Man sollte jungen Mädchen alle Optionen zeigen – auch halbnackt auf einer Abrissbirne zu schwingen. Amanda Palmer

Kein Frieden für Jerusalem

Jerusalem ist einer der Dauerschauplätze des Nahostkonflikts. Die jüngsten Ausschreitungen rund um die religiösen Hotspots der Stadt nehmen an Heftigkeit zu. Michael Borchard ist vor Ort und gewährt Einblicke in die diffuse Mengenlage.

Nahe bei unserer Wohnung im westlichen Teil des Jerusalemer Stadtteiles Abu Tor – ganz oben auf dem Hügel – gibt es einen herrlichen versteckten Aussichtspunkt auf die Altstadt und den Felsendom: das ganze Panorama von Zionsberg über den Tempelberg bis hoch zum Ölberg! Fast schon eine unwirklich stimmige Kitschpostkarte. Eine Kulisse, die verdeckt, wie fragil die Schönheit bei der näheren Betrachtung dann doch ist und wie sehr es unter dieser altehrwürdig glänzenden Oberfläche immer wieder von neuem gärt.

Im Mittelpunkt dieser Postkarte steht als Kristallisationspunkt der Ort, der uns und den ganzen Rest des Landes in diesem ersten Jahr unserer „Reise nach Jerusalem“ nicht wirklich in Ruhe gelassen hat und schon zum zweiten Mal Gegenstand dieser Kolumne ist: der Tempelberg oder „Haram al sharif“, was übersetzt so viel heißt wie „edles Heiligtum“. Die Juden haben den Berg lange auch „Mishkan“ genannt, was man als „Gottes Heimstätte auf Erden“ interpretieren kann. Der Allmächtige scheint sich allerdings ein recht ungemütliches Haus auf Erden bereitet zu haben. Alles andere als ein stilles Refugium, eher ein Tummelplatz für Wahnsinnige, für Provokateure und Hasardeure – neben all jenen die nichts wollen, als ungehindert und friedlich ihre religiösen Pflichten und Sehnsüchte leben zu können.

Big Brother is watching you

In diesen unruhigen Tagen des Neujahrsfestes und von Yom Kippur, dem „Versöhnungstag“, und dem muslimischen Opferfest wimmelt die Stadt Jerusalem nur so von Polizisten. Seit Tagen dröhnen über unserer Wohnung und der Innenstadt entweder die Hubschrauberrotoren – oder etwas subtiler und mit dem „Sound“ von Modellflugzeugen – die Überwachungsdrohnen. Auch die Fesselballons, die mit allerlei Equipment – a la „big-brother-is-watching-you“ – ausgestattet sind, wurden über neuralgischen Punkten wie dem Stadtteil Sheik-Jarrah gleich am Ölberg aufgezogen, um in diesen unruhigen Tagen die Sicherheit zu gewährleisten.

Es mag auf den allerersten Blick an den Feiertagen aussehen wie, man verzeihe die Anglizismen, „business as usual“, so wie jedes Jahr. Aber das täuscht: seit inzwischen mehr als zwei Wochen hat die alltägliche Gewalt in der ehrwürdigen Stadt noch einmal neue Ausmaße angenommen. In mehreren Stadtteilen in Ostjerusalem ist es zu erheblichen Auseinandersetzungen gekommen. Ein Autofahrer wurde getötet, weil er nach einem Steinwurf auf sein Auto die Kontrolle über das Fahrzeug verloren hat. Aber es geht um mehr als nur um ein temporäres Aufflammen von Gewalt. Denn seit einer Weile zeichnet sich ein letztlich unerfreulicher, vielleicht sogar auf lange Sicht katastrophaler Paradigmenwechsel ab. Viele ältere Jerusalemer erzählen uns von den scheinbaren oder tatsächlichen goldenen Zeiten ihrer Jugend, in denen die fromme und tief empfundene Religiosität in diesem Schmelztiegel der Religionen ebenso selbstverständlich erlebbar war, wie lebenspraktische Toleranz, gemäß dem klugen Motto „Leben und leben lassen“.
h6. Die Christen als gemeinsamer Feind

