Die Fußstapfen, in die ich hier trete, sind im wahrsten Sinne des Wortes groß. Ilse Aigner

Schicksalsberg

Der Streit um den Tempelberg geht weiter. Es bleibt zu hoffen, dass der Herrgott, von wem auch immer er von Jerusalem aus angesprochen wird – Muslime, Juden oder Christen –, Vernunft in die Hirne eingießt.

Das gehört im Nahen Osten offenbar auch zur emotionalen Ausstattung, selbst für die „Zugereisten“, sogar für die Frischlinge unter den Zugereisten: Man spürt irgendwie unheimlich schnell, dass etwas passiert ist. Am späteren Abend komme ich am Mittwoch der vergangenen Woche aus Tel Aviv nach Jerusalem zurück. Kurz vor dem ehemaligen Bahnhof passiere ich die Straße, die zum Menachem-Begin-Center herunterführt. Sie ist abgesperrt. Davor stehen Menschen, die mit einiger Anstrengung ziemlich überdimensionierte israelische Nationalflaggen schwenken und lautstark Parolen skandieren.

Schon vor der Abfahrt in Tel Aviv habe ich gehört, dass es einen Mordanschlag gegeben hat, mitten in einem der belebten Teile Westjerusalems, zwischen Cinemathek und Bahnhof. Die vier Schüsse, von einem Motorrad aus abgegeben, galten einem rechtsgerichteten Rabbiner, der schon seit Jahren dafür bekannt ist, dass er den freien Zugang zum Tempelberg für Juden fordert. Der Attentäter wird im Stadtteil Abu Tor, also in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, am frühen Donnerstag von der Polizei erschossen.

Keine heidnischen Stätten mehr auf dem Berg

Yehuda Glick – so heißt das Opfer des Anschlages – hat zuvor in dem Konferenzzentrum zusammen mit anderen seine Vorstellung von der Zukunft des Tempelbergs verdeutlicht. In Kurzform lautet die: Ein Tempelberg ohne die al-Aqsa-Moschee und ohne den Felsendom, bekanntlich die beiden wichtigsten islamischen Heiligtümer nach Mekka und Medina. Auf seiner Homepage wird er noch deutlicher: Auf dem Berg dürfe es keine heidnischen Stätten mehr geben. Andernfalls wäre, so seine Argumentation, der ersehnte Bau des dritten jüdischen Tempels unmöglich.

Es verwundert wenig, dass der rechte Aktivist mit solchen Worten, die für viele gläubige Muslime die Verletzung aller ihrer Glaubensgewissheiten bedeutet, unerträglich provoziert hat. Das Attentat – welches wie alle Anschläge durch absolut nichts zu rechtfertigen und klar zu verurteilen ist, ganz gleich, was Glick auch immer gesagt und getan hat – heizt die ohnehin schon schwierige Situation noch weiter an. Und die altbekannten Zündler sind wieder mit dem gleichen martialischen Gerede zur Stelle: Mit dem Angriff auf Glick sei eine „rote Linie aus Blut“ überschritten worden, sagt der Wirtschaftsminister und Führer der ultranationalistischen Partei HaBajit haJehudi Naftali Bennett.

Einer der fleißigsten Kumpane von Bennett, Glick und Konsorten ist der Rechtsaußen der bestimmenden Regierungspartei Likud, der Knesset-Abgeordnete Moshe Feiglin. Er war Augenzeuge des Attentats. Feiglin hat in den letzten Tagen auch ein paar schöne Sprüche gebracht, die den Äußerungen Glicks in nichts nachstehen: Man müsse den Waqf vom Tempelberg vertreiben, sagt er. Zur Erklärung: Seit 1187 verwaltet der Waqf als religiöse und gemeinnützige Vereinigung den Tempelberg. Seit 1924 hat zudem das jordanische Königshaus die Schutzfunktion über alle heiligen Stätten Jerusalems, vertraglich anerkannt durch Israel. Feiglin fährt fort. Es sei Zeit, dass die israelische Polizei die alleinige Verantwortung auf dem Tempelberg übernehme: „Wir müssen unsere ganze Souveränität über den Tempelberg zurückgewinnen.“

Jordanien als Schutzmacht des Tempelberges

Was das eigentlich bedeutet und wie gefährlich die Äußerungen von Moshe Feiglin und seinen Mitstreitern auch geopolitisch sind, wird deutlich, wenn man sich klar macht, dass hinter dem Tempelberg ein riesengroßes „J“ wie ein Menetekel auftaucht. Nein, das steht ausnahmsweise weder für die Juden noch für Jesus: Jordanien ist gemeint. Jede politische Provokation, die den Tempelberg betrifft und die auch nur halbwegs die Unterstützung der israelischen Regierung oder gar des Regierungschefs erkennen lässt, muss automatisch zu Reaktionen auf der jordanischen Seite führen.

