Die SPD bräuchte mehr charismatische, fröhliche, inhaltlich starke Linke. Johannes Kahrs

Muttis Neusprech

Das Gegenteil von sozial ist immer noch asozial – der neoliberalistische Neusprech ist eine von oben aufgezwungene Vereinfachung, gegen die wir uns wehren müssen.

Es ist Wahlkampf und die Frau, die von der ganzen Welt „Mutti“ genannt wird, fischt wieder Stimmen am rechten Rand. Europa sei keine Sozialunion, sagt sie. Leistungen wie Hartz IV soll darum in Deutschland nur Deutschen zur Verfügung stehen. Das ist selbstverständlich nicht durchführbar und ist „doch nur Wahlkampf“. Tatsächlich ist es weitaus mehr als das. Denn ihre Worte schaffen Fakten.

Wenn Neoliberalisten einen anderen Menschen beleidigen wollen, klingt das oft seltsam. Einen „Gutmenschen“ nennen sie das Gegenüber dann gerne. Sie verhöhnen andere häufig als „tugendhaft“ oder „weichherzig“, was im Grunde nichts anderes verdeutlichen soll als einen Überschuss an Herzlichkeit, der offenbar nicht mit ausreichend Verstand einhergehen kann. Die auf diese Weise angegriffene Person ist dann in der Regel viel zu verwirrt, um etwas zu entgegnen. Seit wann heißt „gut“ denn schlecht“, fragen sie sich wohl vollkommen zu Recht.

Raider heißt jetzt Twix und gut heißt jetzt schlecht

„Es ist eine ideologische Neubesetzung von Begriffen, die es uns schwermacht, überhaupt noch außerhalb dieser Ideologie zu diskutieren. Das kommt dem nahe, was Orwell sich mit seiner Idee von „Neusprech“ vorgestellt hat“, sagt Anatol Stefanowitsch, Professor am Institut für Englische Philologie der Freien Universität Berlin und Mitbegründer des sprachlogs.

In Orwells Neusprech gibt es das Wort „schlecht“ übrigens gar nicht. In Neusprech heißt es „ungut“. Denn Neusprech ist eine Sprache, geschaffen von einem Regime mit dem politischen Hintergrund, die Sachverhalte so weit zu verkürzen, bis dem Volk die Worte fehlen, um Unrecht zu erkennen und aufzuzeigen. Die Verklärung von Begriffen wie „sozial“, „Gutmensch“ und „moralisch/ethisch“ im derzeitigen politischen Betrieb ist nichts anderes als diese gefährliche Verschiebung unserer Wahrnehmung.

Wenn Frau Merkel behauptet, Europa sei keine Sozialunion, so sagt sie damit im Grunde nicht viel weniger, als dass Europa asozial sei. Tatsächlich ist diese Realität an vielen Stellen auszumachen, wenn es zum Beispiel um die Aufnahme von Flüchtlingen geht, die immer größer werdende Bildungsungerechtigkeit oder die Schere zwischen Arm und Reich. Nichts daran ist gelogen, aber es sollte uns aufmerksam werden lassen, dass „Mutti“ so etwas sagen kann, ohne dass es die Forderung nach sich ziehen müsste, dass wir das schleunigst ändern sollten. Und auch hier erleben wir wieder diesen tückischen Dreh mit der Sprache, denn eine Mutti ist doch wohl jemand, der es gut mit uns meint und der einfach immer etwas mehr über das Leben weiß als wir selbst. Mutti wird es schon richten. Unserer Mutti können wir vertrauen, wenn sie sagt, dass wir jetzt nicht mehr sozial sein können. Was wissen wir Kinder schon? Es kann nicht schlecht sein, asozial zu sein, wenn die verniedlichte Form einer starken Vertrauensperson so etwas für rechtens hält.

