Wenn die Österreicher von uns Reparationen verlangen sollten, dann werde ich Ihnen die Gebeine Adolf Hitlers schicken. Konrad Adenauer

„Das ist eine globale Faszination“

Prostitution in Thailand, Bangladesch und Mexiko – darum geht es im Dokumentarfilm „Whore’s Glory“. Lars Mensel sprach mit dem Regisseur Michael Glawogger über das Selbstbild von Prostituierten, das Verlangen von Freiern und die Erfinder von Leggins.

The European: Die Zeit hat eine schöne Kritik zu Ihrem Film geschrieben: Die Kamera sei so nah dran, dass man den Schweiß und das Sperma riecht. Wie haben Sie so nah an dem Geschehen filmen können?
Glawogger: Das ist ein langer Prozess, weil man natürlich mit einer Kamera in einem Bordell sehr unwillkommen ist. Es ist nur durch Beharrlichkeit geglückt – also dadurch, dass wir immer wieder gekommen sind und dadurch unsere Ernsthaftigkeit bewiesen haben. Der Film ist in dieser Hinsicht das Gegenteil zu jener journalistischen Methode, bei der man schnell hingeht, ein paar Bilder nimmt und dann seine Meinung darüber sagt. Ich habe versucht, den Frauen eine Art Bühne oder Plattform zu geben. Dabei versucht der Film nicht, zu werten: Man sieht Sachen, die man als Verbrechen bezeichnen könnte, aber auch viele freudvolle Momente. Mir ist diese Spannweite sehr wichtig.

The European: Als Zuschauer fühlt man sich wie ein Beobachter, der mit kurzen Augenblicken Realität konfrontiert wird. Die Szenen in Bangladesch fühlen sich an, als seien sie an einem Tag aufgenommen worden.
Glawogger: Sie sind an 10 Tagen aufgenommen, wobei sicher genug Material vorhanden wäre, um einen eigenen Film zu machen. Vielleicht spürt man das durch die Bilder hindurch, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist und nicht nur das, was man gerade mal gedreht hat. Es gibt ja noch sehr viele Varianten, Blickrichtungen und Ansichten, die jetzt im Film gar nicht vorkommen.

The European: Das interessante ist, dass man sich als Zuschauer einer enormen Transparenz gegenüber sieht, da selbst Freier im Film sehr offen mit ihrem Besuch bei einer Prostituierten umgehen. Ist dies bewusst gewählt oder ein kultureller Unterschied?
Glawogger: Das liegt auch irgendwo an mir, weil ich es zulasse. Ein Film ist ja eine meinungsbildende Maßnahme, egal, ob er wertend ist oder nicht. Filme oder journalistische Äußerungen über Prostitution stigmatisieren den Freier fast immer, weil es gesellschaftlich nicht akzeptiert ist, ins Bordell zu gehen. Ich bin da anderer Meinung, und ich fand es sehr interessant, dass sich die Freier aus diesem Grund vor allem deshalb zu Wort gemeldet haben, weil sie ja sonst niemand fragt. Den Freier einfach als Menschen zu nehmen, wie man auch die Prostituierte als Menschen nimmt, ist ein ganz bewusst gesetzter Akt, und dieser Akt ist sozusagen auf mich zugekommen. Wie ich am Anfang schon sagte: Ich bin immer wieder gekommen und habe meine Präsenz am jeweiligen Ort klargemacht. Irgendwann sind auch die Freier zu mir gekommen und haben gefragt: „Was machst du da eigentlich?“ Und als sie sahen, dass das nicht ein wertendes journalistisches Exempel ist, sondern eben, wie gesagt, eine Bühne, haben sie von sich aus gefragt: „Dürfen wir auch etwas dazu sagen?“ Und das ist im Sinne des Dokumentarischen das schönste: Wenn die Leute selbst auf einen zukommen.

„Ihr Schlampen, ihr Dummen, ihr Schrecklichen, ihr Königinnen, ihr Wunderbaren, so gut ficken wie ihr kann keine“

