Lieber Alexander,
ich bin Dir ja noch eine Antwort schuldig auf Deinen Kommentar vom 15. Juni. Aber diese Debatte ist sehr wichtig, besonders im Hinblick auf den bevorstehenden Papstbesuch und den Zustand unserer Kirche. Was den Jugendkatechismus „Youcat“ angeht, hat Dir ja Professor Lütz, einer der Autoren, bereits geantwortet. Ich selber finde ihn nicht nur nicht bieder, sondern sehr lebendig und geradezu unersetzlich in Zeiten, in denen der religiöse Analphabetismus grassiert. Zeiten, in denen Religionsunterricht häufig nicht mehr angeboten wird und Eltern ihren Kindern kaum noch den Glauben vorleben.
Wir sind zunehmend Missionsland, wie mir eine Pastoraltheologin kürzlich relativ ungerührt sagte, und da ist der Katechismus schlichte Entwicklungshilfe. Obwohl rein nominell immer noch ein gutes Viertel der Menschen in Deutschland katholisch sind (ein weiteres Viertel ist evangelisch), können grundlegende Sachen wie die Kenntnis der zehn Gebote nicht mehr vorausgesetzt werden.
Neunzig Prozent der Katholiken sind kirchenfern
Nur noch geschätzte zehn Prozent der eingetragenen Katholiken gehen überhaupt in die Kirche. Der Rest bleibt sonntags im Bett liegen und sagt sich: Wozu soll ich in die Kirche gehen, ich zahl doch die Steuer. Das ist Katholizismus per Abbuchungsauftrag. Ja, obwohl wir dank der Kirchensteuer die wahrscheinlich am üppigsten ausgestattete Landeskirche der Welt sind, grassieren Müdigkeit und Missmut. Ansonsten, natürlich, Reformeifer!
Wir sind up to date, was die Gender-Diskussion angeht, aber die wenigsten wissen noch, was das Paschageheimnis ist und worin die Bedeutung der Sakramente besteht und was der Sinn der Buße ist. Dafür weiß jeder Katholik, dass die Kirche rückständig ist und sexualfeindlich und undemokratisch, weil ihm das ständig unter die Nase gerieben wird. Ich sehe darin eine Verrohung des Glaubens im Namen von Reformen. Das alles erinnert mich sehr stark an die letzten Zuckungen des Regietheaters, das ja auch einmal in einer prächtig subventionierten, weltweit beneideten Theaterlandschaft angetreten war, Klassiker zu entrümpeln und „überkommene Strukturen“ zu zerschlagen.
Heute spielen die Matadore vor leeren Stuhlreihen und haben den zehnten nackten Hamlet auf die Bühne gestellt, der brüllt wie am Spieß, weil er „den Leuten von heute was zu sagen hat“, und uns allen klarmacht, dass Helsingör der Name einer Spielhalle auf der Reeperbahn ist. Das Problem: Vor lauter Lärm und Reform haben sie den Text vergessen, und auch im Parkett kennt ihn keiner mehr.
Nun, ich gehöre zu der Fraktion, die, wie es Klaus von Dohnanyi mal rief, ihre Klassiker wiedererkennen möchte. Ich will wissen, wann die Wandlung beginnt und auf welches Evangelium sich eine Predigt bezieht. Alexander, Du bist ja glücklicherweise mit mir der Meinung, dass wir seit dem 2. Vatikanischen Konzil vielleicht ein paar Hochaltäre zu viel abgeräumt und verbrannt haben. Du gibst Mosebach (und mir) recht in der Klage über die „Häresie der Formlosigkeit“. Du hältst wie ich den Papst für unseren besten Theologen.
Doch plötzlich wirfst Du der katholischen Kirche die alte Leier vor, Rückständigkeit und Weltabgewandtheit und so weiter, als müsse dieser Vorwurf immer scheppernd mitgeschleppt werden, wohin man auch geht in einer Debatte über die Kirche. Sie sei „verlegen, die Dinge anzusprechen, wie sie sind“. Und welche wären das? Sie, „die Religion der Fleischwerdung“ sei nicht imstande, „über das Fleisch zu reden“. Hm. Geht’s nicht deutlicher? Reden wir hier mal wieder über Sex und den Wunsch nach Tabulosigkeit?
Komisch, dass die Reformer so oft wesentlich wolkiger sind als die Amtskirche, die sie kritisieren, denn die ist doch an Deutlichkeit nicht zu überbieten – gerade das empört doch die Leute!