Der greise Religionswissenschaftler und Princeton-Professor Bernard Lewis, der bei all seiner Umstrittenheit unzweifelhaft einer der besten Kenner des Nahen Ostens ist, hat in einem seiner Werke bereits 1984 diese goldene Zeit sehnsuchtsvoll beschrieben: über Jahrhunderte, mit ein paar wenigen Ausnahmen, hätten Juden in muslimischen Ländern keinen Antisemitismus, keine gewaltbereite Feindseligkeit erleben müssen. Negative Einstellungen, ja, bloße Duldung, ja auch, aber nichts, was auch nur ansatzweise den erbitterten und systematischen Verfolgungen gleichgekommen wäre, die Juden durch Christen im Verlaufe der Jahrhunderte in Europa angetan worden sind. Im Gegenteil, man – Juden und Muslime – habe letztlich, so sagt er zugespitzt, so etwas wie einen gemeinsamen Feind in den Christen als verbindendes Element gesehen. Erst zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, mit dem Aufkommen nationaler arabischer und nationaler zionistischer Bewegungen in der Gegend, sei diese besondere „Entente“ in Bedrängnis geraten, mit dem absoluten Wendpunkt des Sechstage-Krieges, der in seinem Nachgang in nicht geringem Maße zu Ausprägungen muslimischer Judenfeindlichkeit und jüdischer Islamfeindlichkeit geführt habe, die sich immer deutlicher bis in die Gegenwart ausprägen.

Diese Zuspitzung kristallisiert sich in besonderem Maße am Tempelberg, wo es im Kern um die Frage geht, wann, wo und ob Muslime und Juden auf dem Plateau um Felsendom und Al-Aqsa-Moschee herum beten können. Und auch das ist komplizierter als es auf den ersten Blick scheint. Der „Status Quo“ besagt, dass Muslime, namentlich der sogenannte „Waqf“, die Dinge auf dem Tempelberg regelt und der jordanische König als „Lord-Protector“ auf dem Berg dient. Juden und Christen dürfen den Tempelberg betreten, nicht aber den Felsendom und die Moschee und vor allem dürfen sie keine Gebetshandlungen auf dem Berg ausüben. Diesen „Status Quo“ stellen nationalreligiöse Gruppierungen nicht nur zunehmend in Frage, sondern schlimmer noch: sie propagieren mehr oder weniger offen den Abriss des Felsendoms und die Errichtung des Dritten Tempels an dieser Stelle. Für religiöse Muslime eine unerträgliche Provokation! Hinter dieser Provokation verschwindet die Tatsache, dass es hunderttausende friedlicher Juden gibt, die eben dieses Felstableau (und nicht alleine die Klagemauer) mit dem gleichen Recht wie die Muslime als ihren heiligsten Ort auf Erden verehren. Nicht alle von ihnen kann man als politische Spinner diskreditieren und es ist fraglich, ob man ihnen das Recht auf dem Tempelberg friedlich zu beten bis in alle Ewigkeit vorenthalten kann. Wohl aber kann man sie bitten, nicht auch ihrerseits zur Eskalation beizutragen.

Auf Provokation folgt Provokation

Die gefährlichen Ankündigungen der radikalen „Tempelbauer“ hingegen rufen nicht minder extreme Gruppen auf der anderen Seite auf den Plan, die sogenannten Murabitan bzw. Murabitat, Frauen und Männer, die vor allem aus den Golfstaaten finanziert werden, auf dem Tempelberg vermeintlich Koranstudien betreiben sollen, in Wahrheit aber dort bewusst als „Agent provocateur“ „abgestellt“ sind, um Juden und Christen lautstark herauszufordern oder zumindest einzuschüchtern.

Das hat immer wieder zu Handgreiflichkeiten, zu Verboten der Organisation und letztlich zu Einschränkungen für die Islamisten geführt, denen erst nach 11 Uhr morgens das Betreten des Berges erlaubt ist. In der Folge dieser Ereignisse haben sich Jugendliche mit Molotow-Cocktails und Feuerwerkskörpern in der Al-Aqsa-Moschee verschanzt, was dann wiederum die israelischen Sicherheitskräfte auf den Plan gerufen hat, die in die Moschee eingedrungen sind und auch die Einschränkungen auf junge Männer unter 40 Jahren erweitert hat. Das vorläufige Ende vom Lied sind heftige Unruhen in der Stadt und entrüstete Einwürfe aus selbst jenen Staaten, die mehr oder weniger deutlich mit Israel kooperieren, wie Ägypten und Jordanien und damit drohen, eben jene Zusammenarbeit zu überdenken.

