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Arabischer Dreißigjähriger Krieg

Die arabische Welt steht vor einem „Dreißigjährigen Krieg“. So lautet zumindest die These des FAZ-Redakteurs Rainer Hermann in seiner neuen Publikation „Endstation Islamischer Staat?“. Aber wie zutreffend ist dieser Vergleich wirklich?

Darin befasst sich Hermann, langjähriger Korrespondent in Istanbul und Abu Dhabi, mit den Folgen von Staatszerfall in der arabischen Welt und den gravierenden Konsequenzen des IS-Terrors für die Region. Er zieht eine beängstigende Bilanz: Demnach stehe die arabische Welt möglicherweise vor einem „Dreißigjährigen Krieg“.

Der Dreißigjährige Krieg in Europa

Zwischen 1618-1648 tobte in Westeuropa ein religiöser, konfessioneller und machtpolitischer Konflikt, der Tausenden Menschen das Leben kostete und weitflächige Verwüstungen auf dem ganzen Kontinent, insbesondere auf deutschem Terrain, verursachte. Der Dreißigjährige Krieg begann zwar als Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken, doch entwickelte er sich schnell zu einem Stellvertreterkrieg verschiedener europäischer Länder und Dynastien, der in Deutschland ausgetragen wurde. Erst nach drei Jahrzehnten täglichem Blut-vergießen haben die Konfliktparteien es verstanden, Grundsätze zu vereinbaren, die einen langfristigen Frieden vertraglich regelten. Der Westfälische Frieden beendete den Dreißigjährigen Krieg in Deutschland und führte Regularien ein, die das internationale Staatensystem und die zwischenstaatlichen Beziehungen auch heute noch regeln.

Nun behauptet Rainer Hermann, dass rund vier Jahrhunderte später auch der arabischen Welt womöglich ein ähnlich zerstörerischer Krieg bevorsteht. Seine These verdient fraglos Beachtung, da der gegenwärtige Zustand der arabischen Welt tatsächlich einige Parallelen zu jenem Konflikt aufweist, der Westeuropa in Schutt und Asche legte. Demnach sei Deutschland das Schlachtfeld im Dreißigjährigen Krieg Europas gewesen, heute sei Syrien der Ort, an dem der zeitgenössische „Dreißigjährige Krieg“ geführt werde. Zudem sei nicht Nationalismus die Ursache für die Konflikte im Nahen Osten, sondern Konfessionalismus, wie in den Jahren 1618-1648, so Hermann. Damals sammelten sich die Parteien unter der Protestantischen Union und der Katholischen Liga, heute spreche man vom sunnitischen Block und schiitischem Lager. Im Dreißigjährigen Krieg waren nahezu alle damals wichtigen Länder West- und Mitteleuropas in den Konflikt involviert. Heute sind alle Staaten des Nahen Ostens in die Konflikte im Irak und Syrien verwickelt, zusätzlich auch die globalen Akteure. Allerdings sieht Hermann die Existenz des IS als wichtigen Unterschied zum eigentlichen Dreißigjährigen Krieg.

Realistisches Szenario?

Auch wenn vieles dafür zu sprechen scheint, ist es fraglich, ob Hermanns These ein realistisches Szenario für die arabische Welt ist. Nehmen wir für einen Moment an, dass die arabische Welt in einen „Dreißigjährigen Krieg“ verfällt, so wäre dies einerseits eine Katastrophe für die Regionalmächte Iran, Saudi-Arabien und Türkei und andererseits eine große Herausforderung für die globalen Akteure, insbesondere für die Europäische Union. Die drei Regionalmächte, die seit Ausbruch der arabischen Revolte in die Konflikte verwickelt sind, müssten auch weiterhin großen wirtschaftlichen und politischen Aufwand leisten, der irgendwann zur Erschöpfung der eigenen Ressourcen führen würde. Der Iran könnte durch seine Unterstützung schiitischer Minderheiten an bestimmten regionalen Flecken seinen Machtbereich zwar ausbauen, doch würde Teheran seinen Kredit in der mehrheitlich sunnitisch geprägten arabischen Welt komplett verspielen. Saudi-Arabien hingegen würde sich mitten im Schlachtfeld wieder finden. Die umkämpften Gebiete im Irak und im Jemen sind nur noch ein Steinwurf vom saudischen Hoheitsgebiet entfernt. Auch die Türkei wäre vor solch einem Flächenbrand nicht sicher. Die kurdischen Sezessionsbestrebungen könnten dadurch an Fahrt gewinnen. Kurzum, die Regionalmächte wären gezwungen sich zu einigen und die regionalen Störfaktoren gemeinsam zu beseitigen, da ein langfristig gewaltsam ausgetragener Konflikt in der Region die Nationalinteressen aller gefährden würde. Die Europäische Union wäre gezwungen, ihren Beitrag zur Konfliktlösung zu leisten, da sie ansonsten mit hohen Flüchtlingswellen rechnen müsste. Zudem bestünde die Gefahr, dass die emotional geführten konfessionellen und religiösen Konflikte im Nahen Osten auch zunehmend in Ländern wie Deutschland und Frankreich zu einem innenpolitischen Problem werden könnten. Denn die Konflikte im Nahen Osten haben inzwischen einen solchen Radius erreicht, dass sie selbst in Westeuropa Gesellschaften und Minderheiten polarisieren. Deshalb ist es fraglich, ob zum einen regionale Akteure und zum anderen globale Akteure, einen „Dreißigjährigen Krieg“ im Nahen Osten zulassen würden.

Gemeinsam Lösungen finden, bevor es zu spät ist

Vielleicht ist es auch nur die Hoffnung, die hier zum Ausdruck kommt. Doch Hermanns These bietet auf jeden Fall eine gute Gelegenheit für die Konfliktparteien, das eigene Handeln selbstkritisch zu hinterfragen. Die staatlichen Akteure und die Menschen im Nahen Osten müssen einsehen, dass eine konfessionell und religiös motivierte Politik am Ende in eine Sackgasse führt. Die Region ist zu vielfältig, die Demographie zu heterogen, als das diese Politik Erfolg versprechen würde. Wenn die Akteure im Nahen Osten tatsächlich an einem Frieden interessiert sind, führt kein Weg am Konsens vorbei. Die Akteure sind gezwungen sich auf Augenhöhe zu begegnen, die Vielfalt der Region zu berücksichtigen und sich auf gemeinsame Regularien zu einigen, bevor es zu spät ist. Die konfliktgeladene Geschichte Europas kann dabei eine wertvolle Lehrstunde bieten. Insbesondere der Wandel der deutsch-französischen Beziehungen seit den Napoleonischen Kriegen bis zur Europäischen Integration, könnte den rivalisierenden Staaten des Nahen Ostens ein Beispiel liefern, wie so etwas funktionieren kann. Dazu sollte nicht erst ein „Dreißigjähriger Krieg“ vonnöten sein.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Dirk Förger, Thomas Schmid, Ruprecht Polenz.

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