Und dafür gibt es sehr, sehr triftige Gründe: Die Anerkennung, die Jordanien als „Schutzmacht“ des Tempelberges genießt, ist letztlich auch ein Bindeglied zwischen den Palästinensern und dem haschemitischen Königshaus und verleiht diesem Legitimität in der islamischen Welt. Dieser Bund ist eine schiere Überlebensgarantie für die Herrscherdynastie, wenn man die simple Tatsache in Betracht zieht, dass der Anteil der Palästinenser in Jordanien auch nach sehr vorsichtigen Schätzungen in jedem Fall deutlich mehr als 50 Prozent ausmacht und die Haschemiten als „Homies“ des Königshauses, wie man wohl neudeutsch sagt, im eigenen Land klar in der Minderheit sind. Kein Wunder, dass der kluge König Abdullah sich in den letzten Tagen beeilt hat, die Angelegenheit „Tempelberg“ zum nationalen Interesse Jordaniens zu erklären: „Die palästinensische Sache bleibt unsere Sache!“

Im Übrigen hat Jordanien, auch das gehört zur Wahrheit, die im politischen Israel hin und wieder mal übersehen wird, auch die Rechtslage klar auf seiner Seite. Die vorübergehende Schließung des Tempelberges, die man nach dem Attentat vornahm und die zu heftigen Reaktionen der Palästinenser führte, ist letztlich auch dann, wenn das nur für einen halben Tag gilt, eine Verletzung des israelisch-jordanischen Friedensvertrages, dessen 20-jähriges Bestehen auch das offizielle Israel in diesen Tagen zu Recht feiert.

Wenn Israel in Sachen Tempelberg politisch mit dem Feuer spielt, dann läuft es Gefahr, auch das Nachbarland in Brand zu setzen und damit die Stabilität des wichtigsten Partners, ja der einzigen echten Sicherheitsgarantie, die Israel in seiner Nachbarschaft hat, in Bedrängnis zu bringen. Es wird noch brenzliger, wenn man bedenkt, wie sehr Jordanien durch die immensen, kaum vorstellbaren Flüchtlingsströme aus Syrien und dem Irak und durch einsickernde Teile des IS, bereits jetzt in seiner Stabilität angekratzt ist. Dass Jordanien am Mittwoch seinen Botschafter aus Israel abgezogen hat, ist schon weit mehr als ein Warnschuss – und die israelische Regierung täte gut daran, aufs Äußerste alarmiert zu sein.

Die Mutter aller Mütter und Väter

So weit, so klar. Jetzt könnte man gemütlich eine Linie ziehen und allen Juden sagen: Finger weg vom Tempelberg! Frei nach dem Motto, die Muslime auf dem Tempelberg bedeuten: Alles in Ordnung. Die Juden auf dem Tempelberg: Geht gar nicht! Auch nicht langfristig, auch nicht mit klaren Regeln! Das wäre die Sicht aus dem fernen Deutschland. Aber der geneigte Leser dieser Reihe kennt meinen Refrain bereits: Ganz so einfach ist es nicht. Hatte ich im Rahmen meiner Kolumnen schon mal erwähnt, dass im Heiligen Land nichts, aber auch nichts einfach ist?

Eine ganze Weile (Jahrhunderte!) hat sich die Sache von alleine geregelt. Bis heute verbietet das Oberrabbinat den Juden „eigentlich“ das Betreten des Tempelberges. Nicht als Beitrag zum Frieden, sondern aus Fürsorge! Die Angst, aus Versehen das Allerheiligste zu betreten, den Ort, an dem die Bundeslade im Tempel aufbewahrt worden ist und die Gegenwart Gottes unmittelbar spürbar war, erschien einfach zu übermäßig. Heute, so sagt mir unsere Partnerin Sharon Rosen, eine der weltweit anerkannten Expertinnen für heilige Stätten, weiß man, wo dieses Allerheiligste gewesen sein kann.

Auch die Moderaten unter meinen Gesprächspartnern, echte und überzeugte „Zweistaatler“ und damit nach der hiesigen Interpretation total „linke Gesellen“ (siehe meine bisherigen Kolumnen) und träumerische Friedensapostel, fragen deshalb in der Gegenwart ganz vorsichtig danach, wie legitim es ist, den Juden jede Gebetshandlung auf dem Tempelberg zu verweigern. Kann es nicht, unter strengen Vorgaben, eine geregelte Möglichkeit geben, fragen sie mehr oder weniger rhetorisch. Wobei der geneigte Beobachter auch bei überbordender Fantasie im Moment nicht genügend Vorstellungskraft aufbringen kann, wie eine solche geregelte Gebetshandlung in der Praxis aussehen könnte, ohne eine Katastrophe auszulösen.