Im Zentralkomitee des Katholizismus
Aber Du bist ja nicht alleine. Da ist zum Beispiel der ZDF-Programmdirektor Peter Frey in „Christ und Welt“. Er setzt sich zunächst gegen meinen Terminus „Abenteuer“ zur Wehr. Er spricht lieber, so sagt er, von „Originalprägung“, wenn er seinen Kindheitsglauben erwähnt. Das klingt eindeutig diskurskompatibler und viel weniger wild. Ansonsten wünscht er sich mehr „Verheutigung“ in der Kirche und, jetzt kommt’s, Antwort auf „die gesellschaftlich-politische Frage, was die Gegenwart Gottes für die Gestaltung der Welt bedeutet“. Hä? Was das genau bedeutet, verrät er nicht, ich nehme an, das „Zentralkomitee der Katholiken“, dem er angehört, wird sich auf der nächsten Jahrestagung damit befassen.
Ich glaube aber zu ahnen, was Gott hinter dieser rhetorischen Nebelwand für die Gestaltung der Welt an „gesellschaftlich-politischen“ Vorschlägen in petto hat: Aufhebung des Zölibats, Priesterinnenweihe, Anerkennung der Schwulen-Ehe und Beschneidung der Kompetenzen des Papstes. Und wenn der liebe Gott es noch ganz gut meint, wird er die Kommunion für alle freigeben. Das wäre dann die Kirche, von der Geißler sicher ist, dass sie sich Jesus gewünscht hätte.
Überschrieben ist Freys Essay mit der Beteuerung, dass er „nur einer Kirche, die sich ändert, treu sein kann“. Und dieser wenig demütige Gestus vor allem geht mir auf die Nerven. Diese Haltung unserer prominenten Vorzeigekatholiken, ob sie nun Lammert oder Frey oder Geißler heißen, die der Mutter Kirche und ihrer doch imponierenden 2000-jährigen Geschichte immer wieder zurufen: Du musst dich gewaltig ändern, meine Liebe, wenn du dir meine kostbare Mitgliedschaft erhalten möchtest.
Ich vermute mal, Mutter Kirche hat, bei 1,2 Milliarden Mitgliedern, noch anderes zu tun.





















Quis ut Deus
Wer will die Kirche Christi ‘modernisieren’? Was ist das?.
ZDF-Programmdirektor Peter Frey? das ‘Zentralkomitee der Katholiken’, (ich kann ZKs nicht leiden), Geißler? Lammert? Und wer noch?
Christus hat zu Petrus gesprochen: ’Du bist Petrus (der Fels), und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen… Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben … (Matth 16, 18, 19)
Weide meine Lämmer, weide meine Schafe. d.h. Leite meine ganze Herde (die ganze Kirche). (Joh. 21, 15-17)
So hat Christus zu keinem anderen Apostel gesprochen. Dem hl. Petrus allein gab er ferner den Auftrag, seine Brüder im Glauben zu stärken.
“Wer will die Kirche Christi ‘modernisieren’?…. Geißler?”
Mit diesem Irrlehrer, Herrn Geissler, sind wir schlecht beraten. Ein Mensch, der die Hölle leugnet, der die Ansicht vertritt: Adolf Hitler sei im Himmel, hat wohl komplett den Glauben verloren.
Ja, fürwahr eine imponierende 2000-jährigen Geschichte …
Die Kirchensteuer ist einer der wesentlichen Gründe für den Zustand der katholischen Kirche in Deutschland. Da wird in den Bistümern nur noch der Niedergang verwaltet. Ich bin sicher, würde es dafür staatliche Zuschüsse geben, würde die katholische Kirche hierzulande nahezu alles tun. Ich erinnere mich noch gut an den Zwergenaufstand, als Kardinal Meisner vor Jahren mal darauf hinzuweisen wagte, dass Krankenhäuser, Alten- und Kinderheime zwar eine schöne Sache seien, es aber doch in erster Linie mal um die Verkündigung von Gottes Wort und die Pastoral gehen müsse. Das war manchem seiner “Amtsbrüder” fast schon eine Zumutung.
Die Qualität der Kirche und des Glaubens hängt nicht von staatlichen Besteuerrungssystemen ab und die Kirche ist nicht in erster Linie eine Art Paritätischer Waohlfahrtsverband mit Weihrauch. Auf Gott und Jesus Christus kommt es an. Und, lieber Herr Matussek, wenn wir beide irgendwann die einzigen katholiken in Deutschland sind, wissen wir immer noch, dass der Herr unter uns ist, wenn sich nur zwei in seinem Namen versammeln.
Verehrter Herr Matussek,
es ist zwar Ihr Recht, nur schwarz oder weiß zu sehen und diesen Standpunkt auch zu vertreten, es muss deshalb aber noch lange nicht richtig sein.
Natürlich hat sich in der Amtskirche durch das zweite vatikanischn Konzil schon eine Menge geändert, das ist aber nun auch schon wieder fast fünfzig Jahre her. Vergleicht man, was sich in diesen 50 Jahren in unserer Welt alles verändert hat, darf man auch von der Amtskirche erwarten, sich anzupassen, um für die Gläubigen überhaupt noch verständlich zu sein.
