Im Bundestag altert man schneller. Florian Bernschneider

„Ob nun New York oder deutsche Provinz“

Michael Bloomberg stand elf Jahre als Bürgermeister an der Spitze von New York City. Er weiß wie kein anderer, mit welchen Problemen Metropolen heute zu kämpfen haben. Mit Max Tholl sprach er über pragmatische Großstädter und eine rettende Idee vom Land.

The European: Herr Bloomberg, Sie haben die „Mayors Challenge“ ins Leben gerufen, einen Wettstreit, bei dem Städte innovative Konzepte vorlegen, um Probleme zu lösen, die ebendort auftreten. Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für Städte heutzutage?
Bloomberg: Fast alle gesamtgesellschaftlichen Probleme entstehen in den Städten und werden auch dort gelöst. Denken Sie nur an den Klimawandel: Mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung lebt heute in Ballungsräumen. Wenn wir den Energieverbrauch dort reduzieren, könnten wir den Klimawandel verlangsamen. Kriminalität, Bildung und das Schaffen von Arbeitsplätzen sind weitere Beispiele dafür, dass Probleme in der Stadt auftreten und auch dort gelöst werden müssen. Das ist einerseits auf die hohen Einwohnerzahlen in Städten und andererseits auf die Politik dieser zurückzuführen.

The European: Wie unterscheidet sich die Politik auf städtischer Ebene von der nationalen?
Bloomberg: Die meisten Städte werden von Bürgermeistern regiert, die sehr viel Führungskraft besitzen. Für Journalisten ist es daher einfach zu messen und zu berichten, wie wirkungsvoll die Handlungen dieser sind. Liegt der Müll auf der Straße oder nicht? Gibt es viele Tote auf den Straßen oder nicht? Gibt es eine hohe Arbeitslosigkeit oder nicht? Das alles kann man genau festhalten, und daran messen, wie gut oder schlecht ein Bürgermeister seinen Job erledigt. Wen man Effizienz so genau messen kann, ist es einfach für Journalisten, über verschiedene Zustände zu berichten und das Interesse der Bürger für diese zu wecken. Auf staatlicher oder föderaler Ebene ist das viel schwieriger. Dort berichten Journalisten über Prozesse, deren Ausgang nicht immer so klar oder absehbar ist. Es gibt natürlich auch Unterschiede im Entscheidungsprozess. Verschiedene Dinge wie beispielsweise Kriegseinsätze können nur auf staatlicher Ebene entschieden werden, aber ich bleibe dabei: die meisten Probleme und Antworten auf ebendiese finden sich in den Städten.

The European: Welchen Vorteil haben Städte gegenüber Staaten?
Bloomberg: Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel aus den USA geben: Wenn es um Klimaschutzfragen geht, kommt es in Washington zum Stillstand. Trotzdem haben wir in den USA enorme Fortschritte in diesem Bereich aufzuweisen. Das ist allen voran das Verdienst der guten lokalen Klimapolitik der amerikanischen Städte. New York City hat seine CO2-Bilanz um etwa 19 Prozent gesenkt und das durch ganz simple Maßnahmen. Zum Beispiel wurden Dächer weiß gestrichen, um den Hitzeeffekt zu minimieren und Energie zu sparen. Städte sind ebenfalls die Geburtsstätte der Philanthropie und Initiativen wie der Sierra Club, den ich und andere Spender unterstützen, haben es geschafft, die Anzahl der Kohlekraftwerke in den USA zu reduzieren. Die US-Regierung interessiert sich nicht dafür und vernachlässigt allzu oft die großen Fragen wie Klimaschutz, Bildung oder Kriminalität.