Marktwachstum auf dem Rücken der Bevölkerung

In einem Brief, den in den vergangenen Tagen einige Menschen von der Kanzlerin erhalten haben, steht, dass es Deutschland nur gut gehen kann, wenn es Europa gut geht. Liebe Frau Merkel, frage ich mich, was ist die Definition von „gut gehen“? In der Logik dieser Sprache bedeutet „gut gehen“ nur das Wohlergehen der Wirtschaft, definiert durch die Marktstellung im internationalen Wettbewerb. Unserer Wirtschaft geht es tatsächlich gut. Und Deutschland hat ein Rekord-Privatvermögen von 4,8 Milliarden Euro, Immobilien nicht mit eingerechnet. Nur davon spricht die Kanzlerin, wenn sie „gut gehen“ sagt. Das Wachsen der Märkte auf dem Rücken einer Bevölkerung, der es dabei schon lange gar nicht mehr „gut gehen“ kann. Zum Beispiel wären da circa drei Millionen Arbeitslose, denen es nicht besonders gut geht, oder die annähernd neun Millionen Menschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten. Und all das, damit irgendjemand anderes es „gut“ haben kann. Doch wie interessant ist in einer Demokratie das Wohlergehen Einzelner? Lebt die Demokratie nicht von ihrer Idee der Teilhabe?

Stefanowitsch sagt dazu, dass es bereits massive Verschiebungen in der Sprachpolitik gibt.

„Gesellschaft“ wird im politischen Diskurs grundsätzlich mit „Wirtschaft“ gleichgesetzt. Daraus folgt, dass z.B. von „sozial Schwachen“ geredet wird, wenn „wirtschaftlich Schwache“ gemeint sind, oder dass von „Sozialleistungen“ gesprochen wird, wenn wirtschaftliche Schwäche ausgeglichen wird. Dadurch hat das Wort „sozial“ im neoliberalen Diskurs – dem sich ja alle Medien, alle Parteien außer der Linken und fast alle „normalen“ Menschen kritiklos unterwerfen – einen negativen Beiklang erhalten: Bei „sozial“ geht es immer darum, dass Menschen/Regionen/Länder, die am Wirtschaftsleben nicht erfolgreich teilnehmen können, Geld erhalten sollen.
Darum geht es ja auch in Merkels Zitat. Weil Neoliberale aber der Meinung sind, dass jede/r selbst sehen muss, wo er/sie bleibt, hat das Wort „sozial“ damit die Konnotation von „Schmarotzertum“ – „Bürde für die Gesellschaft“ – angenommen. Das ist eine äußerst gefährliche Bedeutungsverschiebung, weil über gesellschaftlichen Zusammenhalt und gesellschaftliche Teilhabe, um die es bei dem Wort „sozial“ ja eigentlich geht, nicht mehr gesprochen werden kann, ohne dass das neoliberale Denkmodell und die damit verbundenen negativen Konnotationen des Wortes „sozial“ unbewusst aufgerufen werden.

Der Wandel von Sprache ist etwas ganz Normales. Wir müssen uns nicht zwangsläufig vor Veränderungen wie Anglizismen oder der Aufnahme von Neologismen in unseren Sprachschatz fürchten. Ebenso ist keine Sorge angebracht, wenn wir die Verwendung geschlechtergerechterer Sprache versuchen. Die Sprache ist immer auch ein Zeuge der Zeit und in ihrem Wesen vergleichbar mit der Evolution, die stets nach der perfekten Anpassung an die Gegebenheiten eines Raumes strebt. Wir müssen eben nur immer genau aufpassen, welchem Zweck die Änderung der Sprache dient. Der neoliberalistische Neusprech ist eine von oben aufgezwungene Vereinfachung. Die Umkehrung der Bedeutungen ist nicht auf natürlichem Wege im Sprachgebrauch der Menschen entstanden, sondern sie wird uns von Befürwortern des freien Marktes aufgedrängt. Sie ist zum einen nicht natürlich und nimmt uns zum anderen die Möglichkeit des Protests.

Wir sollten nicht zulassen, dass die Forderung nach Wohlergehen der Einzelnen verklärt wird zu einer Meinungssache. Eine Demokratie will nichts anderes als das Gemeinwohl. Wir können uns also nicht interessieren für eine Partei, die eben dieses untergraben möchte.

Sie haben die Wahl. Machen Sie Ihr Wahlkreuz zu einer Absage gegen das Asoziale.

In diesem Sinne, Ihr Gutmensch,
Meike Büttner

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Meike Büttner: Der Zuschauerdefekt

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von Der Presseschauer
08.05.2011
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