Wir unterschätzen die Macht der Mode. Joachim Schirrmacher

Auf den zweiten Blick

Die Ausstellung Kunst der Aufklärung hat hitzige Debatten ausgelöst. Doch die Freiheit der Kunst ist ein hohes Gut – Kunst und Kultur dürfen sich auch deshalb nicht nur an der Tagespolitik messen lassen, denn ihre Kraft entfalten sie erst auf lange Sicht.

Selten hat eine Ausstellung eine so hitzig geführte Debatte ausgelöst wie „Die Kunst der Aufklärung“, die von April 2011 bis März 2012 im Chinesischen Nationalmuseum in Peking zu sehen war. In Deutschland wurden wir, die Staatlichen Museen zu Berlin, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München, die das Projekt in enger Zusammenarbeit mit dem Chinesischen Nationalmuseum konzipiert und durchgeführt haben, von vielen, zum Teil auch heftig, kritisiert. Die Kritik reichte bis zur Forderung, die Schau abzubrechen: Sie diene als Feigenblatt für eine die Menschenrechte missachtende Regierung, lautete ein Vorwurf, und ein anderer, sie dekoriere manifeste wirtschaftliche Interessen.

Ausstellung überschattet von der Festnahme Ai Weiweis

Die Ausstellung handelte von der Kunst des 18. und frühen 19. Jahrhunderts und speiste sich ausschließlich aus den drei Sammlungen in Berlin, Dresden und München. Inhaltlich orientierte sie sich an der Frage, wie sich die uns und in China gleichermaßen unter dem Begriff der Aufklärung bekannte Epoche neben der Philosophie, Literatur und den Naturwissenschaften etc. in der Bildenden Kunst ausdrückte. In dieser Zeit wurde die Kunst zum Hoffnungsträger und Instrument ästhetischer Erziehung. Der Künstler wandelte sich zur öffentlichen Instanz, zum kritischen Beobachter, zum Genie und Revolutionär. Die Idee, dass Kunst den Menschen und die Gesellschaft verändern könne, wurde zu einem Leitgedanken. Die Ausstellung orientierte sich an den Motiven und Ideen der Aufklärung und war ein Angebot, gemeinsam mit den chinesischen Besucherinnen und Besuchern über europäische Kunst und ihre bildnerischen Ausdrucksformen in einen Dialog zu treten.

Doch der Auftakt der Ausstellung wurde überschattet von der Festnahme und Verschleppung des international bekannten Künstlers Ai Weiwei zwei Tage nach der Eröffnung. Dies evozierte den von Kritikern angeprangerten Kontrast zwischen dem Ausstellungsthema und der politisch-gesellschaftlichen Realität am Ausstellungsort. Obwohl Ais Festnahme in keinerlei Zusammenhang mit der Ausstellung stand, wurde doch evident, dass der Umgang des Gastlandes mit seinen kritischen Künstlern nicht mit dem in der Aufklärung begründeten Ideal des autonomen Künstlers vereinbar ist.

Kunst und Kultur nicht nur an der Tagespolitik messen

Die Freiheit der Kunst ist ein hohes und nicht verhandelbares Gut. In Deutschland messen wir unser Verständnis von Staat an dessen Umgang mit seinen Kritikern und gerade auch mit seinen Künstlern. Auch dies ist eine Errungenschaft der europäischen Aufklärung, die wir in der Ausstellung thematisiert haben. Ein Abbruch der Ausstellung war für uns daher keine Option. Er hätte niemanden in China zum Umdenken bewogen, aber den interessierten Menschen in Peking die Möglichkeit genommen, sich mit den Bilderwelten der Aufklärung auseinanderzusetzen. Und dieses Angebot wurde angenommen: eine halbe Million Menschen haben die Ausstellung mit zum Teil euphorischen, immer aber tiefgründigen Reaktionen besucht.

Man wird dem Wesen und Wirken von Kunst und Kultur als Medien des Austausches und der Völkerverständigung nicht gerecht, wenn man sie nur an Ergebnissen der Tagespolitik misst und von diesen abhängig macht. Kulturaustausch zielt nicht auf unmittelbare gesellschaftliche Veränderung, sondern kann seine Kraft nur auf lange Sicht entfalten. Im besten Falle bietet er eine Plattform für einen offenen Diskurs, bei dem sich die Partner über ihre Standpunkte verständigen und die eigene kulturelle Identität, wie auch die des anderen, zu verstehen lernen. Und aus diesem Verständnis heraus können sich gesellschaftliche Entwicklungen ergeben, die zu gestalten dann eine Herausforderung für Politik und Kultur werden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Irit Neidhardt, Verena Krieger.

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