„Eine gute Idee ist überall einsetzbar“

The European: Städte sind also die perfekten lokale Labore, um Lösungen auf globale Probleme zu testen?
Bloomberg: Absolut! Und man muss bedenken, dass diese „Labore“ weltweit gleich sind. Manche Städte haben mehr oder weniger Kriminalität oder Arbeitslosigkeit als andere, aber die Struktur ist überall die gleiche – nur die Größenordnung ist unterschiedlich. Lösungen in einer Stadt zu entwickeln, ermöglicht es also, diese auch in anderen Städten mit ähnlichen Problemen zu testen. Eines der Hauptkriterien bei der „Mayors Challenge“ ist die Übertragbarkeit der Konzepte. Die Idee des Gewinners muss universal anwendbar sein.

The European: Städte sind sich ähnlicher als Länder und doch gibt es enorme Unterschiede zwischen zwei Städten wie beispielsweise New York City und Shanghai. Glauben Sie wirklich, dass sich urbane Innovation einfach so von Stadt zu Stadt kopieren lässt?
Bloomberg: Regierungen können nur mit dem Einverständnis der Bürger überleben und es gibt dafür kein besseres Beispiel als diese Stadt: Berlin. Es war weder die amerikanische noch die russische Armee, die die Berliner Mauer zu Fall brachte, sondern die Bürger der DDR, die erkannten, dass es den Leuten auf der anderen Seite der Mauer deutlich besser ging. Die DDR-Führung musste dem Druck der Leute schließlich nachgeben. Das zeigt, dass Ideen selbst die stärksten Mauern einreißen können, wenn die Menschen begreifen, wie die Ideen sich auf ihr Leben auswirken. Geografische Distanzen oder regionale Unterschiede spielen da keine große Rolle. Eine gute Idee ist also überall einsetzbar.

The European: Das müssen Sie erklären.
Bloomberg: Man kann die Probleme der Zukunft ins Hier und Jetzt bringen. Stellen Sie sich Folgendes vor: Ihr Kind muss wegen eines Asthmaanfalles ins Krankenhaus. Der Arzt teilt Ihnen daraufhin mit, dass die schlechte Luft- oder Wasserqualität der Stadt den Anfall ausgelöst hat. In dem Moment, sorgen Sie sich um die zunehmende Luft- und Wasserverschmutzung und begreifen, dass diese Probleme keine Probleme der Zukunft, sondern der Gegenwart sind, und sich bereits auf das eigene Leben auswirken. Wen man den Leuten das verbildlicht, kann man diese Risiken schon jetzt angehen und sie frühzeitig bekämpfen. Die Symptome dieser Probleme zeigen sich zuerst in Städten und deshalb werden diese schneller aktiv bei der Problembekämpfung als Staaten.

The European: Was überrascht, ist, dass viele urbane Innovationen wie beispielsweise Fahrradleihprogramme oder Bürgerhaushalte in den ärmeren Städten des globalen Südens entstanden und erst später durch westliche Städte übernommen wurden.
Bloomberg: Unglaublich viel Innovation findet an Orten statt, an die man nie im Leben denken würde. Auf der städtischen Ebene geht es nicht um Kriegsentscheidungen, sondern darum, öffentliche Dienste zu garantieren und zu verbessern, und das kann man überall auf der Welt gleich gut tun. Selbst der Bürgermeister eines kleinen Provinznestes, dessen Namen man noch nie gehört hat, kann eine Idee haben, die das Leben von Millionen Menschen erleichtern kann. Der Bürgermeister-Posten ist eigentlich überall der gleiche – ob in New York City oder in einem kleinen deutschen Provinznest.

„Großstädter denken sehr pragmatisch“

The European: Vor einiger Zeit haben wir den früheren Clinton-Berater Benjamin Barber interviewt, der in seinem aktuellen Buch argumentiert, warum Bürgermeister die Welt regieren sollten. Er schreibt, dass Städte bereits heute mehr Macht besitzen als Nationalstaaten. Stimmen Sie ihm zu?
Bloomberg: Auf die USA bezogen, gebe ich ihm recht. Dort gibt es einen großen Kräfteunterschied zwischen Staat und Stadt. Aber auch zwischen Städten und Bundesstaaten oder unter Bundesstaaten. Geografische Größe und Bevölkerungsanzahl spielen hier eine große Rolle. Der Staat Oklahoma hat zum Beispiel deutlich weniger Abgeordnete im Repräsentantenhaus als der Staat New York, obwohl dieser deutlich kleiner ist.

