Der „Spiegel“ wird an der entsetzlichen mehltaumäßigen, sozialdemokratisch-grünen Korrektheit zugrunde gehen. Matthias Matussek

Europa, ein Brettspiel für 27 Personen

Derzeit verhandelt die EU-Kommission mit den USA die geheimen Pläne des Freihandelsabkommen TTIP. Nicht einmal EU-Parlamentarier dürfen wissen, was in den Papieren steht. Still und heimlich entscheiden auf EU-Seite 27 Personen über unsere Zukunft in Europa.

Wie diese Kommissare so ticken, hat ein Brettspiel an der UDK Berlin gezeigt. Die Idee für den Entwurf persuasiver Spiele entstand unter Timothee Ingen-Housz im Seminar „Persuasive Spiele” im BA Studiengang Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste Berlin. Persuasive Kommunikation ist der Versuch der Beeinflussung und kommt von lateinisch persuadere = überreden. Die Studierenden entwickelten Anfang dieses Jahres Brettspiele, stellten diese von Januar bis Februar aus und luden zu Testspielen. Unter den Testspielenden waren auch einige EU-Kommissare. Diese spielten das Spiel Rumble in the Jungle von Fabian Arlt, Andreas Bückle, Marco Merkel, Myong-Lae Kim und Jan Ramdohr.

Das Spielfeld ist ein Dschungel. Es gibt einen Weg, der direkt durch die Mitte zu einem Boot führt. Drumherum sind verschachtelte Wege. Das Ziel: Erreiche das Boot so schnell wie möglich. Auf den verschachtelten Wegen findet sich die Möglichkeit Ressourcen einzusammeln, der Mittelweg hält keine Geschenke bereit. Er ist bloß der schnellste. Es gibt keine Regeln, ob man gemeinsam oder gegeneinander spielt. Ob ein Wettbewerb entsteht, entscheiden die Spieler*innen selbst. Es ist ebenso möglich, Ressourcen zu tauschen und zu verschenken nach eigenem Gutdünken. Eins ist aber klar. Das Boot wird voll. Es wird nicht Platz für alle geben. Während des Spiels merkt man schnell, worum es geht. Die Frage ist: „Kooperierst Du oder wählst Du den Weg des geringsten Widerstandes?“

Ende der Demokratie

Die Mitglieder der EU-Kommission, die das Spiel spielten, hatten ihre Entscheidungen schnell gefällt. Sie alle rannten um die Wette durch die Mitte des Feldes Richtung Boot. Dort angekommen, fehlten ihnen dann plötzlich Ressourcen, um das Boot zu erreichen. Niemand von ihnen war bereit gewesen, diese am Spielfeldrand zu sammeln. Jede*r kämpfte sich „zügig“ zum Ziel. Dort angekommen verharrten sie in Starre. Und nun? Die Spielbeobachter*innen zückten dazu die Schultern. Einige würden zurückwandern und die Ressourcen einsammeln müssen. Wer jedoch sollte hier noch einem anderen trauen? Die Zeichen standen klar auf egoistischem Wettkampf. Jeder war sich hier selbst der nächste. Mit wem also kooperieren?

Diese kleine Anekdote ist ein Teil der EU-Kommission, bestehend aus nur 27 Menschen, die gerade hinter verschlossenen Türen das Freihandelsabkommen TTIP besprechen. Teile der Dokumente sind von den Grünen geleaked worden und sie enthalten alarmierende Entwürfe, die als Unterwanderung des Verbraucherschutz zum Vorteil international agierender Unternehmen verstanden werden müssen. Mehr noch: Es scheint einen Schlussstrich zu setzen unter alle Demokratiedebatten. Sollten die Lobbyisten, die sich dieses Abkommen überlegt haben damit durchkommen, wäre es das Ende der Demokratie und der Anfang Korporatokratie.

Die Unternehmen wollen nicht bloß weniger Reglementierungen. Sie wollen mehr Macht. Doch die derzeitigen Regulierungen bestehen ja nicht ohne Grund. Sie sind sämtlich zu unserem Schutz gedacht. Und nicht weniger als unser Schutz vor der Willkür gieriger Unternehmen steht hier auf dem Spiel. Was stattdessen geschützt werden soll, sind die ohnehin schon hohen Profite der vor allem amerikanischen Unternehmen.

Denn im Gegensatz zu der EU muss in Amerika zum Beispiel nicht die Unschädlichkeit eines Lebensmittels bewiesen werden, bevor man es auf den Markt bringt. In den USA gibt man sich zufrieden mit den eigenen Studien der Unternehmen. Dort gilt: Was nicht als schädlich bewiesen wurde, darf zum Einsatz kommen. In der EU hingegen wird kein Lebensmittel zugelassen, das nicht unabhängige Prüfungen überstanden hat. Viele Chemikalien, die in den USA alltäglich zum Einsatz kommen, sind in der EU bisher verboten. Fleischimporte aus den USA kommen wenig vor. Die EU hingegen könnte aber endlich Rinder in die USA exportieren. Die Vereinigten Staaten verbieten den Einsatz und die Einfuhr von Futtermittelbestandteilen, die nachweislich an der Übertragung von BSE beteiligt sind. Immerhin das ist bei uns übrigens gestattet. Unsere Futtermittel enthalten Bestandteile, die nachweislich BSE erzeugen können.

Nur mit Zustimmung aller Beteiligten

Martin Häusling vom EU Agrarausschuss mahnt in der 3sat-Dokumentation „Gefährliche Geheimnisse“, die EU-Kommission habe 20 Jahre für den Schutz der Verbraucher vor Hormonfleisch gekämpft. Nun könne die Einlieferung nach Europa doch durch das Freihandelsabkommen in kürzester Zeit möglich werden. Aber nicht nur das. Auch Klonfleisch, mit Chlor gereinigte Hühnchen, Fracking und andere zum Glück in Europa verbotene Methoden, könnten durch das Freihandelsabkommen bald auch in Europa erlaubt sein. Zu entscheiden, wie viel erlaubt sein wird, haben jedenfalls nur diese 27 Menschen. Und sie tun es hinter unseren Rücken. Warum sie es so attraktiv finden, begründen sie mit einem 0,5 prozentigem Wirtschaftswachstum für die EU. Ein geringes Wachstum also zu einem ungleich hohen Preis. Und einmal beschlossen, wäre TTIP übrigens nicht mehr rückgängig zu machen. Dies ginge nur mit Zustimmung aller Beteiligten.

Es scheint fast so, als rännen die Kommissar*innen erneut zielstrebig durch den Dschungel. Ohne sich dabei umzusehen oder für das Gemeinwohl zu sorgen. Und später am Boot werden sie dann nicht weiter wissen und völlig bewegungsunfähig verharren.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Meike Büttner: Der Zuschauerdefekt

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