Manche verwechseln Colgate mit Golgotha. Karl Lehmann

Wer hat, dem wurde gegeben

Einige Gewinner stehen vielen Verlierern gegenüber – die von der Regierung ausgelobte Exzellenzinitiative der deutschen Hochschulen ist eine Pleite. Sie hat die Unis gefördert, denen es ohnehin bereits gut ging und der Rest darf nun schauen, wo er bleibt.

Im nächsten Jahr fallen die letzten Entscheidungen in der Exzellenzinitiative. Von offizieller Seite wird der Wettbewerb als bahnbrechend gefeiert. Er habe „Wissenschaftsgeschichte“ geschrieben, so Bundesbildungsministerin Schavan, und zu einer so „nicht erwartbaren Aufbruchstimmung im deutschen Wissenschaftssystem“ geführt, so der DFG-Präsident und der Vorsitzende des Wissenschaftsrats. So weit die offizielle Wettbewerbslyrik. Die Realität sieht weniger beeindruckend aus. Zweifelsfrei lassen sich zurzeit nur zwei Konsequenzen der Initiative feststellen. Erstens hat sie zu einer starken Konzentration der finanziellen Mittel geführt. Die in den beiden ersten Runden verteilten Gelder entfallen zu einem Drittel auf nur vier Universitäten, die beiden aus München sowie Aachen und Heidelberg, und zu fast zwei Dritteln auf die Top Ten. Das sind jeweils doppelt so hohe Anteile wie im DFG-Förderranking zu Beginn des Wettbewerbs. Unterschiede sind also nicht nur sichtbar gemacht, sondern auch massiv verstärkt worden.

Hohle Phrasen

Dazu kommt, dass die in immer mehr Bundesländern gängige Praxis, die Hochschulmittel nach Leistungskriterien zu vergeben, die Sieger der Exzellenzinitiative noch einmal begünstigt. Eines der entscheidenden Kriterien dabei sind stets die eingeworbenen Drittmittel. Wer im Wettbewerb auf Bundesebene gut abschneidet, wird auf Landesebene noch einmal belohnt, durch einen höheren Anteil an den Landesmitteln. Die zweite heute schon erkennbare Folge der Exzellenzinitiative besteht in der weiteren Abwertung der Lehre. Geld und Ansehen winken nur dem, der in der Forschung erfolgreich ist – das die logische Schlussfolgerung aus der Initiative. Sie gilt für die Hochschulen als ganze, aber auch für die einzelnen Professoren und Professorinnen.

Diejenigen unter ihnen, die an erfolgreichen Exzellenzclustern beteiligt sind, ziehen daraus in der Regel eine Konsequenz: sie verlangen von den Hochschulleitungen eine spürbare Reduzierung ihrer Lehrbelastung. Im Durchschnitt haben sie bislang eine Halbierung auf vier Semesterwochenstunden durchsetzen können. Alle offiziellen Beteuerungen, dass gute Forschung und gute Lehre untrennbar zusammengehören, entpuppen sich in dieser Hinsicht als hohle Phrasen. Was auf Dauer von der Exzellenzinitiative zu erwarten ist, lässt sich aus den beiden genannten Folgen klar ableiten. Es wird zu einer eindeutigen Aufspaltung der deutschen Hochschullandschaft in Forschungsuniversitäten und in Lehrhochschulen kommen. Zur ersten Gruppe werden die Gewinner der Exzellenzinitiative zählen, zur zweiten alle anderen, d.h. auch die große Mehrzahl der heutigen Universitäten. Ob die versprochene Steigerung der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit auf diesem Weg zu erreichen ist, darf bezweifelt werden.

Viele Verlierer

Dem Leistungszuwachs bei wenigen Gewinnern steht nämlich ein Verlust bei vielen Verlierern gegenüber. Die traditionell hohe Qualität in der Breite wird verloren gehen. Ohne diese Breite aber wird die Basis der Spitzenforschung ausgedünnt. Welche Konsequenzen das hat, zeigen die USA. Sie beherbergen zwar die unangefochtenen „Leuchttürme der Wissenschaft“, die aber sind nur lebensfähig, weil sie die Hälfte ihrer Wissenschaftler aus anderen Ländern einkaufen. Das US-Hochschulsystem ist aufgrund der enormen Konzentration der Mittel an den Eliteuniversitäten nicht in der Lage, selbst entsprechenden Nachwuchs auszubilden. Die Topuniversitäten können diesen Mangel wegen ihres enormen Reichtums aber durch weltweite Rekrutierung kompensieren, ein Weg, der den deutschen Eliteuniversitäten so nicht offen steht.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sebastian Döring, Thorsten Bultmann, Wolfgang A. Herrmann.

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