Die Kriminalisierung des Drogenkonsums hat weder Angebot noch Nachfrage grundlegend verändert. Wolfgang Nešković

„Janukowitsch ist eine vorübergehende Erscheinung“

Die Fußball-Europameisterschaft 2012 begeistert die Fans. Jutta Lindekugel sprach mit dem Autor Maxym Kidruk über die Bedeutung der EM für die Ukraine, die Fußballtraditionen seines Landes und Präsident Wiktor Janukowitsch.

ukraine fussball-em-2012

The European: Wie heißt Ihr Lieblingsverein?
Kidruk: Ich mag Real Madrid. Die spielen gut. Ihr Trainer hat Charisma. Vielleicht mag ich sie auch, weil ich Barcelona hasse. Ich weiß nicht warum, ich mag die einfach nicht. Sie sind zu perfekt. Ich habe eine Abneigung gegen die Typen, weil sie glauben, Ikonen zu sein.

The European: Wie wichtig ist die Ausbildung des fußballerischen Nachwuchses?
Kidruk: Sie ist sehr wichtig. Wir kaufen junge Talente in Nigeria, Turkmenistan, Weißrussland, Brasilien etc. und lassen sie dann in der Ukraine ihre Karrieren entwickeln. Leider sehe ich nach Schewtschenko, Tymoschtschuk und Woronin weit und breit niemanden, der sich einem so hohen Niveau annähert und künftig ihre Plätze einnehmen könnte. Aber das ist natürlich nicht die Schuld der jungen Spieler, denn es gibt viele Talente in der Ukraine. Die Ursache ist vielmehr schlechtes Management auf der untersten Ebene, kleine Clubs aus der ersten und zweiten Liga, Sportschulen etc.

„Passt auf eure Kinder auf“

The European: Wie gefährlich sind ukrainische Hooligans und welche Rolle spielen die Ultras?
Kidruk: Die sind natürlich sehr gefährlich! Die ukrainischen Ultras verspeisen zum Frühstück Kinder. Kein Witz! Glücklicherweise muss man sich keine Sorgen machen, wenn man älter als drei ist. Das Fleisch ist dann zu zäh … Also passt auf eure Kinder auf!

Scherz beiseite, wir haben hier in der Ukraine keine Ultras von Bedeutung. Ich erinnere mich an keine große Schlägerei im Zusammenhang mit Fußballspielen der letzten zehn Jahre. Wir haben mehr Kämpfe und Raufereien im Parlament als im Stadion. Mehr Angst haben die Ukrainer, wenn die britischen Fußballfans anreisen, um ihr Team zu unterstützen.

The European: Sie haben anlässlich der EM im Erzählband „Wodka für den Torwart“ eine Kurzgeschichte über einen Transfer geschrieben, bei dem ein italienischer Fußballspieler in der Ukraine nicht sehr glücklich wird. Wie hat sich der Transfermarkt im ukrainischen Fußball entwickelt? Wie werden ausländische Spieler in der Ukraine aufgenommen? Gibt es Rassismus?
Kidruk: Diese Geschichte handelt eigentlich nicht von einem italienischen Spieler, sondern von zwei ukrainischen Betrügern, die versuchen, mit unlauteren Mitteln Geld zu machen. Einer von ihnen will in das Fußballteam eindringen, dabei den italienischen Spieler, den der Trainer gerade unter Vertrag genommen hat, ersetzen, und an sein monatliches Gehalt von 200.000 Euro kommen. Der italienische Spieler ist eine Nebenfigur. Und natürlich ist er nicht glücklich, weil er entführt wurde und gezwungen, Unkraut zu jäten.

Was die Ausländer betrifft: Die ausländischen Spieler werden in der Ukraine genau wie überall sonst empfangen. Wenn du gut spielst, wirst du gut behandelt. Jeder liebt dich. Wenn nicht, wirst du entsprechend behandelt. Das hat nichts mit Xenophobie zu tun.

The European: Worüber schreiben Sie, wenn gerade nicht EM-Jahr in der Ukraine ist?
Kidruk: Die Kurzgeschichte in „Wodka für den Torwart” ist nur eine aus einer Serie von Erzählungen über die zwei Freunde, Max und Tjomyk. Sie sind jung, ausgeflippt und haben beide einen Haufen Ideen, wie man aus Nichts Geld machen kann – die ukrainische Art, Geschäfte zu machen, sozusagen. Sie reisen rund um die Welt und versuchen, diese „ukrainische Art, Geschäfte zu machen“ in verschiedenen Ländern anzuwenden. Meist ohne Erfolg. Statt das große Geld zu machen, geraten sie in große Schwierigkeiten. Zwei Bücher über Max und Tjomyk sind schon auf dem Markt. Der erste heißt „Verrückt in Mexiko“ und der zweite „Verrückt in Peru“. Der dritte Teil der Serie wird im Winter 2012/13 unter dem Titel „Braziliada: Neue Abenteuer der Verrückten“ erscheinen.

