Der intrinsische Erkenntnisdrang der Forscher mag einem abgeklärten Journalisten fremd sein. Andrea Kamphuis

Nicht zur Nachahmung empfohlen

„Shades of Grey“ wird in der SM-Szene zwar gelesen, aber es gibt bessere Bücher zum Thema. Neulinge sollten das Buch allerdings auf keinen Fall als Anleitung zum Nachspielen verwenden.

Internationale Hysterie und gebrochene Verkaufsrekorde lassen etwas anderes vermuten, aber „Shades of Grey“ ist keinesfalls der erste populäre Roman, der sich mit dem Thema Sadomasochismus (SM) auseinandersetzt. Das war Anne Desclos „Die Geschichte der O.“ – und der erschien immerhin schon 1954. Der Unterschied: „Die Geschichte der O.“ ist Literatur, „Shades of Grey“ nicht mehr als nette Unterhaltung. Allerdings ist es auch recht anmaßend von der deutschen und internationalen Literaturkritikerszene, ein Buch, welches überhaupt nie den Anspruch gehabt hat, höhere Literatur zu sein, auf die Literaturbeurteilungsbank zu zerren. Bei einem Jerry-Cotton-Heftchen oder einem Arztroman würde doch niemand auf die Idee kommen, diese literaturkritisch zu betrachten. „Shades of Grey“ ist einfach klassische Frauenliteratur, die zum Träumen anregt. Mit der Realität hat das Ganze denn auch kaum was zu tun.

„Shades of Grey“ ist ein Märchen

Das fängt schon mit dem Plot an. Der ist tatsächlich märchenhaft: Reicher Mann trifft armes Mädchen vom Lande. Dabei sind es im Allgemeinen ganz normale Leute wie Herr und Frau Müller von nebenan, die SM-Sex mögen und in der BDSM-Szene (steht für „Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism“, Anm. d. Red.) unterwegs sind. In der Realität ist es auch normalerweise so, dass diese Leute sich bereits im SM-Zusammenhang kennenlernen, zum Beispiel bei Partys oder Stammtischen, und dann feststellen: „Da ist jemand, der passt zu meinen Vorlieben und jetzt gucken wir mal, ob wir miteinander auch persönlich gut auskommen.“ Im Buch ist Anastasia Steele, 21 und Jungfrau, nichts anderes als die arme, blutjunge Dorfmagd, die vom reichen Grafen Christian Grey aufgenommen wird – womit wir uns wieder mitten im Märchen befinden. Dass Anastasia noch sehr jung ist, sollte in der Diskussion über den Roman aber keine Rolle spielen. Generell ist es nämlich keine Altersfrage, wann sich jemand frei für SM entscheiden kann. Es gibt viele Leute, die, wie ich, schon im vorpubertären Alter wussten, dass ihre sexuellen Wünsche anders sind als die der anderen Kinder.

Wirklich bedenklich sind hingegen bestimmte Szenen des Buches, in denen Techniken geschildert werden, die nicht „safe“, also sicher sind. Im Gegenteil, sie können für SM-Unerfahrene sogar gefährlich sein. Der von mir mitgegründete Charon-Verlag, der auf BDSM-Literatur spezialisiert ist, unterstützt den Plan der Bundesvereinigung Sadomasochismus (BVSM), den deutschen Buchhändlern ein Lesezeichen anzubieten, das den Büchern beigelegt wird. Auf diesem würden ein paar grundsätzliche und vor allem realistische Informationen zum Thema stehen.

Die Emanzipation wird nicht infrage gestellt

Problematisch ist auch, dass SM so dargestellt wird, als würden nur seltsame Menschen darauf stehen: Männer, die versuchen, ihre Partnerinnen da mit hineinzuziehen. Dabei mögen es sowohl Männer als auch Frauen manchmal, gefesselt, herumgeschubst, verhauen und gedemütigt zu werden – und umgekehrt. Diese Sachen mit dem Partner zusammen liebevoll und einvernehmlich umzusetzen, kann sehr lustvoll sein.

Unterwerfung hin oder her: Die Emanzipation der Frau stellt all das nicht infrage. Als meine Frau von einem Journalisten gefragt wurde, wie sie SM denn mit ihrem feministischen Weltbild vereinbaren könne, sagte sie: „Es ist Teil meiner Emanzipation, dass ich mich entscheiden kann, auch mal temporär ganz unten zu spielen.“ Diese bewusste Entscheidung, Kontrolle abzugeben und Dominanz durch den Partner zuzulassen, kann man eigentlich nur treffen, wenn man emanzipiert ist. Das sieht ja selbst Alice Schwarzer so, die „Shades of Grey“ ganz in Ordnung findet – eine doch recht verblüffende Ansicht von jemandem, der seit rund einem Vierteljahrhundert gegen SM in jeder Form schießt.

Letztendlich ist „Shades of Grey“ ein Märchen, ein Traumhintergrund – und würde nicht so gut funktionieren, wenn man eine realistischere Geschichte genommen hätte. Allerdings gibt es natürlich auch SM-Literatur, die die Gegebenheiten der SM-Subkultur und SM-Szene realistisch schildert, zum Beispiel Nala Martins „Safeword“. Das ist auch sprachlich spannender als „Shades of Grey“. Letzteres wird übrigens trotz seiner Mängel und der Kritik in der SM-Szene gelesen – oftmals heimlich still und leise, vielen SM-Anhängern ist es peinlich, das Buch überhaupt zur Hand zu nehmen. Das heißt nicht, dass es in der SM-Szene abgelehnt wird. Es stößt dort nur auf eine gewisse kritische Distanz. Und die sollten alle Leser, ob SM-erfahren oder nicht, gegenüber „Shades of Grey“ beibehalten.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Lucy Gellman, Melissa Febos, Petra Joy.

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