Dem Schiedsrichter zu widersprechen, das ist, wie wenn man in der Kirche aufsteht und eine Diskussion verlangt. Dieter Hildebrandt

Mensch, tu was

Liebe, und tu, was Du willst - eine so durch das Christentum verstandene Ethik bringt es auf den Punkt. Es ist nicht Gott, der entscheidet, was erlaubt und was verboten ist. Der Mensch und sein Wunsch nach Erhalt und Entfaltung des Lebens begründen richtig und falsch.

Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt? Unsinn! Was erlaubt und was verboten ist, richtet sich nicht danach, ob es Gott gibt oder nicht. Es richtet sich nach dem Menschen. Ich glaube an Gott, aber das, was richtig und was falsch ist, ist nicht deswegen richtig oder falsch, weil Gott es so will oder so befiehlt, sondern weil es für das Leben der Menschen richtig oder falsch ist.

Das, was die materiellen Grundlagen des Lebens der Menschen, ihre Selbstbestimmung und Selbstentfaltung fördert, was die Beziehungsfähigkeit und den Wunsch, das eigene Leben sinnvoll zu gestalten, ermöglicht oder zumindest nicht behindert, ist erlaubt. Das, was diese Güter und Werte bedroht oder verletzt, ist rechtfertigungsbedürftig oder verboten. Auch dann, wenn es Gott nicht gäbe, wäre es falsch, Menschen ohne einen triftigen Grund zu belügen oder sie zu foltern und zu töten, es wäre falsch, Versprechen zu brechen oder Menschen den Erwerb der materiellen Grundlagen ihres Lebens zu erschweren.

Es gibt keinen Widerspruch zwischen Religion und Ethik

Falsch sind diese Handlungen nicht, weil Gott es verbietet, sondern weil sie die Möglichkeiten zur Selbstbestimmung und Selbstentfaltung anderer Menschen verletzen oder gar zerstören. Der Wille jedes einzelnen Menschen, sein Leben zu erhalten und zu entfalten, begründet Ethik. Jemand handelt ethisch, wenn er diesen Willen der anderen in seinem Handeln berücksichtigt. Es gibt keinen sachlichen Grund, warum die eigenen Wünsche zur Entfaltung dann, wenn sie die Entfaltungsmöglichkeiten anderer einschränken oder unmöglich machen, Priorität haben sollten.

Zwischen Religion und Ethik gibt es aus christlicher Sicht keinen Widerspruch, denn sie haben jeweils ihren eigenen Bereich. Im Kern der christlichen Religion geht es nicht darum, was erlaubt und was verboten ist, sondern um die Liebe zu Gott und zu jedem Menschen. Nur die säkularisierte Form der Religion reduziert die Liebe auf Ethik. Dabei ist selbst diese Liebe kein aufoktroyiertes göttliches „Gebot“, das einen Menschen von sich selbst entfremden könnte, denn in dem Maße, in dem ein Mensch liebt, findet er seine eigene Identität, und in dem Maße, in dem ein Mensch andere Menschen nicht ausstehen kann, ist er auch sich selbst entfremdet. „Liebe, und tu, was Du willst“ – dieses christliche Verständnis von Ethik bringt es auf den Punkt: In der Religion geht es um unser inneres Leben, um unser Herz, in der Ethik um unser Handeln. Wenn ein Mensch mit seinem Herzen, d.h. seinen Emotionen, seinem Willen und seinem Verstand liebt, dann wird er so handeln wollen, dass die Würde und Freiheit des anderen Menschen gewahrt bleibt.

Richtig und falsch ist keine Sache der Religion

Freilich überschneiden sich auch beide Bereiche, denn erstens motiviert die Liebe zum ethischen Handeln. Die Spiritualität der Religion hilft, den eigenen Egoismus, die Angst um sich selbst zu überwinden und macht sensibler für jede Form von Leben, gerade auch von gefährdetem Leben. Sie verändert, wie jemand anderen Menschen begegnet. Im besten Fall werden Menschen großherziger und handeln rücksichtsvoller, weil sie wissen, dass Menschen auch zerbrechlich und fragil sein können. Zweitens interpretiert und begründet die jüdisch-christliche Religion die Autonomie des Menschen theologisch in der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott. Dass sich Ethik auf diese Art religiös begründen und damit in ein religiöses Weltbild integrieren lässt, ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass die Frage, ob etwas richtig und falsch ist, der Sache nach ganz unabhängig von welcher Religion auch immer beurteilt werden muss.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Fred Filer – 27.04.2011 - 13:08

