Es muss uns zu denken geben, wenn Menschen vielen Wirtschaftsführern und Politikern keinerlei Glaubwürdigkeit mehr zubilligen. Wendelin Wiedeking

„Ich spüre, wer es gut mit mir meint“

Im deutschen Kino gibt es wohl niemanden, dessen Schaffen so sehr von Freundschaft geprägt ist. Matthias Schweighöfer gewährt Alexander Görlach einen Einblick in sein Privatleben und verrät, was Freundschaft für ihn bedeutet.

The European: Herr Schweighöfer, was macht eine gute Freundschaft aus?
Schweighöfer: Für mich bedeutet Freundschaft Bedingungslosigkeit. Egal, wie selten man sich sieht oder hört – Freundschaft ist für mich unantastbar, ehrlich, nie anklagend.

The European: Was ist denn der wertvollste Rat, den Ihnen ein Freund je gegeben hat?
Schweighöfer: Meine Freunde raten mir oft, auf mein Herz zu hören und nicht auf meine Ängste oder äußere Einflüsse. Immer wenn ich an irgendetwas zweifele oder unsicher bin, liefern mir meine Freunde den Realitätscheck.

The European: Mussten Sie schon mal eine Freundschaft kündigen?
Schweighöfer: Ich würde eher sagen, dass sich bei mir Freundschaften auseinandergelebt haben.

The European: Sind das dann nur noch Bekanntschaften? Oder was ist für Sie der Unterschied zur Freundschaft?
Schweighöfer: Bekanntschaften sind eher oberflächlich. Oder es sind Menschen, die mir nicht fehlen. Meine Freunde sind mein Zuhause und wissen meistens ohne Worte, wie es mir geht. Ohne ihre Sicherheit kann ich mir ein Leben kaum vorstellen.

The European: Können Freunde Familie ersetzen?
Schweighöfer: Freunde sind auch Familie. Aber ich brauche definitiv beides.

The European: In Ihrem letzten Kinohit „Schlussmacher“ ging es auch um die ganz spezielle Beziehung zwischen den Protagonisten Toto und Paul. Was ist denn das Besondere an einer Männerfreundschaft?
Schweighöfer: Die Leichtigkeit. Wennʼs mir scheiße geht, muss ich nicht immer tiefgreifende psychologische Gespräche führen. Mein bester Freund kommt rum, wir lachen oder lenken uns mit irgendetwas anderem ab, und die Welt ist wieder in Ordnung.

The European: In unserer Debatte schreiben Politiker darüber, ob es im politischen Betrieb Freundschaften geben kann oder nicht. Sind Sie mit einem Politiker befreundet?
Schweighöfer: Nein. Aber das ist sicher nur Zufall.

The European: Wie sehen Sie das denn aus Wählersicht, wenn Politiker zweier unterschiedlicher Lager befreundet sind?
Schweighöfer: Ich glaube, in den Grundwerten und der Ideologie muss man sicher auf einer Wellenlänge schwimmen, aber unterschiedliche Meinungen und Auffassung beleben eine Freundschaft ja auch. Warum sollte das nicht funktionieren?

The European: Schauspieler stehen wie Politiker im Rampenlicht. Wie halten Sie das persönlich, haben Sie Freunde in der Filmindustrie?
Schweighöfer: Im Business habe ich auch sehr gute Freunde. Und einige davon schon eine halbe Ewigkeit. Es hilft auf jeden Fall, wenn man Freunde hat, die wissen, was dieses Leben als Schauspieler und Regisseur mit einem macht. Für Außenstehende ist das oft sehr schwer nachzuvollziehen.

„Ich liebe es, mit Freunden zu drehen“

The European: Ist es denn leichter, mit Freunden vor der Kamera zu stehen? Viele versuchen ja Berufliches und Privates zu trennen.
Schweighöfer: Keiner meiner Freunde hat da Kompetenzprobleme. Während des Drehs sind meine Freunde auch nicht plötzlich „Kollegen“, sondern bleiben trotzdem meine Freunde. Ich liebe es, mit meinen Freunden zu drehen. Das ist vor allem bei Reiseproduktionen auch ein bisschen Heimat für mich.

The European: Schauspieler sind dazu gemacht, etwas vorzuspielen. Wie kann man noch zwischen wahren und falschen Freunden unterscheiden?
Schweighöfer: Ich glaube, ich habe da einen gesunden Instinkt. Viele meiner Freunde kenne ich schon sehr lange. Man begegnet sich auf Augenhöhe. Ich öffne mich nicht schnell, aber irgendwie spüre ich schon, wer es gut mit mir meint und wer nicht.

The European: Der Filmszene sagt man nach, dass sie oberflächlich sei. Gibt es dort so viele Scheinfreundschaften wie behauptet wird?
Schweighöfer: Das sind dann eher diese bereits erwähnten Bekanntschaften. Man freut sich, sich zu sehen, aber kommt auch bestens ohne einander klar. Und man tauscht sich eher branchenintern aus anstatt über das Privatleben des anderen.

The European: Würde Sie auch ein Film über Feindschaft reizen?
Schweighöfer: Absolut. Feind ist ein hartes Wort. Aber gerade das, was uns abstößt, ist meistens unser bester Lehrmeister. Zu wissen, was man nicht will, ist oft der Schlüssel zu einem selbst. Und Filme über Feinde wie „Inside Man“, „Heat“ oder „Departed“ mag ich sehr. Feinde, die sich auch ein Stück weit bewundern und respektieren: Das ist spannend.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Matthias Schweighöfer: „Das Leben ist cooler geworden“

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 4/2013 des „The European“ enthalten

Darin finden Sie u.a. warum das Geheimnis bedroht ist – mit Folgen für Politik, Gesellschaft und jeden Einzelnen. Was uns in einer Welt absoluter Transparenz blüht, debattieren u.a. Sir David Omand (ehem. Direktor des britischen Nachrichtendienstes) und Internet-Legende John Perry Barlow. Weitere Debatten: die Sonderrolle Bayerns, Schlager-Republik Deutschland und der Stellenwert politischer Freundschaft. Dazu Gespräche mit Neelie Kroes, Edmund Stoiber, Matthias Schweighöfer und Florian Silbereisen.

Sie können es hier direkt bestellen.

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