Die Gegenwart kann man nicht messen. Alexander Kluge

Die Klappenkontroverse

Der Schutz des Lebens ist ein hoher Grundsatz, das Anrecht auf eine eigene Identität ist ebenso wichtig. Was passiert, wenn man sich zwischen beidem entscheiden muss?

Nachdem die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder 2010 das Deutsche Jugendinstitut mit einer Studie zu anonymen Geburten und Babyklappen beauftragt hatte, war sie alarmiert. Viele der Träger, die anonym Säuglinge angenommen hatten, antworteten gar nicht auf die Anfrage des Instituts – und der Verbleib von 200 Kindern, die in einer Babyklappe abgegeben wurden, war der Studie nach unklar.

200 Kinder, von denen nicht herauszufinden war, ob sie adoptiert wurden oder zurückgegeben worden waren. 200 Menschen, die vermutlich niemals erfahren können, wer ihre Eltern sind. Davon abgesehen hätten sich die Zahlen der Kindstötungen durch Babyklappen nicht verändert, hieß es.

Schröder beschloss ein neues Gesetz mit dem Ziel, die Babyklappen abzuschaffen und durch das Angebot der anonymen Geburt zu ersetzen. Wenn die Anonymität schon nichts an den Kindstötungen ändert, so dachte sie, sollte dabei wenigstens die gesundheitliche Versorgung und das Recht auf Informationen über die eigene Herkunft gewahrt werden.

Recht gegen Recht

Nun ist dieses Gesetz in Kraft getreten. Die Babyklappen bleiben demnach erst einmal bestehen. Die Betreiber*innen und Befürworter*innen haben sich hartnäckig gegen ihre Abschaffung gewehrt. Weder Kristina Schröder noch Manuela Schwesig sind darüber glücklich. „Das neue Gesetz verhält sich nicht zu Babyklappen“, bemängelt Familienministerin Schwesig. Auch sie wünscht sich deren Abschaffung und sieht die anonyme Geburt als die beste Lösung.

Das Komplizierte an dieser Debatte sind die Rechte der Kinder, die denen der Mütter gegenüberstehen. Beide verdienen unseren Schutz und beide schließen sich in einigen Fällen gegenseitig aus. Denn während die Mutter vielleicht (aus guten oder schlechten Gründen) nicht ihren Namen preisgeben will, hat das Kind natürlich ein Recht darauf, zu erfahren, wo es herkommt. Nicht zu wissen, wer man ist, kann zu schwerwiegenden Persönlichkeitsstörungen oder Depressionen führen. Die Krankheitsgeschichte einer Familie kann außerdem – wenn man sie kennt – Leben retten. Hier stehen sich zwei Interessen in einem unlösbaren Konflikt gegenüber. Denn wenn die Mutter gezwungen ist, ihre Identität preiszugeben, entscheidet sie sich in ihrer Verzweiflung vielleicht ganz gegen das Leben dieses Kindes.

Weder anonyme Geburten noch Babyklappen bringen uns weiter

Ob sich an der Zahl von Kindstötungen etwas geändert hat, ist übrigens statistisch gar nicht zu erfassen. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass jeder Mord aufgeklärt werde oder dass man die ungeklärte Dunkelziffer einschätzen könne. Beides ist unrealistisch. Hinzu kommt: Den 200 erfassten Kindern, deren Verbleib unklar ist, stehen über 700 Kinder gegenüber, deren Verbleib bekannt ist. Insgesamt wurden dabei übrigens zwei Drittel dieser Kinder anonym geboren und nicht in eine Babyklappe gegeben.

Wenn ich nun die Wahl hätte zwischen 200 Menschen mit einer Identitätsstörung und einer mir unbekannten Zahl von getöteten Menschen, so würde ich mich wohl für die Schar der Herkunftslosen entscheiden. Noch viel einfacher – und gleichzeitig ungleich komplizierter – wäre es natürlich, die Strukturen zu verändern, die dafür verantwortlich sind, dass eine mögliche Elternschaft Menschen in die Verzweiflung treiben kann. Wenn wir ehrlich sind, bringen uns weder anonyme Geburten noch Babyklappen weiter. Tatsächlich müssten wir die Armut bekämpfen und die Unsicherheit, in der so viele Menschen leben.

Es fällt sehr viel leichter, das Leben zu schützen, wenn man es für lebenswert hält.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Meike Büttner: Der Zuschauerdefekt

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