Es gibt an diesem Ort jedenfalls einen augenscheinlichen direkten Zusammenhang mit Provokationen von beiden Seiten einerseits und Beschränkungen auf dem Tempelberg und der Unruhe in der ganzen Stadt andererseits. Unter dem Strich ist es fast eine simple Gleichung: immer dann, wenn es Restriktionen des Zugangs von Muslimen auf den Tempelberg gibt, so wie im vergangenen Herbst und so wie in diesen Tagen, dann ruft das massive Unruhen hervor. Wenn die Restriktionen aufgehoben sind, dann tritt wieder relative Ruhe ein.

Durch diese permanente religiöse Aufladung ist eine neue Gefahr – und das ist der beschriebene Paradigmenwechsel – greifbar geworden: die Gefahr, dass aus einem vornehmlich nationalen und auch territorialen Konflikt mit religiösen „Einsprengseln“ ein religiöser Konflikt mit nationalen „Einsprengseln“ wird. Ersteres ist schon jetzt und seit Jahrzehnten kaum beherrschbar. Zweiteres wäre unkalkulierbar und in letzter Konsequenz auch unkontrollierbar, nicht einmal mit den raffiniertesten oder brutalsten Sicherheitsmaßnahmen. Mit unabsehbaren Konsequenzen für die ganze Region – mit unabsehbaren Konsequenzen für Gesellschaften wie die unsere in Deutschland, in denen eine signifikante Anzahl von Juden und Muslimen lebt.

Und da im Nahen Osten und insbesondere im Heiligen Land nichts, aber auch Garnichts einfach ist, wird die Sache durch eine dritte Dimension noch komplizierter: gemeint ist die prekäre Lebenssituation in Ostjerusalem: 75 Prozent Armut, 84 Prozent Kinderarmut, 90 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, mehr als ein Drittel Schulabbrecher, ein Defizit an 1.000 Klassenräumen und so weiter und so fort. Die daraus erwachsende Verzweiflung mischt sich mit dem, was Religionswissenschaftler manchmal etwas euphemistisch mit dem „wachsendem Selbstbewußtsein“ der Muslime umschreiben. Dieses Selbstbewusstsein, diese Identifikation mit den eigenen religiösen Wurzeln ist im Grundsatz keine schlechte Eigenschaft. Sie kann Halt und Orientierung geben, sie kann aber auch – wie das immer bei der Bildung von Identitäten der Fall ist zur Abgrenzung von anderen Lebensformen und im schlimmsten Falle zum Hass führen, wenn Enttäuschung und Perspektivlosigkeit die Oberhand gewinnen.

Es geht darum, Wirtschaftsperspektiven zu schaffen

Die Verbindung von Wut und Religion war jedenfalls in der Geschichte der Völker und der Religionen noch niemals eine besonders heilsame Rezeptur. Das ist es – leider Gottes – was den Schergen der Hamas, die in Ostjerusalem zunehmend präsent und aktiv sind und keine Gelegenheit auslassen, mit dem Feuer zu spielen, den Boden bereitet. Dabei ist dieser Boden immer noch durchaus empfängnisbereit für Frieden und Verständigung. Umfragen zeigen, dass viele Menschen sich in Ostjerusalem auch aus wirtschaftlichen Gründen lieber für die Zugehörigkeit zum israelischen Wirtschaftsgebiet entscheiden würden. Letztlich geht es, darin liegt die große Verantwortung der Stadtverwaltung in Israel, die bislang noch nicht hinreichend wahrgenommen wird, wirklich darum, Wirtschaftsperspektiven zu schaffen und die bestehende wirtschaftspolitische und sozialpolitische Teilung der Stadt zu lindern. Schon das ist alles andere als einfach. Noch schwieriger wird es, die religiöse Lage auf dem Tempelberg wenigstens ansatzweise zu entwirren und zu beruhigen.

