Als MTV am 1. August 1981 gegründet wurde, war ich elf Jahre alt. Musik spielte für mich damals noch keine große Rolle. Als Musikfernsehen für mich seinen Reiz zu entwickeln begann, war MTV indes kaum zu empfangen. MTV war eher ein Mythos denn ein real zugänglicher Musiksender. Abhilfe schufen dämliche Formate wie “Formel eins” im dritten Programm, das von Bekloppten moderiert wurde, aber immerhin Musikvideos zeigte. Ich weiß noch genau, dass ich damals nicht verstand, weshalb ein Fernsehsender für die Ausstrahlung von Musikvideos zu bezahlen hatte und nicht umgekehrt, waren sie doch de facto nichts anderes als Dauerwerbesendungen für Musik, die von Major Companies vermarktet wurde.
Ich habe nie an das Gefasel geglaubt
Als ich als junger Mann schließlich einen Fernseher besaß, interessierte mich das Musikfernsehen und somit auch MTV nicht mehr. Natürlich war ich stets darum bemüht, herausragende Videos zu sehen, um über den State of the Art informiert zu sein. Aber ich bin kein Fernseher: Fußball versuchte ich stets im Stadion zu sehen und Musik im Club oder in der Konzerthalle. Und Zeit zum Fernsehen hatte ich ohnehin noch nie.
Wenn es heute Menschen gibt, die in den Webaktivitäten von MTV die Wiederkehr des Gedankens einer “staatenlosen, globalen Jugend” sehen, dann haben sie das Recht auf diese Meinung. Ich habe nie an dieses Gefasel geglaubt. Es ist eine schöne Idee, und in gewisser Hinsicht erlauben uns die modernen Medien eine Art staatenloses, globales Second Life, in welchem wir uns mithilfe von Text-Messages, YouTube und Blogs idealisierte Biografien zuteilen. Aber jede Eigeninitiative im Web oder auf Twitter hat natürlich nichts mit jenen konzertierten Marketingaktivitäten zu tun, die sich lediglich als soziale Interaktionen tarnen, in Wirklichkeit aber der Vertiefung eines Markenbewusstseins dienen.
YouTube schafft eigene Ästhetik
Das Internet hat aber natürlich die Ästhetik des Musikvideos verändert. Wir erleben heute beispielsweise eine Revolution der Produktionsmittel. Niemand ist mehr an High-End-Bildern und hoher Bildauflösung interessiert. Videos werden heutzutage gerne auf Billig-Videokameras der Marke Aldi geschossen, und keiner merkt den Unterschied. Im Gegenteil. Die kleineren Wiedergabemasken, wie wir sie etwa auf YouTube finden, machen eine datenaufwendige Produktion gar nicht mehr notwendig. Dass daraus eine eigene Ästhetik entsteht – übrigens parallel zur viralen Verbreitung von Musikvideos – liegt auf der Hand.
Musikvideos sind auch in der Spex Gegenstand der Analyse. Wir schreiben über wichtige Clips, seit die französische Band Justice vor zwei Jahren ihr kontroverses “S.T.R.E.S.S.”-Video veröffentlichte. Aber natürlich sind wir nicht die Ersten, die Musikvideos analysieren. Vorreiter war hier sicherlich Christoph Dreher, der in seiner Sendereihe “Fantastic Voyages” auf Arte besondere Videos systematisch von Kulturtheoretikern und Medienexperten analysieren ließ. Es ist einfach so, dass sich an manchen, herausragenden Videos hervorragend ablesen lässt, in welchem Zustand die Popkultur sich befindet – im Sinne postökonomischer Produktionsweisen, im Sinne der Stellung der Copyrightfrage, wenn auf Fremdmaterial und –footage zurückgegriffen wird, und im Sinne einer visuellen Verortung des Künstlers, wenn zitiert und appropriiert wird. Das Video ist durch seine visuelle und seine musikalische Ebene, aber eben auch durch seine neuen Distributionskanäle schlicht und einfach ein sehr interessantes, vielsagendes Medium. Es zu analysieren heißt, zugleich unsere Welt zu betrachten.
Schon jetzt “lesen” wir das Musikvideo nicht mehr am Fernseher, sondern auf unserem iPhone oder Smartphone. Die Miniaturisierung der Formate wird zu einer in Zukunft unüberschaubaren Schwemme an Videos führen. Schon heute lässt eine Band wie Massive Attack zu jedem (!) Song ihres neuen Albums von teilweise namhaften Regisseuren einen Clip drehen, beantwortet aber zugleich die Budgetfrage mit 5.000 Pfund. Die Zeiten der überzogenen Dinosaurier-Budgets sind Vergangenheit. Die Zukunft gehört der prismatischen, nicht mehr zu archivierenden Vielstimmigkeit, die nicht mehr auf Dauer angelegt ist, sondern vielmehr unmittelbarer Kommentar zur Zeit sein wird.


