    “Es gibt keinen sachlichen Grund, warum die eigenen Wünsche zur Entfaltung dann, wenn sie die Entfaltungsmöglichkeiten anderer einschränken oder unmöglich machen, Priorität haben sollten.”
    Warum nicht Herr Bordt? Doch nur weil Sie aus Ihrer christlich geprägten Perspektive dies so beurteilen!
    Richtig: Richtig und Falsch lassen sich aus unserer Perspektive auch ohne Gott gleichermaßen definieren, aber eben aus unserer jetzigen Perspektive, die von absoluten Werten bestimmt ist!
    Haben Sie denn das Szenario wie es ohne Gott wäre nicht im ganzen vor Augen? Was wäre denn dann Moral? Was wäre Wertemäßig absolut? Wer würde das denn bestimmen? Was wäre das Maß und mit welchem Recht müsste man dieses Maß als algemein gültig anerkennen? Was wäre Ethik? Die Antwort auf alle diese und noch viel mehr Fragen ist der Mensch! Der Mensch wäre das Maß aller Dinge! Und Gut und Recht wäre so biegsam wie die Laune der Menschen! Was der Mensch als Bedürfnis empfinden würde, würde gerechtfertigt werden durch sein eigenes für gut Empfinden!
    Der Mensch ist wesentlich nicht so ideal wie manche Intelektuelle das gerne hätten, nehmen Sie mal die Nase aus den Büchern und schalten Sie mal die Nachrichten ein!
    Wissen Sie nicht was das Ergebnis ist wenn Unvollkommenheit zum Maß für volkommene Werte erhoben wird?
    Wir reden leicht so lange wir uns bloß in unserer Phantasie mit solchen Utopien beschäftigen, denn unsere Phantasien sind idealisierte Produkte. Aber die Realität sähe anders aus, denn viel viel mehr Faktoren würden eine Rolle spielen.
    Was wir als gut oder schlecht empfinden basiert darauf wie wir geschaffen wurden! Natürlich ist das Schlechte nicht allein deshalb schlecht weil Gott es einfach sagt und willkürlich so haben möchte, sondern weil es das Leben zerstört (sowohl das Leibliche als auch das Seelische, welches wir meistens ganz und gar ausser Acht lassen). Aber warum wäre die Zerstörung des Lebens etwas schlechtes wenn es Gott nicht gäbe? Weil jeder das selbe Recht auf Leben hat? Von wem?! Das Gewissen? Ich denke dieses hat Gott in uns erschaffen, aber darüber hinaus ist das Gewissen etwas sehr variables! Und bei allen Menschen unterschiedlich und meistens auch sehr flexibel.
    Daher ist Ihre Philosophie ansatzweise zwar richtig aber nicht gut durchdacht! Vielleicht aber auch nur mit einem Wunschdenken durchdacht? Selbst die Urheber der Aufklärung hatten erkannt dass die Menschenrechte allein durch Gott rechtmäßig für alle Menschen geltend gemacht werden könnten! Dies spiegelt sich schon in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika wieder:

    “We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are >>endowed by their Creator<< with certain unalienable Rights”.

    Erst heut zu Tage versucht man den Menschen ganz und gar unabhängig von Gott zu machen, philosophisch ist das aber in sich unschlüssig! Das sollten Sie eigentlich wissen!!!

    „Liebe, und tu, was Du willst“ woher haben Sie den so ein angeblich christliches Verständnis von Ethik? “Liebe” ja, aber “tu was Du willst”? Ich verstehe schon was Sie sagen wollen (hoffe ich! 1.korinther 13 das Ergebnis der Liebe), aber so eine Aussage suggeriert heut zu Tage eine falsche Auffassung. “Tu was du willst”, also so lange ich meine Mitmenschen liebe kann ich meine noch so heimlichen wünsch ausleben? Natürlich hoffe ich dass Sie sagen wollten: “Wer liebt, d.h. seine Mitmenschen, sich selbst, Gott und das Leben, der wird auch ausschließlich das Leben fördernde wollen, warum an seinem Willen auch nichts verwerfliches wäre und sein Tun immer gut wäre”. Aber so vollkommen ist unsere Liebe nun mal nicht und unser Verständnis von Leben fördernd und Leben zerstörend auch nicht.

    herzlichen Gruß, Fred

  • Theeuropean-placeholder
    xconroy – 01.05.2011 - 18:19

    Hier läßt sich in Kürze auch das antworten, was ich Ihnen in eher länglicher Form schon unter “Hort der Menschlichkeit” schrob, wennse sich da also nicht durchackern wollen, büddeschön ;-):

    - die Menschen sind bereits jahrtausendelang VOR dem Christentum miteinander ausgekommen, ohne sich gegenseitig auszurotten, und dies teils in hochkomplexen sozialen Strukturen mit stabilen ethischen Fundamenten (konfuzianisches China).