The European: Überraschend ist der Kontrast zwischen den Äußerungen der Freier und ihrem Verhalten: Sie sprechen sehr verachtend über Prostituierte, gleichzeitig begehren sie diese jedoch enorm.
Glawogger: Einen der Freier in Mexiko finde ich besonders interessant, weil er in einem Satz sagt: „Ihr Schlampen, ihr Dummen, ihr Schrecklichen, ihr Königinnen, ihr Wunderbaren, so gut ficken wie ihr kann keine.“ Das entspricht auch den Stereotypen männlichen Denkens. Diese Verehrung und Hingabe, um auf der anderen Seite gleich wieder zu sagen, wie verwerflich das ist. Aber gerade in dieser Verwerflichkeit liegt auch die Attraktion. Und Männer sind in ihrer Verherrlichung unglaublich dumm Sie gehen wie Kühe zur Weide und denken: Egal, wie viele dort schon gegrast haben, ich bin der Besondere. Ein Typ glaubt wirklich: „Aha, ich bin der elfte Kunde heute, aber mich wird sie besonders toll finden.“ Das ist ein unglaublich männliches Verhalten. Und zu glauben, dass die Frau Spaß daran hat. Zu sagen: „Wir gehen jetzt zu Shima und Uma, die sind so wunderbar, so hübsch und so schön, wir haben Spaß mit ihnen, und sie haben ihren Spaß mit uns.“- da gehört schon einiges dazu, sich das zu denken.

The European: Kann das eine gewisse Rechtfertigung für ihr Verhalten sein?
Glawogger: Männer rechtfertigen ihr Sozialverhalten grundsätzlich wenig. Und für die eigene Sexualität sollte man auch keine Rechtfertigung brauchen. Es würde uns vielleicht besser gehen, wenn wir nicht dauernd nach einer suchen würden.

The European: Aber gerade diese Suche ist so spannend in dem Film. Einer der Freier sagt auch: „Wenn es die Prostituierten nicht gäbe, dann könnten die Frauen nicht auf die Straße gehen.“
Glawogger: Das ist natürlich auch kulturell bedingt. In Bangladesch, einer muslimischen Gesellschaft, kann ein junger Mann mit seiner Freundin nirgendwo hingehen. Seine Wohnung ist voll mit Familie, die Wohnung der Freundin ist voll mit Familie, und in den Parks passt die Polizei auf. Wenn einer mit seiner Freundin Händchen halten will, muss er einen Polizisten bestechen. Insofern ist so ein Bordell der einzige Kanal, wo ein 15- bis 19-jähriger in irgendeiner Form mit seiner Sexualität umgehen kann – abgesehen von seinen Freunden. Du kannst dich mit jedem deiner Freunde ins Bett legen, aber nicht mit einer Frau. Das ist wirklich drastisch, da übertreibt der junge Mann nicht. Gleichzeitig können Frauen dort auch nicht allein auf die Straße gehen. In dem Moment, wo sie schutzlos, d.h. ohne Mann in der Öffentlichkeit unterwegs sind, sind sie Freiwild. Eine allein auf der Straße rumlaufende Frau kann jede/r x-beliebige an einen Puff verkaufen, denn im Sinne der Konventionen ist sie schon eine Hure.

„Leggins hat kein Designer erfunden, sondern die Nutten“

The European: Beziehen die Prostituierten ein Selbstwertgefühl aus dieser Begehrlichkeit, was sie über ihren Alltag hinwegtröstet?
Glawogger: Natürlich – so wie jede/r ein Selbstwertgefühl entwickelt, wenn er oder sie Erfolg im Beruf hat. Die Begehrlichkeit ist ihr Beruf. Diese Begehrlichkeit herzustellen ist das, woran sie arbeiten und was sie können. Sie erfinden sich einen Namen, ein Outfit, ein Bild – eine komplette Ikonographie, wie sie der Mann unbedingt haben will. Nicht umsonst haben seit den 80er Jahren die Prostituierten das Modebild mit geprägt. Leggins hat kein Designer erfunden, sondern die Nutten. Die Begehrlichkeit ist ihr Beruf, und sie werden bestaunt, begehrt und gleichzeitig verachtet, weil man all das ja nicht darf.

The European: Der Film ist nicht nur eine Dokumentation über Prostitution, sondern auch über die Kultur, in der sie gerade stattfindet. In Thailand scheint die Rollenverteilung auf den Kopf gestellt, da Männer sich dort als die Ware sehen und die Frauen als etwas unerreichbares, mit dem sie lediglich eine halbe Stunde Spaß haben können.
Glawogger: Ein Deutscher würde vielleicht die Worte ein bisschen anders wählen und sagen: „Nun ja, wir bringen das Geld.“ Wenn ein Deutscher in einen Puff geht, sagt er eher: „Die sollen uns nur nehmen, denn wir bringen ja das Geld.“ Auch das heißt: „Wir sind die Ware“, aber es bedeutet: „Ohne uns läuft dieser Laden nicht.“

The European: Wie äußert sich das im Respekt vor der Prostitution?
Glawogger: Es besteht dort überhaupt kein Respekt vor der Prostitution, sondern wird als etwas Alltägliches angesehen. Ein Thai-Mann würde sich nie im Leben dafür genieren, dass er zu einer Prostituierten geht – das ist für ihn das Normalste auf der Welt. Wenn wir beide als Thailänder nach einem erfolgreichen Interview ausgehen würden, würden wir an so einen Ort gehen und dort essen, trinken und vielleicht ein Mädchen rausholen. Was nicht passieren darf, ist, dass eine Frau dadurch z.B. vor eine Nachbarin diskreditiert wird. Aber ansonsten gehört das absolut zum Alltag.

