Generalisierungen sind weder hilfreich, noch angebracht. Ali Kizilkaya

Persische Partnerschaften

Wenn die Verhandlungen zum persischen Atomprogramm erfolgreich sind, dann könnte sich der Iran als wichtiger Verbündeter des Westens etablieren.

Im vergangenen Herbst veröffentlichte der frühere US-Diplomat und Außenpolitiker Henry Kissinger sein neuestes Buch unter dem Titel „Weltordnung“. Darin bezieht er Stellung zu aktuellen außenpolitischen Themen und erklärt unter anderem die gegenwärtige politische Ordnung des Nahen Ostens für gescheitert.

Er schlägt vor, die USA sollten gemeinsam mit dem Iran Konzepte entwickeln, wie die neue regionale Ordnung des Nahen Ostens aussehen soll. Damit offenbart Kissinger zum einen das weiterhin große Interesse Washingtons an der regionalen Ordnung des Nahen Ostens, obwohl Präsident Obama rhetorisch den Rückzug aus der Region signalisierte und zum anderen weist er auf die gestiegene Bedeutung des Iran in der Region hin. In seinem Buch widmet Kissinger den amerikanisch-iranischen Beziehungen ein ganzes Kapitel und hat für Teheran erstaunlich positive Worte übrig.

Kissinger flirtet mit Rohani

Demnach habe der Iran verglichen mit den übrigen Ländern des Nahen Ostens den am stärksten ausgeprägten Sinn für seine nationale Identität und eine am stärksten ausgefeilte Staatskunst, die nationalen Interessen dienen soll. Zudem bescheinigt Kissinger der iranischen Führung ein strategisches Denken, welches das der anderen Staaten der Region deutlich übertreffe. Schließlich kommt er zu der Schlussfolgerung, dass der Westen sich die Option offenhalten sollte, zum Iran kooperative Beziehungen zu entwickeln. Auch wenn diese Worte überraschend erscheinen, spiegeln sie doch nur die Annäherung zwischen dem Westen und dem Iran seit dem Amtsbeginn Hassan Rohanis wider.

Tatsächlich hat der Iran seinen Einfluss in der Region weit über den sogenannten schiitischen Halbmond ausgebaut. Der Syrienkonflikt hat den unterschätzten Einfluss Teherans auf die Länder seines nahen Umfelds der gesamten Welt vor Augen geführt. Dank des iranischen Rückhalts hat Baschar al-Assad es geschafft, die Krise auszusitzen und heute glaubt kaum noch jemand an den Sturz des mutmaßlichen „Diktators“. Auch mit einem geteilten Syrien könnte der Iran zufrieden leben, da seine alawitischen Verbündeten auch dann die wichtigsten Zentren und Häfen des Landes kontrollieren würden.

Ebenso würde ein geteilter Irak den iranischen Interessen nicht widersprechen, da seinen schiitischen Glaubensbrüdern ein Drittel des irakischen Territoriums zufallen würde und sie den strategischen Zugang zum Persischen Golf kontrollieren würden. Einige haben die US-Intervention im Irak als strategischen Akt gegen die Interessen Teherans gewertet. Dabei ist heute, gut ein Jahrzehnt nach der US-Intervention, der Einfluss der schiitischen Minderheit im Irak größer als je zuvor.

Bis zuletzt war der ehemalige Ministerpräsident des Irak, Nuri al-Maliki, das Symbol dafür, dass sich nach dem Sturz Saddam Husseins die innerirakischen Kräfteverhältnisse enorm verändert haben. Auch im Libanon ist die pro-iranische Hisbollah nach wie vor die de facto stärkste politische Kraft des Landes am östlichen Mittelmeer. Während des sogenannten „Arabischen Frühlings“ haben auch die Golfstaaten Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate zu spüren bekommen, dass ihre schiitischen Bürger inzwischen gut organisiert sind und nach politischer Partizipation streben.

All diese Entwicklungen deuten auf eine Tatsache hin: Der schiitische Halbmond, der von den Golfstaaten zum Iran, von dort über den Irak und Syrien bis zum Libanon reicht, längst zu einer umwälzenden Realität des Nahen Ostens geworden ist. Die jüngsten Ereignisse im Jemen hingegen, wo inzwischen schiitische Milizen gewisse Regionen des Landes kontrollieren, zeigen, dass Teheran künftig auch über dem schiitischen Halbmond hinaus auf verbündete Glaubensbrüder setzen kann.

Dabei hat der Iran in den vergangenen Jahrzehnten von seiner rhetorischen Feindschaft gegen die USA und Israel durchaus profitiert. Einen offenen militärischen Schlagabtausch hat Teheran gegen den Westen in der Vergangenheit stets vermieden und wird auch künftig keinen riskieren. Ganz im Gegenteil profitiert der Iran insbesondere durch eine antiwestliche Rhetorik, mit der das Land zum einen schiitische Minderheiten in seinem nahen Umfeld mobilisiert und zum anderen insbesondere durch seine antiisraelische Haltung auch in der mehrheitlich sunnitisch geprägten arabischen Welt an Sympathie gewinnt.

Westlich-iranische Beziehungen vorm Durchbruch?

Zudem führt die stetig ansteigende Eskalation der Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten im Nahen Osten dazu, dass die schiitischen Minderheiten verstreut auf der gesamten arabischen Halbinsel sich an die Führung Teherans klammern und auf iranischen Schutz und Beistand pochen. Aus diesem Grund fürchten speziell Saudi-Arabien, die Golfstaaten und seit Neuestem auch der Jemen die Einmischung des Iran in die inneren Angelegenheiten ihrer Staaten. Der Iran spielt schon seit Jahrhunderten eine besondere Rolle im politischen Gefüge des Mittleren Ostens, doch die neue geopolitische und demografische Lage der Region hat Teheran eine Schlüsselrolle zugespielt wie nie zuvor.

Kissinger ist keineswegs der Erste, der diesen Umstand bemerkt. Denn mit der Wahl Rohanis zum iranischen Präsidenten haben sich auch die Beziehungen des Westens zum Iran revidiert. Über die andauernden Gespräche zum iranischen Atomprogramm drängen inzwischen ausschließlich positive Informationen an die Öffentlichkeit. Auch das westliche Medienbild über das Land hat sich deutlich verändert und unangenehme Schlagzeilen, die noch vor einigen Jahren über den Iran gedruckt wurden, werden heute über andere Staaten der Region gemacht.

Kurzum, die westlich-iranischen Beziehungen stehen womöglich vor einem Durchbruch. Wenn sich aus den Verhandlungen zum iranischen Atomprogramm eine Einigung ergeben sollte und die Beziehungen zwischen dem Westen und dem Iran langfristig in Schwung kommen sollten, werden gegenwärtige Verbündete des Westens, allen voran Saudi-Arabien und die Türkei, eine Abwertung im politischen und wirtschaftlichen Gefüge des Nahen Ostens erfahren.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Bärbel Kofler, Said Yeganeh, Said Yeganeh.

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