Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand. Max Frisch

Panik vor Sprach-Entwicklung

Auch in dieser Debatte sind es eben diejenigen, um die es gar nicht geht, die am lautesten herumkrakeelen. Sowieso ist die Angst vor gendergerechter Sprache völlig unbegründet.

Wenn es um gendergerechte Sprache geht – das werden Sie am Ende dieser Kolumne in der Kommentarspalte bestätigt sehen – werden viele Menschen sehr emotional und persönlich. Der Klassiker dieser Debatte ist ein dahingerotztes „ab dem ersten *innen habe ich aufgehört zu lesen“, dicht gefolgt von irgendwas mit „Verschwendung meiner Steuergelder“. Richtiggehend bedroht fühlen sich die Gegnerinnen der Weiterentwicklung von Sprache.

Dabei ist Sprache ein wichtiges Werkzeug, das noch lange nicht perfekt ist und niemals sein wird. Weil wir nämlich immer mehr wissen und sich unsere Sprache diesem Wissen anpasst. Mit der Gesellschaft hat sich immer auch die Sprache gewandelt. Dinge, die nie in Erscheinung treten, für die gibt es auch keine Bezeichnung. Doch glücklicherweise entwickeln wir uns ja immer weiter. Schwarze Menschen kaufen wir nicht mehr, Frauen dürfen inzwischen mit wählen und in der Pädagogik haben wir heute Wörter, die einen Menschen aus dem Mittelalter sich im Grabe umdrehen ließen.

Die ach-so-große Mühe

„Kognitive Entwicklung??? Bindung? Kinderrechte?“, würde der Mittelaltermensch fragen. „Eines Tages werden diese Kinder noch die Welt beherrschen!“ Sicher wäre auch dieser Mensch sehr erbost über all die neuen Wörter, die heute niemandem mehr auffallen. So ist das eben mit Entwicklungen. Sie stoßen zunächst einmal auf Widerstand seitens einer Bevölkerung, die offenbar zu denkfaul ist, um sich auf Neues einzulassen. Halten Sie nun gut ihr Smartphone fest! Der Mittelaltermensch müsste es Ihnen wild aus den Händen schlagen. „Ein Teufelswerkzeug“ würde er es nennen.

Gerne genommenes Argument ist auch die Lesbarkeit und die ach-so-große Mühe, die gendergerechte Sprache angeblich bedeuten würde. Logisch. Alles, was Mensch neu lernen muss, ist erst einmal schwierig. Lernprozesse sorgen schließlich dafür, dass es uns am Ende leichter fällt, Dinge zu begreifen und umzusetzen. Beispiel gefällig?

Befassen wir uns doch einmal kurz mit dem Anfang eines Gedichts von Walther von der Vogelweide, der völlig ausflippen würde, wenn er irgendeine*n von uns heute reden hören würde. Gar nix würde er verstehen. Völlig unlesbar wären wir alle für ihn.

„Ich sach mit mînen ougen
manne und wîbe tougen,
dâ ich gehôrte und gesach,
swaz ieman tet, swaz ieman sprach“

Huch, hat unsere Sprache sich seither etwa gewandelt? Ja, das hat sie. Schon immer. Und wird sie immer. Das ist Fortschritt. Der passiert einfach und interessiert sich dabei nicht für die Gefühle Einzelner. Entwicklung kann immer auch an Individuen vorbeiziehen. In der Regel an jenen, die diese Entwicklung nicht verstehen, weil sie sie nicht betrifft. Darum tun sich auch heute noch so viele Weiße so schwer damit zu begreifen, dass wir das N-Wort nicht mehr benutzen. Glauben Sie mir, die schwarzen Menschen verstehen das durchaus. Denn es geht dabei um sie. Ginge es, im wahrsten Sinne des Wortes, um Ihre eigene Haut, Sie hätten sicherlich selbst den Wunsch, alte und verletzende Normen zu reformieren.

Wunsch nach Fortschritt

Und so sind es auch in dieser Debatte eben diejenigen, um die es gar nicht geht, die am lautesten herumkrakeelen. Es sind diejenigen, die mit ihrem Geschlecht vollkommen zufrieden sind, die hier anderen Menschen einfach nicht gönnen wollen, dass sie durch genauere Bezeichnungen im Alltag in Erscheinung treten. Es geht gar nicht um Sie, Max Mustermann, Otto Normal oder #Ulfharaldjanmatthias.

Wir reden hier also von einer wichtigen Bereicherung, die zum Menschen genauso gehört wie jede andere Entwicklung. Der immer wieder gerne erbrachte Vergleich zu Orwell’schem Neusprech ist somit völlig unangebracht. Neusprech ist eine Verknappung. Wenn uns Wörter genommen werden, haben wir keine Grundlage mehr zum Widerstand. Nicht, wenn wir noch mehr Sprache erhalten, um uns auszudrücken. Der Vergleich hinkt ebenso sehr wie Ihr Wunsch nach Fortschritt!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Meike Büttner: Der Zuschauerdefekt

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