Und doch ist – und das ist eine Sicht, die in vielen deutschen Analysen fehlt – auch der Wunsch der Juden, hier zu beten, nicht ohne Berechtigung: Die Tempel, vor allem ihre Zerstörungen, das muss man berücksichtigen, spielen in der Überlieferung der Juden und damit in ihrem Glauben eine ganz zentrale Rolle. Der erste Tempel fiel im Jahr 586 vor Christus den Truppen des babylonischen Eroberers Nebukadnezar II (ein vertrauter Name für Freunde des gepflegten teutonischen Kreuzworträtsels) zum Opfer. Bei der zweiten Zerstörung waren es im Jahr 70 nach Christus die Römer, die alles kurz und klein schlugen. Aber das ist beileibe nicht alles, was den Tempelberg für die Juden heilig macht. Dieser Hügel gilt sozusagen als Mutter aller Mütter und Väter. Hier soll Gott die Erde in seine Hände genommen haben, aus der er dann den Menschen, besser bekannt als Adam, geformt hat. Kain, Abel und Noah haben zu ihren legendären Lebzeiten auch mal hier vorbeigeschaut. Und dann ist da noch Abraham, das macht den Felsen auf dem Tempelberg für die drei großen Weltreligionen so wichtig. Der geachtete Urvater der Christen, Juden und Muslime oder prosaischer, ihr kleinster gemeinsamer Nenner, wollte hier auf dem Berg auf Geheiß Gottes seinen Sohn Isaak opfern.

Ein dynamischer jüdischer Anführer

Auch der Bau des „Dritten Tempels“ an sich ist als religiöse Figur und als Prophezeiung von großer Bedeutung für die Juden. Die Sehnsucht nach diesem Bauwerk ist nicht einfach nur irgendeine politische Provokation, sondern ein zentraler Bestandteil des jüdischen Messiasglaubens. Wenn man den Überlieferungen des Maimonides glaubt, dann wird eines Tages ein dynamischer jüdischer Anführer, ein direkter Abkömmling König Davids, auf der hiesigen Bildfläche erscheinen. Er und nur er ist es, der den Tempel in Jerusalem wieder erbauen und die Juden aus der ganzen Welt zum Land Israel bringen wird – nicht der Rabbiner Glick, by the way! In der Überlieferung heißt es weiter: Alle Völker der Erde werden den „Moshiach“, wie der Gesalbte auf Hebräisch heißt, als Weltführer anerkennen und seine Herrschaft akzeptieren. Kriege und Hungersnöte hören auf und stattdessen herrschen Frieden und Wohlstand in der Welt. Als Fußnote des christlichen Kolumnisten: Wenn mein Messias nicht schon gekommen wäre, dann empfände ich das als verlockende Perspektive.

Was lehrt uns das? Erstens: Das Problem sind in ganz Israel nicht diejenigen, die fromm sind, die religiös sind. Das Problem sind diejenigen, die diese Religiosität mit einem strammen nationalistischen Extremismus verbinden. Klar, das Judentum in Israel ist vom Staat Israel als der Heimstatt der Juden nicht zu trennen, ein laizistisches Israel kann und wird es nicht geben, aber es ist offensichtlich, dass viele der Ziele der Hardliner am Tempelberg eher aus nationalistischen als ausschließlich aus religiösen Motiven verfolgt werden. Allein deswegen darf man aber nicht diejenigen in Mithaftung nehmen, die nichts als ihren Glauben ausüben wollen.

Zweitens, selbst wenn es legitime Gründe gibt, dass Juden auf dem Tempelberg beten: In der sehr aufgeheizten gegenwärtigen Situation gilt es dennoch alles, aber wirklich alles zu unterlassen, was eskaliert und nichts zuzulassen, was weiter zur Eskalation beiträgt. Das betrifft Taten und Worte auf beiden Seiten: Weder „rote Blutlinien“ noch „Kriegserklärungen“ sind hilfreich. Der Anschlag am Mittwoch in Jerusalem der wiederum drei Menschen das Leben (zwei Opfer und der Attentäter) und viele Menschen ihre Gesundheit gekostet hat, der Anschlag im Westjordanland, die Vorfälle mit Sicherheitskräften an und in der al-Aqsa-Moschee unterstreichen, dass es schon längst nicht mehr fünf vor zwölf ist.

Wenn sie nicht bereits ausgebrochen ist: Eine „Tempelberg-Intifada“ hätte im Gegensatz zu den in den letzten Kolumnen erwähnten „Straßenbahn-„ und „Kinderintifadas“, auch noch die hochexplosive religiöse emotionale Aufladung mit unübersehbaren Folgen für die ganze Weltreligion, die sich in der goldenen Kuppel des Felsendoms wie in einem Brennglas widerspiegelt. Auf welchem Weg der Herrgott auch immer von Jerusalem aus angesprochen wird und von wem auch immer, ob von Muslimen, Juden oder Christen – die allerletzte Hoffnung in diesen pessimistischen Zeiten bleibt, dass er Vernunft in die Hirne eingießt.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Michael Borchard: Kein Frieden für Jerusalem

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