Äußerungen, wie die von Mahmoud Abbas, dass man mit allen Mitteln verhindern müsse, dass die Juden mit ihren „schmutzigen Füßen“ die Al-Aqsa-Moschee entehrten, sind alles andere als hilfreich, sie zeigen aber, dass es Abbas immer weniger gelingt, den wachsenden Zorn seiner Landsleute in Zaum zu halten. Eine dritte Intifada wiederum kann er – auch wenn die Sehnsucht danach, wie hochaktuelle Umfragen des KAS-Büros in Ramallah zeigen, deutlich ansteigt – kaum herbeiwünschen, würde er doch riskieren, dass der zu erwartende Sturm seine Autonomiebehörde und ihn selbst gleich mit aus dem Amt pusten würde. Der jordanische König hingegen muss um Leib, Leben und Königtum fürchten, wenn er die palästinensische Mehrheit in seinem haschemitischen Königreich nicht ansatzweise zufriedenstellt. Das aber wäre unabsehbares Unheil für die Sicherheit Israels und der Palästinenser. Für alle Beteiligten sind das mehr als gute Gründe, verbal und idelogisch abzurüsten.

Ein Wundherd, der sich auf den ganzen Leib ausbreiten kann

Auch Benjamin Netanjahu hat eine fragile Koalition im Zaum zu halten – und eine Partei – in der nicht wenige vom Bau des Tempels träumen. Zugleich muss das Land nach dem Attentat in Duma und nach dem Brandanschlag auf die Brotvermehrungskirche eine zunehmend unbequeme Diskussion über Extremismus führen. Radikalismus, der nicht nur aus dem eigenen Volk stammt, sondern auch das eigene Volk nicht verschont.

Dazu passend hat eine der interessantesten und anerkanntesten NGOs hier in Jerusalem mit dem bezeichnenden Namen „Search for Common Ground“ unter ihrer Leiterin Sharon Rosen Zahlen zu den Angriffen auf religiöse Stätten in Israel ausgerufen. Und die Ergebnisse sind ebenso interessant, wie sie deutlich machen, wie sehr Israel inzwischen neben der Bedrohung durch islamistischen Nationalismus auch eine massive Bedrohung durch jüdischen Extremismus verzeichnet. Auf den ersten Blick kann man die Sprengkraft der Studie nicht gleich erkennen. Im Gegenteil: seit 2011 ist mit 52 Prozent die Mehrheit der Angriffe, die auf heilige Stätten im Heiligen Land begangen worden sind, auf jüdische heilige Stätten verübt worden. „Nur“ 26 Prozent waren muslimische und 22 Prozent christliche Stätten. Überraschend ist nur die Feststellung, dass man anhand der vorgefundenen Beweissituationen in der Mehrheit der Fälle davon ausgehen muss, dass ein erheblicher Anteil der gewaltsamen Attacken auch auf jüdische Einrichtungen, darunter viele Reformsynagogen, von nationalreligiösen Gruppierungen verübt worden ist.

Gerade auf dem Zionsberg, der zweite „Hotspot“ auf unserer Postkartenansicht, ist – wie der Co-Direktor von Search for Common Ground, Eran Tzidkiayahu, sagt – eine „infizierte Wunde der Intoleranz entstanden, deren Wundherd sich auf den ganzen Leib ausbreiten kann.“ Der Ruf nach der Vernunft und dem tatkräftigen „Vernünftigen“ oder der „Vernünftigen“ an der Spitze ist ebenso sehnsuchtsvoll, wie er mangels Angebot verhallt Woher soll die Erlösung aus dieser religiösen Zuspitzung kommen? Wenn es nicht abgrundtief zynisch wäre, dann würde einem die Ankündigung des bekannten Evangelikalen-Predigers John Hagee wie die ersehnte Verheißung vorkommen, der angesichts des „vierten Blutmondes“ in Folge am nächtlichen Himmel in den kommenden Tagen ohnehin den jüngsten Tag prophezeit. Dann ist wenigstens Ruhe im Karton und immerhin würde die örtliche Nähe den leidgeplagten Jerusalemern der Überlieferung nach den schnellen Aufstieg in den Himmel ermöglichen. Aber dieser Wunsch ist – wie gesagt – zynisch, oder?

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Michael Borchard: Schicksalsberg

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