Was sich Alles ändern oder anpassen sollte und was nicht, bestimmen weder Sie, noch irgend ein anderer Einzelner, sondern es sollte wieder das Thema eines Konzils werden, das sich tatsächlich “Reformen” zum Thema macht.
Ihr Vergleich mit dem klassischen Theater ist ebenso absurd, wie Ihre teilweisen Schlussfolgerungen, was zu ändernde Positionen betrifft.
Auch Ihre Interpretation der Gründe, warum viele Menschen nicht mehr sonntags in die Kirche gehen, halte ich für falsch. Viele gehen nicht mehr hin, weil sie sich von der Amtskirche im Stich gelassen, weil sie sich nicht mehr verstanden fühlen und immer neue, rückschrittlichere Order und Gedanken von der Amtskirche und vielen Bichöfen (nicht von Allen!) verbreitet werden. Dort, wo trotz Allem zeitgemäß denkende und handelnde Seelsorger tätig sind, sind die Kirchen, Gottesdienste und Messen voll wie in den Jahren nach dem Krieg. Wäre das nicht Beweis genug, dass etwas nicht stimmt in der Amtskirche?
Und lassen Sie mich noch Eines sagen, auch Josef Ratzinger (Benedict XVI), den ich noch als kleiner Junge als Kaplan in “meiner Gemeinde” (und später als Kardinal in unserem Erzbistum) erleben durfte, war in jungen Jahren ein sehr fortschrittlicher und reformfreudiger Mann, der zu damaligen Zeiten manchmal ein tiefes Durchatmen in der Gemeinde und ein freundliches Lächeln bei seinem/unserem Stadtpfarrer erzeugte. Das hat noch eine ganze Weile angehalten, als er schon akademischer Lehrer und sogar schon Kardinal in München geworden war. So ändern sich die Zeiten!
Alles ist in Bewegung und so muss es auch die Kirche sein, sonst kann man den Glauben eben nur noch für sich alleine Zuhause oder “zwischen den Zeiten” alleine in der Kirche oder an jedem andere Ort leben und pflegen. Leider, denn dadurch geht auch die “Gemeinsamkeit” verloren und die Kraft, die davon ausgehen könnte.
Amen!
RCB, Ihr Hinweis darauf, dass alles im Wandel ist, ist absolut richtig. Auch das Beispiel des jüngeren Ratzinger (der Berater beim 2. Vatikanum war!) ist hier glücklich. Es gibt eben keinen absoluten Standpunkt, keine unter Menschen letztgültig verwirklichte Wahrheit.
Dennoch muss man einer Zeit, die meint, dass “alles relativ” sei, deutlich sagen, dass wir als Menschen (allein indem wir sprechen!) uns auf eine Wahrheit beziehen und eben nicht auf irgendeine Beliebigkeit.
Die scheinbare Wahrheit des “anything goes” ist eben eine Lebenslüge, die elementar unserer Endlichkeit widerspricht.
Dass nur noch zehn Prozent der eingetragenen Katholiken die Kirchen besuchen, ist Fakt.
Aber, Herr Matussek, dass sie dies tun mit der Beruhigung: “Wir zahlen doch Kirchensteuer!” ist eine unzulässige Verniedlichung der fundamentalen Probleme.
Kann man nicht einfach zugeben, dass neunzig Prozent der Katholiken den Glauben an die Grundsäulen, die “gottgegebenen Glaubenswahrheiten” und Dogmen nicht mehr nachvollziehen können, dass sie sich einfach nicht mehr mit unbefleckter Empfängnis und leiblicher Aufnahme, mit Dreifaltigkeit, Eucharistiewunder etc. verdummen lassen wollen?
Ich kann mich Ihrer Meinung über Ratzinger als bestem (theoretischen) Theologen anschließen. Wenn dieser aber den mit Haftbefehl versehenen Menschenschlächter Mugabe zur Seligsprechung von JPII in den Vatikan eischleusen lässt, ist das eine Diskrepanz zwischen Wort und Tat, die jegliche Glaubwürdigkeit zerstört.
Ich finde auch die 2000-jährige Geschichte der Kirche nicht als imponierend. Nicht, dass ich die Millionen in Klöstern gespeister und gepflegter Armen samt Elisabeth von Thüringen oder Mutter Theresa vergessen hätte, nein, aber die Amtskirche (caput ecclesiae) hat zum Besitzerhalt seit Konstantin weltliche Macht und Schwert unvergleichlich mehr angewandt als die Bergpredigt.
Sie verniedlichen auf populistische Art auch ansonsten. So kann ich Ihnen das mit den “krummen Fingern” feudestrahlend betästigen. Kann man aber dieses Thema so angehen, ohne die seelischen Verbiegungen, die mit Hölle, Todsünde und Gott dem schwarzen Hund indoktrinierte Leibfeindlichkeit zu verurteilen?
Dass wir uns heute darüber belustigen können, kann nicht verhindern, dass sensiblere Gemüter erhebliche Störungen im partnerschaftlichen Bereich erlitten haben.