„Die Jungs werden dafür bezahlt, dass sie adrett gekleidet und frisiert sind.“

The European: Zum Alltag der thailändischen Prostituierten scheint auch zu gehören, nach getaner Arbeit wiederum zu einer männlichen Prostituierten zu gehen; d.h. die Sexualität spielt auch außerhalb des Berufs weiterhin eine Rolle.
Glawogger: Da gehörten zwei Aspekte dazu. Zum einen finde ich es grundsätzlich eine große Ungerechtigkeit, dass es für Frauen nicht das gleiche gibt wie für Männer. In Thailand ist aber die Gesellschaft als Ganzes ein bisschen androgyner, und auch diese Grenzen sind ein bisschen aufgerissen. Diese Bar mit den Animateuren ist ein Ort, wo nicht nur Prostituierte hingehen. Interessant ist vor allem, dass die Mädchen nach getaner Arbeit hauptsächlich wollen, dass die Männer nett zu ihnen sind und sie verwöhnen. Die Jungs werden dafür bezahlt, dass sie adrett gekleidet und frisiert sind, den Mädchen Whiskey einschenken, die Hand halten, plaudern, Witze machen, mit ihnen tanzen. Und wenn ein Mädchen danach einen Jungen mit nach Hause nehmen will, dann geht das auch. Aber es ist nicht so ein offensichtliches Bordell, was zeigt, wie Frauen mit dem Thema umgehen. Wenn man hier so einen Puff machen würde und das gesellschaftsfähig wäre, könnte das sehr gut funktionieren.

The European: Was ich auch sehr auffällig fand in dem Film war die Musik, die teils beinahe aggressiv in den Vordergrund trat. Was war der Gedanke dahinter diese sehr fremden Bilder mit westlicher Musik zu illustrieren?
Glawogger: Die Musik offenbart in gewisser Weise meinen Blick. Mir sind manche Atmosphären durch die Musik einfach richtiger erschienen. Es gibt so eine komische, fast traditionelle Sicht auf den Dokumentarfilm, dass ein Bild über die Welt wahrer wäre, wenn keine Musik darüber liegt. Dabei ist die ganze Welt voll ist mit Musik, und auch unsere Wahrnehmung ist voll mit Musik. Es stellt niemand die Frage: „Ist diese Szene nicht ohne Musik eigentlich viel zu deprimierend?“ Wie alles ist der Film eine Gestaltung und eine Interpretation der Wirklichkeit, und mir sind die meisten Szenen mit einer bestimmten Musik einfach richtiger erschienen – also so, wie ich sie erlebt, gesehen und gespürt habe. Ich denke, man muss sich bewusst sein, dass auch ein Dokumentarfilm letztlich ein voll durchgestaltetes Ding ist und nichts anderes tut, als meine Sicht auf eine Sache darzustellen. Und ich sehe sie so.

The European: Ich habe den Eindruck, dass in Deutschland eine gewaltige Romantisierung der Prostitution stattgefunden hat. In den Bestseller-Listen der letzten Jahre gab es zahlreiche Bücher, in denen Studentinnen beschrieben, wie sie sich ihr Studium durch Prostitution nebenbei verdienten. Bei einer Untersuchung des Studienkollegs zu Berlin kam heraus, dass sich jeder dritte Berliner Student vorstellen könnte, sein Studium durch Prostitution nebenbei zu finanzieren. Woher kommt diese Faszination, die zumindest ein deutsches Publikum für dieses Thema hat?
Glawogger: Das ist eine globale Faszination. Die Vorstellung, mit jemandem, den man nicht kennt, Sex zu haben und dafür auch Geld zu bekommen, hat eine Attraktion, die durch die Ächtung in den meisten Kulturen verstärkt wird.. Der Alltag, den man dann erlebt, ist sicherlich viel weniger attraktiv, aber die Attraktion ist sicher da und funktioniert auch bis zu einem gewissen Grad. Der bürgerliche Gedanke, dass Sex nur mit Liebe funktioniert, ist natürlich Humbug, und jede/r kann seine Schlüsse daraus ziehen, wie er oder sie damit umgeht. Letztlich ist die Prostitution dafür – wie für vieles andere – eine große weiße Leinwand, auf die man alles projizieren kann. Ich glaube, es war eine Hamburger Prostituierte, die mir einmal gesagt hat: „Nach 30 Jahren – ich kann kein Sperma mehr riechen. Ich halte das nicht mehr aus.“

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