Schmalspuragenda sagt ein Schmalspurpolitiker. Joschka Fischer

Nur für den Klick für den Augenblick

Wie schön kann das Leben ohne den täglichen Klick sein? Wer wirklich was erleben will, der sollte diesen Text ausdrucken und im Freien lesen.

Ich habe einen neuen Raum entdeckt. Der Raum ist grenzenlos. Seit einigen Wochen durchwandle ich ihn und habe noch nirgends ein Ende entdeckt. Es ist ein Raum der Stille und des Genusses und er war viel leichter zu finden, als man das von einem solch außergewöhnlichen Raum erwarten würde.

Hier gibt es Alles. Einfach ALLES.

In allen Formen und Farben, von der kleinsten bis zur rasantesten Geschwindigkeit. Alles, was ich je suchte, ist hier zu finden. Es gibt hier keine Abkürzungen. Die Wege sind weit, aber sie lohnen sich. Die Dinge, die mich umgeben, kann ich nicht anklicken. Aber ich kann sie begreifen. Ich kann sie anfassen, kennenlernen und verstehen. Ich kann mir dafür viele Tage Zeit nehmen und da läuft keine Uhr am rechten oberen Bildschirmrand. Ich nehme mir die Zeit und starre.

Seit ich dem Internet den Rücken zugewandt habe, fühle ich mich wie eine Entdeckerin. Kaum zu glauben, was mir alles entgangen ist in den letzten Jahren. Kaum zu fassen, dass dieser Raum in all den Jahren immer vorhanden war und ich ihn nie betreten habe!

Manchmal muss man wirklich nur eine klitzekleine Kleinigkeit anders machen, als es sich anbietet, und schon erzielt man ein meilenweit entferntes Ergebnis. So wie wenn man zwei Strahlen nicht parallel, sondern sich voneinander weg bewegend zeichnet. Umso länger die Linien werden, desto größer wird ihre Entfernung voneinander. Nun, nach einigen Wochen ohne Netz bin ich von vielen Menschen und Sachverhalten bereits meilenweit entfernt.

Klick! Klick! Klickediklack!

Lange Zeit habe ich auf alles draufgeklickt, was mich interessierte. Facebookprofile von anderen Menschen: Klick! Tweets von Politikerinnen: Klick! Musikvideos: Klick! Klick! Klick! Jobangebote, Urlaubsangebote, Wellnessangebote, Zeitungsmeldungen: Klickediklack!

Mein Begehren entstand oft in der Millisekunde vor dem Klick und wurde in der Sekunde nach dem Klick erfüllt. Mein Belohnungszentrum schüttete den ganzen Tag Endorphine aus und alles, was ich tun musste, war, meinen Impulsen durch das Internet zu folgen. Die Freude über jeden einzelnen Klick war kurz und heftig. Doch wie bei jedem Junkie ließ die Wirkung auch bei mir allmählich nach und ich musste immer mehr klicken und spürte immer weniger Freude darüber.

Das alles kann ich übrigens erst aus diesem neuen Raum erkennen. So hätte ich mich sicher niemals beschrieben, als ich noch wie eine Ratte im Versuchslabor mit der Nase gegen die Heroininjektion stieß. Wie ein Versuchstier holte ich mir meine tägliche Dröhnung in diesem Experiment und hielt mich dabei aber für eine ganz normale Ratte. Eine Laborratte weiß ja nicht, dass es auch ein Draußen gibt. Die Laborratte fühlt sich in ihrem Experiment so zu Hause wie die Schnecke in ihrem eigenen Haus.

Wir finden immer alles normal, was uns von Geburt an umgibt. Und ich fühlte mich im Internet genauso zu Hause wie die Laborratte in ihrem Käfig – natürlich sehr viel komfortabler. Ohne diese Elektroden am Gehirn. Aber ebenso unter permanenter Beobachtung wie ein Experimen-Tier.

Meine Zeigefinger berühren keinen Bildschirm mehr

Vor allem habe ich hier aber viel mehr Platz. Mehr Platz als die Ratten und mehr Platz als die meisten Menschen, die sich in meinen Breitengraden in der Mehrheit durch die Glasfaserkabel quetschen. Wenn ich U-Bahn fahre oder in einem Café sitze, bin ich dort selten ganz alleine. Früher hätte einer der Sitzenden den Rand der Tischdecke so lange gekräuselt, bis sie sich nie wieder hätte geradeziehen lassen können. Eine andere hätte ein Buch gelesen, einer wäre sich ständig durch den Bart gegangen und noch irgendeine hätte vielleicht Blickkontakt zu anderen gesucht.

Heute bin ich meist alleine mit meinem Schauen und Anfassen und purem Sein. Um mich herum checken die Leute ihre Facebookprofile, lesen E-Mails oder machen schnell einen Anruf. Hände gleiten, zucken und kriechen in Taschen, um Geräte hervorzukramen. Manchmal scheint es, als würde die ganze Welt nur mir gehören. Wie bei dieser Serie, die ich als Mädchen im Fernsehen gesehen habe: „Mein Vater ist ein Außerirdischer“.

Evie, die Protagonistin, kann darin die Zeit einfrieren, indem sie ihre Zeigefingerspitzen zusammenführt. Die Menschen im Raum erstarren, während nur Evie sich noch frei bewegen kann. Ganz genau so fühle ich mich, wenn meine Zeigefinger statt eines Bildschirms nur sich selbst berühren. Die Zeit friert ein, die Menschen um mich herum verbrennen keine einzige Kalorie mehr, während sie in Bildschirmhaltung erstarren und nur ich kann alles sehen und frei agieren.

Ich bin dann wieder off

Wenn sie ihre Telefone weggesteckt haben und mich interessiert fragen, wie mein Leben jetzt so ist, ohne sich sekündlich aktualisierende Meldungen meiner Bekannten oder Freundinnen, ohne die lustigen Tweets von @NeinQuarterly, ohne all die blinkenden Flowcharts und dieses permanente Up-to-date-Sein, dann schmunzle ich vor mich hin.

Standen Sie schon einmal in einer Landschaft, deren Schönheit sie schier überwältigt hat? Kennen Sie dieses Gefühl von Demut und Dankbarkeit und das Empfinden einer übernatürlichen Schönheit beim Anblick der Berge, eines Dschungels oder anderer Naturschauplätze? Wenn Sie jemals versucht haben, diese Landschaften für jemanden zu beschreiben, der sie nicht gesehen hat, dann kennen Sie das Gefühl, das mich befällt, wenn ich von meinem Leben ohne ständiges Internet erzählen soll.

Diesen Raum kann man nur sehen, wenn man die Türe zum Internet geschlossen hat. Ich kann diesen Raum nicht erklären. Aber seit es ihn gibt, habe ich viele Bücher gelesen, mir fünf Kleidungsstücke genäht, Gemüse angebaut und mehr Sport getrieben. Die Wege hier sind beschwerlicher als die Klickbewegung mit dem Zeigefinger, aber die Ziele erstrebenswerter und ich kann von ihnen viel länger profitieren als von ein paar Worten und Bildchen im Internet. Und nun entschuldigen Sie mich bitte. Ich bin dann wieder off.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Meike Büttner: Der Zuschauerdefekt

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