    - christlich fundierte Ethik ist genausowenig “absolut” wie jede andere, denn sie gibt keine klaren, unmißverständlichen Ansagen, die NICHT interpretationsfähig wären

    - der Mensch ist weder ein ideal-“gutes” Wesen (ich wüßte auch nicht, welcher Ihrer Intellektuellen das je behauptet hätte) noch ein gleichermaßen “böses” (nehmen Sie Ihre Nase mal aus den Nachrichtensendungen… Nachrichten funktionieren eben auch nach den Gesetzen der Evolution —> diejenigen setzen sich durch, die die meiste Aufmerksamkeit generieren —> also diejenigen, die von der Normalität Abweichendes berichten —> folglich kann die Welt nicht so schlimm sein, wenn schlechte Nachrichten viel Aufmerksamkeit ge´nerieren. Ist diese Logik so schwer nachvollziehbar?)

    - Entwicklung bedeutet auch, Dinge hinter sich zu lassen. Die Menschen ließen die Naturgeister hinter sich für den Pantheon, den Pantheon für den Monotheismus, daß sie den Monotheismus für “den” Atheismus hinter sich lassen ist eher folgerichtig. Man kann und soll auf Fundamenten der Vergangenheit aufbauen (so wie Ihre vielzitierten Aufklärer auf dem Christentum), aber wer die Füße nicht aus dem Fundament bekommt, bleibt irgendwann im Keller sitzen ;-)

    (ich weiß ja, wie schwer es ist, sich in einer relativen Welt zurechtzufinden. Aber ich denke auch, daß die Zeit des Glaubens an absolute Wahrheiten irgendwann in Zukunft nur eine notwendige, aber vorübergehende Episode in der Geschichte des Menschen sein wird. Daß “Das Gute” sich mmn in einer relativen Welt ohne absolute (göttliche) Bezugspunkte sogar viel eher durchsetzt ist zwar ebenfalls meine Überzeugung, aber das hier noch auszuführen würde… nee, lassen wir das lieber mal).

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 04.05.2011 - 16:55

    @xconroy:
    Wie in vorherigen Gesprächen/Textwechseln stimme ich in Vielem zu, hier besonders auch der guten Formulierung, dass christliche Wahrheit deshalb nicht absolut ist, weil sie interpretiert werden muss. Was ja konkret heißt, dass wir als Menschen immer im hermeneutischen Zirkel verbleiben und das deshalb (nicht, weil es keine Wahrheit gibt!) kein absoluter Bezugspunkt geltend gemacht werden kann in Bezug auf Ethik.
    - ich weiß, das ist alles nur mit wohlwollendem VErständnis so gültig…

    Wo wir aber deutlich auseinander gehen ist folgende Sentenz von Dir:“Entwicklung bedeutet … Die Menschen ließen die Naturgeister hinter sich für den Pantheon, den Pantheon für den Monotheismus, daß sie den Monotheismus für “den” Atheismus hinter sich lassen ist eher folgerichtig”

    Denn das, was Du dort gesagt hast, ist (so einleuchtend es im ersten Augenblick erscheint!) nichts anderes als jener Comte´sche Positivismus: sprich Aufhebung des Mythos durch die Religion und Aufhebung der Religion durch die Wissenschaft. Letzteres benennst Du zugegebener maßen anders.
    Zu hinterfragen wäre a) der Gedanke stringenter Entwicklung. Warum soll sich menschliche Wirklichkeit _aufsteigend_entwickeln—und __wer bestimmt die Norm_(Was wenn ich sage, dass der Monotheismus ein Rückschritt im Vergleich zum Mythos ist usw.?)
    ___b) der positivistische Schritt verwandelt die Wirklichkeit in UTOPIE. Das heißt, Positivismus ist Wirklichkeitsflucht, denn es geht ja eigentlich nie um das, was ist, sondern immer um das Bessere, das kommt. Hier zeigt sich auch das deutliche Symptom einer Diesseitserlösungsideologie/ – religion.

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 04.05.2011 - 17:02

    Im Übrigen wirft es kein gutes Licht auf die Leserschaft von TheEUropean, dass ein faselnd geifernder Artikel wie der Möllers die Fliegen wie das Aas anzieht, während hier ein substanzieller und weiterführender Beitrag wie der Bordts mit nur so wenigen Kommentaren bedacht wird.

    @xconroy: Denn das Augustinische “liebe und tu, was Du willst” ist doch wohl als Leitsatz von einer Gültigkeit, die auch unabhängig von der christlichen Botschaft Bestand hat!

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