„Vermutlich wird vor allem der Tourismus davon profitieren“

The European: Warum gilt die EM 2012 bereits jetzt als die teuerste EM aller Zeiten?
Kidruk: Ich persönlich habe das noch nicht gehört. Vermutlich, weil wir all die Infrastruktur, Straßen, Hotels etc. aus dem Nichts erbauen und entwickeln mussten.

The European: Was bringt die EM der Ukraine? Welche Erwartungen haben die Ukrainer?
Kidruk: Ich erwarte, dass die EM den Europäern die Ukraine erschließen wird. Vermutlich wird vor allem der Tourismus davon profitieren. Aber ich denke auch, dass die Europäer unsere zeitgenössische Kultur, besonders die Literatur, mehr beachten werden.

The European: Der Herausgeber des Magazins „Ji“, Taras Wosnjak, stellte 2004 fest: „In der Ukraine jedoch entstand keine moderne ,imaginierte Gemeinschaft‘, also keine einheitliche Konzeption im ,Projekt Ukraine‘.“ (in: Renata Makarska (2004): Die Ukraine, Polen und Europa, S. 77, Anm. d. Red.) Haben die Ukrainer eine nationale Identität und wenn ja, welche? Spielt Fußball eine Rolle für die ukrainische Identität? Was kann die EM hinsichtlich der ukrainischen Identität bewirken: ein nationalpsychologisches Moment wie 1954 „Wunder von Bern“ oder 2006 „Sommermärchen“?
Kidruk: Wer zum Teufel ist Taras Wosnjak? Wenn man etwas über die ukrainische Identität wissen möchte, darf man niemanden über 40 fragen, denn die haben keine. Sie wurden in der UdSSR geboren und haben daher überhaupt keine Identität. Sie hatten keine Möglichkeit, eine zu erlangen. Man fragt besser die Generation, die in der unabhängigen Ukraine aufgewachsen ist. Besonders in der Westukraine. Die werden nie so einen Unsinn von sich geben, wie „es gibt keine einheitliche Konzeption im Projekt Ukraine“. Da bin ich sicher. Diese Frage wird von meiner Generation als Angriff empfunden.

Natürlich spielt Fußball eine Rolle in der Entstehung einer nationalen Identität, aber nicht nur Fußball, sondern auch die moderne ukrainische Literatur und Musik.

Was die EM angeht: Ich hoffe wirklich, etwas wie das „Wunder von Bern“ für die Ukraine zu erleben. Das hätte eine enorme Wirkung auf unsere Identität!

„Er war nie eine Führungspersönlichkeit und wird nie eine sein“

The European: Im Jahr 2004 wurde die Welt durch die friedlichen Proteste der Orangen Revolution für Demokratie auf die Ukraine aufmerksam. In den Folgejahren fragten Beobachter, wohin der Pendelkurs zwischen einer Annäherung an die EU und Russland führen würden. Jetzt lässt Präsident Janukowitsch die Führungspersönlichkeiten der Orangen Revolution verhaften. Wohin entwickelt sich die Ukraine?
Kidruk: Direkt Richtung Hölle. Okay, ich mache wieder Witze.

Janukowitsch ist als Politiker eine vorübergehende Erscheinung. Er war nie eine Führungspersönlichkeit und wird nie eine sein. Er hat in den letzten Wahlen nicht den Sieg an sich gerissen, weil er die Stimmen der Wähler gewonnen hatte, sondern weil viele Ukrainer von den Führern, die nach der „Orangen Revolution“ an die Macht kamen, enttäuscht waren. Ich will nicht, dass man Janukowitsch und die heutigen Top-Politiker mit dem Rest der Ukrainer in einen Topf wirft.

Janukowitsch mag führen, wohin er will. Aber meine Generation – und jünger – sieht die Ukraine ausschließlich als Teil des modernen Europas, als Teil der westlichen Gesellschaft. Und das ist die einzige Richtung, in die die Ukraine sich bewegen wird. Das Problem ist, dass diese Leute noch zu jung sind, um Politiker zu sein und dass ihre Stimmen nicht gehört werden. Noch nicht gehört werden.

The European: Wer ist Ihr Favorit für die EM und wie wird die Ukraine abschneiden? Welche Spiele werden Sie selbst anschauen?
Kidruk: Komische Frage … Die Ukraine ist natürlich mein Favorit! Wir werden es ins Halbfinale schaffen. Kein Zweifel! Wenn wir nicht unterwegs die Deutschen treffen.

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