Wenn etwas automatisiert werden kann, dann wird es automatisiert werden. Clay Shirky

Mensch, tu was

Liebe, und tu, was Du willst – eine so durch das Christentum verstandene Ethik bringt es auf den Punkt. Es ist nicht Gott, der entscheidet, was erlaubt und was verboten ist. Der Mensch und sein Wunsch nach Erhalt und Entfaltung des Lebens begründen richtig und falsch.

Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt? Unsinn! Was erlaubt und was verboten ist, richtet sich nicht danach, ob es Gott gibt oder nicht. Es richtet sich nach dem Menschen. Ich glaube an Gott, aber das, was richtig und was falsch ist, ist nicht deswegen richtig oder falsch, weil Gott es so will oder so befiehlt, sondern weil es für das Leben der Menschen richtig oder falsch ist.

Das, was die materiellen Grundlagen des Lebens der Menschen, ihre Selbstbestimmung und Selbstentfaltung fördert, was die Beziehungsfähigkeit und den Wunsch, das eigene Leben sinnvoll zu gestalten, ermöglicht oder zumindest nicht behindert, ist erlaubt. Das, was diese Güter und Werte bedroht oder verletzt, ist rechtfertigungsbedürftig oder verboten. Auch dann, wenn es Gott nicht gäbe, wäre es falsch, Menschen ohne einen triftigen Grund zu belügen oder sie zu foltern und zu töten, es wäre falsch, Versprechen zu brechen oder Menschen den Erwerb der materiellen Grundlagen ihres Lebens zu erschweren.

Es gibt keinen Widerspruch zwischen Religion und Ethik

Falsch sind diese Handlungen nicht, weil Gott es verbietet, sondern weil sie die Möglichkeiten zur Selbstbestimmung und Selbstentfaltung anderer Menschen verletzen oder gar zerstören. Der Wille jedes einzelnen Menschen, sein Leben zu erhalten und zu entfalten, begründet Ethik. Jemand handelt ethisch, wenn er diesen Willen der anderen in seinem Handeln berücksichtigt. Es gibt keinen sachlichen Grund, warum die eigenen Wünsche zur Entfaltung dann, wenn sie die Entfaltungsmöglichkeiten anderer einschränken oder unmöglich machen, Priorität haben sollten.

Zwischen Religion und Ethik gibt es aus christlicher Sicht keinen Widerspruch, denn sie haben jeweils ihren eigenen Bereich. Im Kern der christlichen Religion geht es nicht darum, was erlaubt und was verboten ist, sondern um die Liebe zu Gott und zu jedem Menschen. Nur die säkularisierte Form der Religion reduziert die Liebe auf Ethik. Dabei ist selbst diese Liebe kein aufoktroyiertes göttliches „Gebot“, das einen Menschen von sich selbst entfremden könnte, denn in dem Maße, in dem ein Mensch liebt, findet er seine eigene Identität, und in dem Maße, in dem ein Mensch andere Menschen nicht ausstehen kann, ist er auch sich selbst entfremdet. „Liebe, und tu, was Du willst“ – dieses christliche Verständnis von Ethik bringt es auf den Punkt: In der Religion geht es um unser inneres Leben, um unser Herz, in der Ethik um unser Handeln. Wenn ein Mensch mit seinem Herzen, d.h. seinen Emotionen, seinem Willen und seinem Verstand liebt, dann wird er so handeln wollen, dass die Würde und Freiheit des anderen Menschen gewahrt bleibt.

Richtig und falsch ist keine Sache der Religion

Freilich überschneiden sich auch beide Bereiche, denn erstens motiviert die Liebe zum ethischen Handeln. Die Spiritualität der Religion hilft, den eigenen Egoismus, die Angst um sich selbst zu überwinden und macht sensibler für jede Form von Leben, gerade auch von gefährdetem Leben. Sie verändert, wie jemand anderen Menschen begegnet. Im besten Fall werden Menschen großherziger und handeln rücksichtsvoller, weil sie wissen, dass Menschen auch zerbrechlich und fragil sein können. Zweitens interpretiert und begründet die jüdisch-christliche Religion die Autonomie des Menschen theologisch in der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott. Dass sich Ethik auf diese Art religiös begründen und damit in ein religiöses Weltbild integrieren lässt, ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass die Frage, ob etwas richtig und falsch ist, der Sache nach ganz unabhängig von welcher Religion auch immer beurteilt werden muss.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Peter Sloterdijk, Steve Kennedy Henkel, Patrick Spät.

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