Christian Wulff ist keine Idealbesetzung. Alexander Kissler

Die Boote sind voll

Während viele afrikanische Länder Hunderttausende Menschen aufnehmen, kommt es in der EU bereits bei einem Bruchteil dieser Menge zu Grabenkämpfen zwischen einzelnen Staaten. Noch viel schlimmer ist aber, dass wir selbst denjenigen, die wirklich um ihr Leben fürchten müssen, nicht helfen und sie stattdessen in überfüllten Booten ins offene Messer segeln lassen.

Die EU ist alarmiert. Man spricht von einem Massenflüchtlingsstrom und „schützt“ sich durch verstärkte Grenzbewachung zu Wasser und zu Land. Der Grund sind rund 23.000 von insgesamt über einer halben Million Menschen, die sich vor der Krise in Nordafrika retten wollen. Während Europa sich fürchtet, halten Tunesien und Ägypten – beides Länder, die erst kürzlich selbst schwere politische Erschütterungen durchgestanden haben – ihre Grenzen für weit über 635.000 Menschen offen. Nur nebenbei sei erwähnt, dass gleichzeitig so arme Länder wie Liberia mehr als 120.000 Flüchtlingen aus Côte d’Ivoire Aufnahme gewähren – ganz selbstverständlich. Würde man in Europa den nordafrikanischen Exodus mit kühlerem Kopf beurteilen, würde sich bald Folgendes herausstellen: Viele verschiedene Gruppen verlassen Libyen und Tunesien aus unterschiedlichen Beweggründen. Nach Europa will nur ein Bruchteil.

Es geht um Leben und Tod

Libyen hat viele fremde Arbeitskräfte beschäftigt. Die europäischen und amerikanischen Fachkräfte wurden gleich am Anfang der Krise evakuiert, doch dem Fußvolk der Ölindustrie, hauptsächlich Gastarbeitern aus Tunesien, Ägypten und Bangladesch, fehlt oft das Geld zur Heimreise. Sie sind an den Grenzen Libyens gestrandet und die IOM (Internationale Organisation für Migration) stellt ihnen zusammen mit dem UNHCR Busse, Schiffe und Flugzeuge bereit. Soweit libysche Bürger ihr Land verlassen, gehen sie fast nur in die Nachbarländer, um ihre Familien in Sicherheit zu bringen oder weil sie im Kampf verletzt wurden und behandelt werden müssen. Nach Europa wollen nur zwei Gruppen: Etwa 23.000 junge tunesische Männer, die sich Jobs erhoffen, sowie Menschen, die als Flüchtlinge aus Drittländern in Libyen in der Falle sitzen. Ob und wie viele der Tunesier bleiben dürfen, hängt einzig vom Arbeitsmarkt und vom politischen Willen der EU-Staaten ab.

Tiefe Besorgnis herrscht bei dem UNHCR jedoch über 8.000 bis 10.000 Flüchtlinge aus Somalia, Äthiopien und Eritrea, die in Libyen leben. Für sie ist die Aufnahme in Europa buchstäblich eine Frage von Leben und Tod. Ihnen ging es schon vor Ausbruch der Krise nicht gut, doch nun werden sie von der lokalen Bevölkerung regelrecht gejagt, weil man alle Afrikaner für Söldner hält. Der UNHCR-Notruf registriert täglich Dutzende verzweifelte Anrufe. Das UNHCR hat an westliche Regierungen appelliert, diese Menschen aufzunehmen, doch das Echo bleibt verhalten. Immerhin gehört Deutschland zu den Staaten, welche die Aufnahme von 100 Menschen zugesagt haben.

Es bleibt nur das Boot

In der Zwischenzeit bleibt diesen Doppelflüchtlingen nur der Versuch, in überfüllten Booten nach Malta oder Italien zu gelangen. Vor zwei Wochen hat das Kentern eines Bootes mit mehr als 200 Menschen an Bord Schlagzeilen gemacht. Das UNHCR schätzt aber, dass bereits mehr als 800 Menschen auf solchen Überfahrten ums Leben gekommen sind. Das lässt sich aus Angaben über ausgelaufene Boote und von Nachfragen besorgter Verwandter errechnen. Der Bereich zwischen Libyen und Lampedusa bzw. Malta ist das bestbewachte Meeresgebiet der Welt, befahren von einer Vielzahl von Militär- und Polizeibooten und zivilen Schiffen.

Es ergeben sich einige dringende Fragen: Wie kann es passieren, dass Menschen in Seenot nicht geholfen wird? Wie kann es ferner sein, dass viele EU-Staaten die militärischen Aktionen mittragen, aber vor den humanitären Folgen die Augen verschließen? Das Ziel der Militäraktion ist es, Zivilisten zu schützen. Das aber kann nicht nur gelten, solange sich diese Zivilisten in Libyen befinden!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Pere Grau Rovira , Peter Josika, Pere Grau Rovira .

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