Zu viele Länder folgen immer noch der alten Logik des Kalten Kriegs. Kumi Naidoo

Chanel steht ihr gut

Politiker ziehen sich zu schlecht an. Gysi, von der Leyen, Hofreiter und Co. in der Stilkritik.

Die Menschen auf den Straßen Deutschlands sind in den letzten Jahren modischer geworden denn je. Junge Menschen setzen sich in unserer trivialisierenden und narzisstischen Kultur stärker mit ihrem Selbstbildnis auseinander, ihr Interesse an zeitgemäßer Kleidung wächst. An den Politikern dieses Landes scheint der Trend jedoch vorbeigegangen sein – der Bundestag ist das letzte modisch unberührte Terrain.

Wen wundertʼs? Politiker pflegen einen altdeutschen Umgang mit der Kleidung; sie distanzieren sich vom Äußerlichen, um den Fokus auf ­Inhalte zu legen. Doch heute, da der Körper laut dem Soziologen Michael Meuser zunehmend ökonomisiert wird, unterschätzen Politiker die Wirkung der Mode. Gerade als Personen des öffentlichen ­Lebens müssten sie dieses Instrument zu beherrschen wissen. Mode könnte ein Stilmittel sein, das Inhalte bildlich an Wähler kommuniziert.

Ein Seidentuch in den Farben der Nation

Die Kleidung der Kanzlerin legt beispielsweise ihre Frömmigkeit offen. Angela Merkels Kleiderwahl ist nicht unangemessen – aber uninteressant. Der immer wiederkehrende Blazer, der nur die Farbe ­ändert: unspektakulär und langweilig. Wer sich neben jungen, oberkörperfreien Fußballstars ablichten lässt und dabei kein Blitzlichtgewitter scheut, dem stünden wohl auch glamouröse und vor allem zeitgemäßere Outfits. Warum keine Maßanfertigung von der italienischen Designerin und Politikwissenschaftlerin Miuccia Prada, die sich für ihre letzte Kollektion vom deutschen Bauhaus inspirieren ließ? Ein Seidentuch in den Farben der deutschen Nationalflagge bietet das italienische Haus zumindest schon an, es erinnert an die berühmt gewordene Deutschlandkette aus Merkels TV-Duell mit Peer Steinbrück 2013. Wäre die Kanzlerin nicht sogar schon bereit für eine Maßanfertigung ihres Kritikers Karl Lagerfeld?

Jungen Frauen wäre es sicherlich ein Vorbild, wenn Merkel nicht auf ihre Weiblichkeit verzichten müsste, um in einer männerdominierten Politik überleben zu können. Und kommentiert wird ihre Kleidung ohnehin. Solange sie mehr Stil und weniger Haut zeigt als einst in Oslo, wäre auch an ihrer Kompetenz nicht zu zweifeln.

Sicherlich, Kritiker könnten zu viel in ein Chanel-Kostüm hineininterpretieren und dieses als Sinnbild für die deutsch-französischen Beziehungen verstehen. Ähnliches tat Sahra Wagenknecht in einer Rede, als sie Merkels Passivität gegenüber den Erfolgen des Front National kritisierte. Glaubt man Wagenknecht, ist Deutschland mitverantwortlich für die Krise in Frankreich – die Wahl eines Chanel-Kostüms wäre folglich sehr Marie-Antoniettesque.

Dabei würden auch Sahra Wagenknecht neue Designerteile gut stehen. Die Figur dazu hat sie, und wegen ihres Doktortitels wird man wohl kaum ihr Können in Frage stellen. Sie zieht sich weiblich an, oft in der roten Signalfarbe ihrer Partei. Doch ihr Stil ist ein sehr dörflicher, zurückhaltend anständiger. In einem Interview mit der „Bild“ sprach sich die Kapitalismuskritikerin gegen teure Designerklamotten aus. Schade, denn damit könnte sie die jüngere Generation ansprechen. Mit der Wahl der Kleidung, modischer Kleidung wohlgemerkt, können schließlich auch die Werte kommuniziert werden. Jüngeren, linksorientierten Jugendlichen wäre sie sicher ein attraktives Vorbild.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen verkörpert zwar ein traditionelles Familienbild, ihre Politik ist jedoch gewagt. Ihr Stil: altbacken. Von der Philosophie her würde Céline zu ihr passen, ein Label für „moderne Frauen“ zwischen Beruf und Familie. Stilsicher jedoch wäre ein Zweiteiler in Rosa – die derzeitige Trendfarbe steht für die neue selbstbewusste Weiblichkeit und feministisches ­Bewusstsein – aus dem Hause Jil Sander. Oder etwas von Louis Vuitton aus der „Resort Kollektion“ 2015. Eine andere Option entspräche ihrer aktuellen Politik: Camouflage-Military-Jacke und Doc Martens. Das wäre jedenfalls ehrlichere Mode, die an jungen Menschen nicht vorbeikommuniziert.

Wähler anziehen

Auch den männlichen Kollegen im Bundestag würde eine Erneuerung der Garderobe gut tun. Mit gekonnter Inszenierung können sie ihre Intentionen als Politiker bildlich unterstützen. Denn im immer gleichen Aufzug gehen männliche Politiker optisch unter. Und wie sollen sie sich voneinander differenzieren, wenn sie all ihren Kollegen gleichen?

Anton Hofreiter, Vorsitzender der Grünen-Bundes­tagsfraktion, wirkt in seinen Anzügen schlecht aufgehoben. Die Uniform scheint ihm unbequem zu sein. Dem Biologen mit der langen, blonden Mähne würde vermutlich ein einfaches weißes Bioshirt kombiniert mit einer dunklen, nachhaltigen Jeans und einfachen Sneakern sehr viel besser stehen. Wäre Hofreiter sogar offen für ein lässiges, mit Pflanzen bedrucktes Hemd?

Auch Heiko Maas, Bundesminister für Justiz und Verbraucherschutz, könnte seinen Ansichten gerechter werden. Setzt sich der SPD-Politiker für die Frauenquote ein, so wäre dies entgegen dem Vorurteil der Mode als Frauenthema eine Gelegenheit, modische Präsenz zu zeigen. Wie bei vielen seiner Kollegen wäre sicherlich eine Erneuerung des Brillengestells ein modischer Erfolg. Auch Gregor Gysi könnte das graue Gestell mit runden Gläsern gegen ein dunkles eintauschen, wie es viele Persönlichkeiten aus Kunst und Literatur tragen.

Mit Mode wird Politik gemacht. Vor allem werden Wähler angezogen. Zeit für eine modische Anpassung an politische Ziele. Designer, die sich von gesellschaftspolitischen Themen wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung oder Bildung leiten oder inspirieren lassen, gibt es genug. Solange Politiker nicht den Mumm dazu haben, auch optisch ihre Meinung kundzutun, verändert sich die Haltungslosigkeit der jungen Generation gewiss nicht.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Viola Hofmann, Jan Philipp Albrecht, Christina Holtz-Bacha.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2014.

Darin geht es u.a. um Hitler: Wir haben den größten Verbrecher aller Zeiten zur Popfigur gemacht. Was dieses „Hitlertainment“ über uns verrät, debattieren u.a. Timur Vermes und Ernst Nolte. In weiteren Debatten geht es um den gerechten Krieg (u.a. mit Egon Bahr) und das Ende der Globalisierung (u.a. mit Thomas Piketty).

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