und der Produktivität im Auge behält. Dafür müssen die Investitionsbedingungen verbessert werden. Wir brauchen eine Agenda 2020. Nicht im Hinblick auf die Sozialsysteme, sondern für die Investitionsbedingungen. Da wird leider kaum etwas getan.

The European: Durch erleichterte Investitionen bekommen Unternehmen aber noch keine Sicherheit bei der Produktnachfrage. Durch expansive Fiskalpolitik hingegen würde die Nachfrage angeregt.
Heise: Expansive Fiskalpolitik in Form von Konjunkturprogrammen stellt keine Lösung des Problems dar! Solche Programme sind immer nur kurze Strohfeuer, die am mittelfristigen Kalkül der Unternehmen wenig verändern. Sie haben aber vollkommen recht in einem Punkt: Viele Unternehmen sind skeptisch, ob sie mittel- oder langfristig mit einer Steigerung der Nachfrage rechnen können. Wobei das im Moment eher auf die europäischen Krisenstaaten zutrifft als auf Deutschland.

„Mir leuchtet nicht ein, warum Politiker für jede Investition eine Gegenfinanzierung suchen“

The European: Was kann Fiskalpolitik in Deutschland dann noch verändern?
Heise: Es hätte einen doppelt positiven Effekt, wenn die Staatsausgaben für Infrastruktur einen höheren Stellenwert bekämen.

The European: In welcher Hinsicht doppelt?
Heise: Den positiven Effekt gäbe es sowohl auf der Nachfrageseite als auch auf der Angebotsseite. Durch schnellere Internetverbindung und Verkehrsinfrastruktur zum Beispiel würde auch die Angebotsseite positiv stimuliert. Die bisherigen Reformen der neuen Koalition haben dagegen vor allem dem Sozialbereich und Transferzahlungen gegolten. Bei rekordhohen Steuereinnahmen muss es Spielräume für steigende Investitionen geben. Mir leuchtet nicht ein, warum Politiker für jede Investition eine Gegenfinanzierung auf der Steuerseite suchen. Das ist eine Frage der Prioritätensetzung für den Haushalt.

The European: Seit fünf Jahren bewegen sich die Krisenstaaten in der Euro-Zone zwischen Rezession und Stagnation, wie können die Länder dem entfliehen?
Heise: Die sogenannten Krisenländer müssen die hausgemachten Probleme über eigene Reformen angehen. Die Wurzel der Probleme findet man in der verlorenen Wettbewerbsfähigkeit und den starren Arbeitsmärkten. Hier sind besonders Italien und Frankreich hervorzuheben. Die Löhne sind in beiden Ländern weitaus stärker gestiegen als die Produktivität. Diese Entwicklung wurde bislang nicht korrigiert, was man am erheblichen Verlust an Weltmarktanteilen und einer rückläufigen Beschäftigung erkennen kann.

The European: Können Sie noch genauer ausführen, wie diese Reformen aussehen könnten?
Heise: Die Länder müssen ihre hohen Lohnkosten über mehr Lohndifferenzierung oder Produktivitätssteigerungen verringern und eine sogenannte interne Abwertung durchführen. Das, in Kombination mit Arbeitsmarktreformen, wie wir sie in Deutschland durchgeführt haben, wird relativ schnell zu einer Verbesserung der Situation führen. Es stehen natürlich auch noch andere Maßnahmen auf der Reformagenda.

The European: Welche?
Heise: Sowohl Frankreich als auch Italien müssen die starke Einflussnahme des Staates auf den Wirtschaftsprozess verringern. Die hohen Staatsquoten, die Bürokratie und das in Teilen ineffiziente Staatswesen erschweren marktwirtschaftliche Prozesse. Und weder das Kostenproblem noch das Staatsproblem wird gelöst, indem Deutschland Schulden macht.