The European: Wie wichtig ist Parteipolitik in der Stadtpolitik?
Bloomberg: In den USA agieren die meisten Bürgermeister überparteilich. Der ehemalige Bürgermeister von New York City, Fiorello LaGuardia, sagte einst, dass es keine demokratische oder republikanische Art gibt, den Müll von der Straße einzusammeln. Er lag goldrichtig. Ich kandidierte damals als Republikaner in New York City, weil ich mich nicht als Demokrat aufstellen konnte. Es gibt in New York City wahrlich nicht viele Republikaner, und trotzdem gewann ich die Wahl. Wieso? Weil es den Leuten um Dienste geht.

The European: Und nicht um Parteipolitik?
Bloomberg: Großstädter denken sehr pragmatisch. Am Ende zählen nur die Resultate. Sie wollen, dass ihre Kinder gesund heranwachsen und wollen frei von kriminellen Übergriffen sein. New York City war lange Zeit ein sehr heißes Pflaster, doch heute können Sie ruhigen Gewissens durch die Straßen laufen, ohne Angst zu verspüren. Das ist nicht selbstverständlich in einer amerikanischen Stadt dieser Größe. Die Leute wollten dieses Gefühl der Sicherheit und ich stellte sicher, dass sie es bekommen. Deswegen war ich beliebt und wurde wiedergewählt.

„Ein Bürgermeister sollte keine Angst vor Transparenz haben“

The European: Glauben Sie, dass Bürgermeister mehr Rechenschaft ablegen müssen als Politiker auf nationaler Ebene?
Bloomberg: Absolut, keine Frage!

The European: Wieso?
Bloomberg: Weil die Resultate und Konsequenzen ihrer Politik viel leichter zu erkennen und zu bemessen sind. Politiker auf nationaler Ebene verweisen gerne darauf, dass ihre Maßnahmen erst in 10-15 Jahren greifen werden. Bürgermeister können das nicht tun, sie müssen ihre Versprechen in kürzester Zeit einhalten.

The European: Das Gleiche gilt doch auch für den US-Präsidenten?
Bloomberg: Weil Präsidenten auch Führungskräfte sind. Ihr Handlungsrahmen ist aber ein ganz anderer. Es ist aber wichtig anzumerken, dass die meisten Regierungsbeamten nur sehr ungern delegieren und ihre Macht mit anderen teilen. Alles muss über sie laufen. Sie argumentieren, das würde Konsistenz fördern, ich argumentiere, es beruht auf einer inneren Unsicherheit und Angst, an Macht zu verlieren. Je größer eine Regierung ist, desto geringer die Chance, dass Macht nach unten sickert. In einem kleinen Dorf hingegen können die Bürger an allen Entscheidungsprozessen teilnehmen. Das ist in einer Stadt wie New York City oder einem Land wie den USA schier unmöglich. Mein Ratschlag lautet aber: Wer Bürgermeister werden will, sollte keine Angst vor Transparenz haben!

The European: Die meisten Projekte der „Mayors Challenge“ nehmen sich der öffentlichen Gesundheit oder der Bürgerbeteiligung an, anstatt sich auf Infrastruktur per se zu fokussieren. Wieso?
Bloomberg: Die Projekte, die nah am Bürger dran sind, sind die wichtigsten. Außerdem sind sie oft einfach durchzusetzen und kosten verhältnismäßig wenig. Eine Brücke zu bauen kann ein Vermögen kosten und nicht so viele Nutzen mit sich bringen wie ein Projekt, das die Bürger untereinander verbindet.

The European: Die kleinen Projekte machen den großen Unterschied?
Bloomberg: Absolut. Man braucht am Ende des Tages natürlich immer noch die Brücke, aber es gibt keinen vernünftigen Grund, wieso man die einfacheren Maßnahmen nicht zuerst umsetzen sollte.

Übersetzung aus dem Englischen.

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