Kein Problem wird gelöst, wenn wir träge darauf warten, dass Gott sich darum kümmert. Martin Luther King

Digitale Boheme

Das Netz wird bourgeois. Die größten Verfechter der Datenschutzpolitik von Facebook und Google stammen inzwischen aus der Boheme. Für sie passt das Internet perfekt in die Welt des Konsumkapitalismus: Es erzählt eine Geschichte über Selbsterfindung, Innovation und Effizienz.

Kein Zweifel, Google, Facebook und Apple machen uns amerikanischer und kapitalistischer. Das beginnt beim puritanischen Verständnis von Privatheit: Der aufrechte Protestant hat seit jeher nichts zu verbergen. Das zeigt sich an evangelikal anmutender Beglückungsrhetorik wie in Googles "Wir tun nichts Böses“. Und ihre Apps, Tools, Buttons etc. steigern die "methodische Lebensführung“, wie Max Weber die Rationalisierung der Welt bezeichnete. Im “Geist des Kapitalismus” machen sie alles einfacher und effizienter.

Logik der unbegrenzten Disponibilität

Die Kommerzialisierung dringt durch personalisierte Werbung tiefer in unseren Intimbereich ein als je zuvor. Zudem wird der Ort, an dem wir arbeiten, werden unsere Beziehungen, wir selbst, verfügbarer. Der Historiker Jürgen Osterhammer zählt die “Logik der unbegrenzten Disponibilität” zum zentralen Kennzeichen des Kapitalismus. Sie macht Dinge und Beziehungen handelbar und stand schon bei der Dampfmaschine und der Aktiengesellschaft Pate.

Als Max Weber die protestantische Arbeitsethik als mentalen Motor der Industrialisierung erkannte, graute ihm zugleich vor dem “stahlharten Gehäuse der Hörigkeit”, das diese Effizienzmaschine schuf. Die Romantik opponierte: “Der Erste, der ein Stück Land einzäunte und dreist sagte, das ist mein, wurde zum Begründer der bürgerlichen Gesellschaft”, kritisierte Jean-Jacques Rousseau. Der Künstler wird zum Gegenentwurf, weil er Arbeit und Leben versöhnt. Von Marx bis zur Avantgarde bleibt das Kapital der Feind. Adorno wetterte gegen den Fetischcharakter der Waren und verachtete die Werbung. Noch die 68er hätten sich lieber die Hand abschlagen lassen, als Aktien zu kaufen.

Mit Google, Facebook, Apple & Co wird nun alles anders. Die digitale Boheme hat sich mit den Internetkonzernen verbündet. Ohne die Blogger wäre der Aufstieg Googles nicht möglich gewesen. Es war ein Deal: Google rankte die Blogger in seinen Suchalgorithmen weit vor den Printmedien, und die Blogosphäre bejubelte im Gegenzug den Konzern und bejahte Werbung als Geschäftsmodell. Wird am Ende Axel Springer doch noch enteignet durch die bloggende Gegenkultur und der ganze Mainstream-Journalismus gleich mit dazu?

Jeder ist kreativ

In der digitalen Boheme haben die rüden Methoden von Facebook und Google ihre nachsichtigsten Anwälte und ihre größten Befürworter. Beide lieben die Rhetorik der Weltverbesserung und des Fortschritts. Der amerikanische Kapitalismus und die digitale Boheme sind Freunde geworden. Beide schreiben am Skript derselben Story, einer besseren Welt und eines authentischen Lebens, das angeblich das Internet möglich macht. Es ist die Versöhnung von Romantik und Konsumkapitalismus.

Sascha Lobo schwärmt von der Auflösung der Festanstellung in neuen Netzwerken: Sei selbständig, sei kreativ, werde Millionär, jeder ist Künstler! Ob Arbeit oder Leben, eine Trennung soll es nicht mehr geben. Es geht um Identität: Was trägt ein Produkt, ein Job, ein Tool zu meiner Selbsterschaffung bei? Vom Erweckungsgottesdienst über die Castingshow bis zum Beitritt zu Facebook, immer heißt es: “It really changed my life.” Das Romantische daran ist die Idee der Selbsterschaffung. Im Internet dringe ich in andere Welten vor, bin ich bunt, erfinde ich mich neu. Es geht um die Steigerung aller Lebensbereiche, um die stetige Ausdehnung des Möglichkeitsraumes.

Mit Google Maps sehe ich die Welt vom All aus. Mit Google Street View überwinde ich Zeit und Raum. Die Diskussion darüber macht deutlich, dass die Kapitalismuskritik der Romantik an ihr Ende gekommen ist. Google-Chef Schmidt und Lobo sind sich einig: “Man kann nicht auf alle warten, das geht heute nicht mehr.”

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Sebastian – 06.11.2010 - 15:31

    Direkt den ersten Satz würde ich generell in Frage stellen, denn “Kein Zweifel, Google, Facebook und Apple machen uns amerikanischer und kapitalistischer.” ist meiner Meinung nach nur ein Teil der Wahrheit. Werbung, einhergehend mit dem Neuen Medium Fernsehen, Jahrzehnte zuvor hat Deutschland (zumindest bis zur Wende teilweise, danach dann gänzlich) “kapitalisiert” und “amerikanisiert”.

    Abgesehen von dieser Pauschalisierung, die sich zur Mitte des Artikels dann doch aufhebt und Max Webers Zusammenhang zwischen Protestantismus und der kapitalistischen Entwicklung der Gesellschaft anspricht, würde ich jedoch auch überlegen ob Googles Aufstieg nicht – vor allem zu Beginn hin, also vor dem Millenium auch – ohne (die damals eigentlich noch nicht existierenden) Blogger möglich war und gewesen ist.

    Eher sind Einfachheit vor Komplexität Grund für Googles damaligen Aufstieg als Suchmaschine. Sowie der Nachfrage nach dieser [Einfachheit] aufgrund von noch nicht flächendeckenden ISDN-Anschlüssen in vielen Ländern.

  • Theeuropean-placeholder
    C.K. – 06.11.2010 - 17:49

    So schön sich der Artikel liest, er leidet an einem fundamentalen Fehler: Es gibt keine digitale Boheme. So gibt es werbefreundliche Gesellen oder weniger werbefreundliche, es gibt “kapitalistische” Strömungen und semi-maoistische Weltverbesserer.
    Der Autor bringt leider auch sonst einiges durcheinander. Das geht schon im ersten Absatz los: Don´t Do Evil ist ein INTERNER Slogan (Code of Conduct) von Google. Die erfolgreichen “Apps, Tools, Buttons”, welche “die Lebensführung steigern”, sind in Deutschland ausschliesslich die Suchmaschine, Youtube und Google Maps – dett Zeuch ist tatsächlich praktisch. Eine Aufladung mit “kapitalismus” ist unnötig. Oder ist alles, was praktisch ist, Kapitalismus?

  • Theeuropean-placeholder
    flexo – 02.03.2012 - 08:44

    Diese Seite hier ist zweifellos ein Stück digitaler Boheme…

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