The European: Was macht Ihre Strategie zu einer erfolgreichen?
Heise: Länder wie Spanien, Portugal oder Irland dienen als gute Beispiele dafür. Dort kann man erkennen, dass solche Reformen sehr positive wirtschaftliche Auswirkungen haben. Spanien dient hier als besonders gutes Beispiel: Der Export steigt, der Bausektor hat die Talsohle durchschritten und die Arbeitslosigkeit sinkt erheblich.

„Deutschland muss aufpassen, dass es nicht in seiner Wohlfühl-Blase verharrt“

The European: In Deutschland ist man immer sehr stolz darauf, Exportweltmeister zu sein. Gleichzeitig werden mehr Wettbewerbsfähigkeit und Exporte von den Krisenstaaten in der Euro-Zone gefordert. Ist das nicht ein Widerspruch?
Heise: Deutschland ist im Export von China und den USA in den letzten Jahren überholt worden, das wird häufig übersehen. Und wir werden die Kostensenkungen in den früheren Krisenländern der Euro-Zone zu spüren bekommen, von denen neue Konkurrenz kommt. Das ist nun einmal das Prinzip der Marktwirtschaft. Daher sollten wir auf keinen Fall durch Lohnerhöhungen absichtlich unsere Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Partnerländern in der Euro-Zone verschlechtern. Das wäre eine verrückte Vorstellung, weil wir uns in Weltmärkten bewegen.

The European: Worauf muss Deutschland dann achten?
Heise: Deutschland muss aufpassen, dass es nicht zu lange in seiner Wohlfühl-Blase verharrt. Wir hören seit Monaten von der Politik, dass es Deutschland so gut geht wie lange nicht mehr. Doch es gibt bereits erhebliche Risse im Fundament. Der Export ist in den Jahren 2012 und 2013 nur sehr schleppend gestiegen und die Investitionen sind äußerst schlecht. Die momentane vermeintliche Stärke der deutschen Wirtschaft kaschiert einige große Probleme, die schon jetzt erkennbar sind.

The European: Sehen Sie sich mit dieser Meinung manchmal als Einzelkämpfer?
Heise: (lacht) Nein. Es gibt viele deutsche Ökonomen, die die Situation nüchtern analysieren. Deutschland ist keineswegs unbesiegbar – diese Analyse findet auch in Unternehmerkreisen breite Zustimmung. Im europäischen Ausland herrscht allerdings ein anderer Mainstream. Dort wird die Krise oft aus einer keynesianischen Perspektive analysiert. Noch anders ist es, wenn ich in China unterwegs bin.

The European: Was bekommen Sie da zu hören?
Heise: Dort wird mir oft gesagt, dass Deutschland zu defensiv auftritt. Nach Auffassung vieler Chinesen ist Deutschlands Wirtschaftsmodell sehr erfolgreich. Und dieses Modell sollte man dann auch selbstbewusst vertreten.

Disclaimer: Die Allianz war und ist auch Werbepartner der The European Magazine Publishing GmbH.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Jean-Claude Juncker: „Ich hatte immer Angst“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Volkswirtschaftslehre, Eurokrise

Kolumne

Medium_47ec79b7ff
von Sebastian Sigler
19.07.2016

Debatte

Der europäische Schuldenzug

Medium_6fb9da953a

Nächster Halt: Schuldenberg

Der europäische Schuldenzug rast immer weiter. Wenn wir keine Schuldenbremse einbauen, droht die Entgleisung. weiterlesen

Medium_5e4ff5b927
von Alexander Schumann
09.09.2014

Debatte

Arbeitslosigkeit in Europa

Medium_ec18b99268

Nur Nachfrage schafft Jobs

Die Arbeitslosigkeit in Europa ist nach wie vor erschreckend hoch; und die Antworten auf diese Krise aus Brüssel und Berlin werden daran auch nichts ändern. Ein Drei-Punkte-Plan. weiterlesen

Medium_3e12ab103b
von Ekkehard Ernst
29.08.2014
meistgelesen / meistkommentiert