Wir müssen Transparenz verpflichtend machen. Viviane Reding

Wo bleibt die Muße?

Ausgerechnet in der Weihnachtszeit haben wir weniger Zeit denn je. Das liegt daran, dass wir der Muße keinen Raum mehr geben.

Merkwürdig, dass Weihnachten immer noch als Fest der Besinnlichkeit gilt. Denn die Adventszeit, ursprünglich eine Phase des spirituellen Übergangs, ist heute das genaue Gegenteil: In den Büros herrscht eine Art Jahresend-Rally wie an der Börse. Im Privaten laufen wir in einer vorweihnachtlichen Tretmühle. Dabei hätten wir doch lieber ein paar Tage mehr Ruhe.

Wieso kriegen wir diese Ruhe nicht hin, nach der wir uns doch eigentlich sehnen? Könnte die Vorweihnachtszeit nicht eine von Terminen und Verpflichtungen freie Zeit sein, wo wir uns auf das Wesentliche im eigenen Leben besinnen – und nicht auf die Frage, ob Papa die Anti-Aging-Creme aus vulkanischer Tonerde verträgt, die wir ihm unter den Weihnachtsbaum legen wollen? Die Adventswochen waren sogar einmal eine Fastenzeit! Das können wir bei all den Lebkuchen, Plätzchen und Christstollen gar nicht mehr glauben.

Ein Wettkampf um Aufmerksamkeit

Wie in vielen anderen Bereichen des Lebens, ist uns auch in der Weihnachtszeit die Muße abhanden gekommen. Wir haben keine Zeit mehr. Das liegt vor allem daran, dass wir der Muße keinen Raum mehr geben. Raum hier ganz wörtlich gemeint. Wo immer alte Kulturen nach Gegebenheiten suchten, in denen der Mensch aus dem Geschäftigen und Alltäglichen heraustreten konnte, gestalteten sie dafür eigene, abgegrenzte Räume: Tempel, Klöster, Andachtskapellen, Gärten, Parks, Museen, Bibliotheken, Bäder, Thermen, Landsitze und vieles mehr.

Auch der öffentliche Raum hatte mußegerechte Orte. Das konnte ein Platz sein, ein Park, ein Boulevard, die dazu gestaltet waren, dass der Mensch darin flaniert, dass er sich dort auch ein wenig verlieren kann. Allen diesen Orten ist gemeinsam, dass sie eine eigene Art der Aufmerksamkeit schaffen, die nicht auf zielgerichtete Erledigung aus ist, sondern die Sammlung ermöglicht. Dagegen ist die Vorweihnachtszeit heute geprägt von einem Wettkampf um unsere Aufmerksamkeit: In den beleuchteten Einkaufsmeilen schreien uns die Rabatt-Angebote an und die Jahresend-Hektik lenkt uns mit unendlich viel überflüssigem Kram ab, der angeblich erledigt werden muss. Rückzugsorte gibt es kaum noch.

Das ist kein Zufall. Spätestens seit der Neuen Sachlichkeit drängt die Beschleunigungsarchitektur die mußefördernden Orte zurück und ist damit noch immer nicht fertig. Le Corbusier legte Stadtpläne vor, die Städte nach Zonen ordnen wie eine fordistische Fabrik, in der das Fließband regiert: Arbeit, Freizeit, Wohnen, autogerechter Verkehr. Muße war überflüssig, nicht leistungsgerecht. Privatsache.

Das Ergebnis sind standardisierte Städte. Alle Innenstädte haben Fußgängerzonen mit Stellplätzen, Raucherzonen, Zebrastreifen, Radwegen usw. Selbst die Parks sind in Zonen für Spaziergänger, Radfahrer und Hundebesitzer aufgeteilt. Während die Werbezonen in den Städten immer weiter wachsen, mit dem Time Square als unüberbietbarem Höhepunkt, sind die Orte der Muße nahezu verschwunden. Sie benötigen eine Abgrenzung, eine Schwelle, die zwischen Alltag und Muße, zwischen Lärm und Ruhe, zwischen Hektik und Entschleunigung scharf trennt. In der herrschenden Effizienzlogik von Multifunktionsräumen kann diese Trennung nicht gelingen, also werden die ehemaligen Mußeorte in Funktionszonen verwandelt oder eliminiert. Jede Stadt kennt den verzweifelten Kampf um einen alten Stadtpark, der einer luxuriösen Wohnanlage weichen musste.

