Die Berühmtheit mancher Zeitgenossen hängt mit der Blödheit der Bewunderer zusammen. Heiner Geißler

Das Die entscheidet

Die Vermögen am oberen Ende wachsen seit Jahren. Alle reden über soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Doch wie stehen die Vermögenden eigentlich selber zu dieser Entwicklung?

In Deutschland gibt es ein massives Finanzproblem der öffentlichen Hand. An allen Ecken und Enden, sei es in den Schulen und Hochschulen, sei es bei den kommunalen Einrichtungen wie Bibliotheken oder Schwimmbändern, fehlt Geld. Gleichzeitig haben die Privatvermögen hierzulande mit knapp zwölf Billionen Euro, davon fast die Hälfte als Geldvermögen, einen neuen Höchststand erreicht. Sie liegen ungefähr sechs mal so hoch wie die gesamten öffentlichen Schulden. Beide haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten fast parallel entwickelt, nur in entgegengesetzte Richtungen.

Die Vermögensverteilung fällt allerdings sehr ungleich aus. Das obere Prozent verfügt über fast 36 Prozent, das obere Promille allein über 22 Prozent des gesamten privaten Vermögens. Bei den Einkommen ist die Verteilung zwar nicht derart ungleich, sie hat aber auch eine eindeutige soziale Schieflage. Auf die oberen zehn Prozent entfallen fast 40 Prozent der gesamten Markteinkommen, d.h. aller Einkommen wie Löhne, Zins- und Mieteinnahmen etc., aber ohne staatliche Transferleistungen.

Wesentlich dazu beigetragen haben die massiven steuerlichen Entlastungen hoher Einkommen, Vermögen und Erbschaften seit Ende der 1990er-Jahre. Angesichts dieser Tatsachen liegt es eigentlich nahe, in einer Umkehrung dieser Politik, d.h. in einer wieder höheren steuerlichen Belastung, eine entscheidende Möglichkeit zur Reduzierung der Staatsverschuldung zu sehen.

Reiche fordern zum Sparen auf

Die deutschen Eliten sehen das allerdings ganz und gar nicht so. Zwar liegt die Schuldenkrise mit einem Drittel der Nennungen weit vorn, wenn sie nach den wichtigsten Problemen des Landes gefragt werden, bei den zwei entscheidenden Lösungsvarianten plädiert aber eine überwältigende Mehrheit von fast sieben zu eins für eine Senkung der öffentlichen Ausgaben, d.h. faktisch in erster Linie für eine Reduzierung der Sozialausgaben. Die andere Möglichkeit, eine Erhöhung der Einnahmen durch eine Anhebung der Steuern auf hohe Einkommen, Vermögen und Erbschaften, wird dagegen mit einer klaren Mehrheit von zwei zu eins abgelehnt.

Die Haltung der Eliten hängt jedoch stark von der eigenen sozialen Herkunft ab. Während die Eliteangehörigen, die aus der Arbeiterschaft stammen, mit fünf zu zwei für eine höhere steuerliche Belastung der hohen Einkommen und Vermögen stimmen, fällt bei ihren Pendants mit großbürgerlichem Hintergrund die Entscheidung mit einem noch deutlicheren neun zu zwei gegen höhere Steuern aus. Besonders bedeutsam und zugleich auch eindeutig ist in dieser Beziehung die Einstellung der Eliten aus den beiden wichtigsten Bereichen: der Politik und der Wirtschaft.

Bei den Spitzenmanagern, die in Arbeiterfamilien groß geworden sind, findet überraschend eine Mehrheit eine derartige Steuererhöhung wichtig, obwohl sie selbst zu den Topverdienern zählen. Von ihren Kollegen, die in großbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen sind, d.h. in reichen oder zumindest sehr wohlhabenden Familien, ist dagegen kaum jemand dieser Meinung. Sie lehnen solche Steuern fast ausnahmslos ab. Noch klarer ist das Bild bei den Spitzenpolitikern. Unter den Arbeiterkindern gibt es keinen, der gegen eine höhere steuerliche Belastung der hohen Einkommen und Vermögen ist. Beim Bürger- und Großbürgernachwuchs in der politischen Elite sieht es genau umgekehrt aus. Niemand kann sich dafür erwärmen. Die soziale Herkunft ist in dieser Frage bestimmend, und zwar unabhängig von der Parteizugehörigkeit.

Soziale Aufsteiger sind für stärkere Abgabenlast

Offensichtlich erinnern sich viele Arbeiterkinder, die es bis in Spitzenpositionen geschafft haben, noch an ihren steinigen Weg nach oben, die vielen herkunftsbedingten Hindernisse auf dem Weg dorthin und an die wichtige Rolle, die öffentliche Dienstleistungen und Infrastruktur für ihr Vorankommen gespielt haben.

In Wohlstand oder Reichtum aufgewachsene Elitenangehörige sehen das völlig anders. Sie empfinden ihre Einkommen und Vermögen als gerechtes Ergebnis ihrer Anstrengungen wie der ihrer Vorfahren. Je größer das ererbte Vermögen ist, umso stärker wird auf die eigene Leistung bzw. die der Väter und Großväter als Ursprung hingewiesen. Der Staat wird in diesen Kreisen mehrheitlich eher skeptisch betrachtet, als eine Institution, die einem vom hart erarbeiteten Geld stets viel zu viel wegnimmt und, anders als die Wirtschaft, mit Geld auch nicht wirklich umgehen kann. Vor allem die Sozialleistungen stehen dabei immer in der Kritik.

Angesichts der klaren Verknüpfung von sozialer Herkunft und Einstellung muss es nachdenklich stimmen, dass die große Mehrheit der deutschen Eliten aus bürgerlichen oder großbürgerlichen Elternhäusern stammt. In der Wirtschaft trifft das auf vier Fünftel, in den privaten Medien auf drei Viertel, in Justiz und Verwaltung auf ca. zwei Drittel zu.Wirklich stark ist die durchschnittliche Bevölkerung nur in den Spitzen von Gewerkschaften und Kirchen repräsentiert, also in den Eliten, die den geringsten Einfluss haben.

Selbst in der Politik, hinsichtlich der sozialen Rekrutierung traditionell der Gegenpol zur Wirtschaft, ist auf der Ebene vor allem der Bundesexekutive seit der Jahrtausendwende eine deutliche Verbürgerlichung festzustellen. Auch dort sind soziale Aufsteiger inzwischen in der Minderheit. All das sorgt innerhalb der Eliten für eine Grundhaltung, die den Abbau sozialer Leistungen und die Spaltung der Gesellschaft begünstigt. Zugleich befördert es ein Demokratieverständnis, das Tony Blair für sich einmal so formuliert hat: Es sei nicht wichtig, zu wissen, was die Bevölkerung wolle, sondern, was man in ihrem Interesse für richtig halte.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Marc Saxer, Carlos A. Gebauer, Susanne Kablitz.

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