Mußeorte brauchen eine gewisse Abgeschirmtheit, denn nur darin lässt sich der Geist sammeln. Eine ständige Erreichbarkeit, die einen jederzeit in Verpflichtungen zurückholt, lässt Kontemplation nicht zu. Kameras und Smartphones haben an Mußeorten nichts zu suchen. Die öffentlichen Räume sind aber voll davon. Nicht wir beobachten absichtslos das Geschehen und lassen die Gedanken vorbeiziehen, sondern wir werden beobachtet und jeder Schritt wird von Dutzenden GPS- oder WLAN-Sendern protokolliert. Zur Muße gehört die Dezentriertheit, ein nicht festgelegter Blick, die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen, wie der Philosoph Günter Figal bemerkt. Sie ist das Gegenstück einer methodischen Lebensführung, in der jede Handlung klaren Intentionen gehorchen muss, wo Ziele definiert und am besten nach Checkliste abgearbeitet werden und deshalb auch einem strengen Zeitregime unterworfen sind.

Raum ist mehr als die Strecke von A nach B

Zeit ist Geld. Nach dieser Funktionalität haben wir auch unsere öffentlichen Räume gestaltet. Einkaufszentren und Supermärkte beschäftigen Architekten, die minutiös planen, wie der Konsument möglichst gewinnbringend durch die Gänge gelotst wird. Flughäfen und Bahnhöfe sind solche Leiträume, die gar nicht mehr einen Gedanken darauf verschwenden, dass der Mensch absichtslos verweilen können wollte, dass er nicht von Zielen und Absichten angetrieben unterwegs ist. Sie sollen den Bürger lenken: Über den Gang, die Zone oder den Flur geht es über Laufbänder und Rolltreppen zu Gateways und Shuttles. Dass sich die Gehgeschwindigkeit in allen westlichen Städten seit Jahrzehnten stetig erhöht, hat nicht nur mit der Geschäftigkeit zu tun, die wir in die Straßen tragen, sondern auch mit dem öffentlichen Raum, der die Ruhe verdrängt.

Der wahre Reisende hat keinen festgelegten Weg, noch will er an ein Ziel, schreibt Lao-Tse im Tao-Te-King. Das ist lange her, gibt aber eine leise Ahnung davon, dass der Mensch den Raum nicht nur als Strecke von A nach B verstehen muss. Ein wenig lebt die mußebestimmte Auffassung noch im Salonwagen. Wer immer mit einer solchen Haltung einen ICE betritt, wird enttäuscht sein. Die Wagons sind mobile Büros geworden, erobert von Laptops und lauten Handygesprächen, die man gezwungen ist, mitzuhören. Lesen oder unerwarteten Gedanken ihren Raum zu geben, ist in dieser Umgebung schwierig geworden.

Muße ist auf Mußeorte angewiesen und wenn diese verschwinden, dann verschwindet auch sie. Wir müssen uns diese Mußeräume zurückerobern und neue schaffen. Dann wird auch die Dominanz der Zeit wieder in unserem Leben zurücktreten. Die Moderne sieht die Welt als eine Uhr und die Menschen sind darin kleine Rädchen, die auf ihren Takt hören. Wenn wir die Welt aber als Raum begreifen, dann haben wir darin einen Ort, wo wir uns aufhalten, wo wir hingehören und wo wir funktionieren können, aber nicht müssen. Und wo uns Weihnachten als ein Zeitraum der Kontemplation entgegen treten kann, weil wir in unserer Umgebung Orte vorfinden, die Muße und Besinnung zulassen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Thilo Spahl, Klaus Werle.

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