Post-Privacy bedeutet, sich nackt zu machen. Christian Heller

Der Neue Mann aus dem Dschungel

Über den Stern-Skandal und den Neuen Mann, der aus dem Dschungel kommt.

Ich muss hier Folgendes zu meiner Person sagen, denn das ist, seit jenem „Stern“-Artikel, das Eintrittsticket für Äußerungen zur Gleichberechtigung. Also: Für mich ist es nicht immer angenehm, 58 Jahre alt zu sein, ein Mann und den geschätzten 15. Aufguss einer Geschlechterdebatte zu verfolgen.

In den 90er-Jahren verlieh mir „Emma“ den „Pascha des Monats“. Warum? Weil ich in einem Buch vor der Scheidungsindustrie, vor der automatischen Alimentierungspraxis für Frauen, vor dem Zerfall der Familie warnte und die Rechte von Männern einklagte, die vor Gericht regelmäßig mit Füßen getreten wurden. Ich habe Männer im Hungerstreik erlebt, die ihre Kinder nicht sehen durften, aber ausgepresst wurden von ihren Frauen bis zum letzten Pfennig.

Politisch-korrekte Tribunale

Das hat sich Gott sei Dank geändert, weil man begriff, dass auch Männer Opfer sein können, und auch Frauen tyrannisch, bösartig, brutal, berechnend. Dass sie aus ihrem stets zugestandenen Opferstatus Kapital schlagen. Und diese Lektion muss offenbar immer wieder neu erlernt werden.

Ebenfalls in den Neunzigern habe ich über politisch-korrekte Tribunale in amerikanischen Colleges geschrieben, die definierten, was „sexual harassment“ ist. Ein Fall ist mir in Erinnerung geblieben. Da hatte ein Junge beim Tanzen im Überschwang ein Mädchen geküsst, ohne ihre vorherige Erlaubnis einzuholen. Er ist an die Falsche geraten: Er wurde suspendiert, musste eine öffentliche Selbstkritik schreiben und sich einer sechswöchigen Therapie für Sexualstraftäter unterziehen.

Und jetzt staune ich darüber, wie wir diesen Mist nachmachen wollen. Gerade wir, die wir der katholischen Kirche vor allem ihre „reaktionäre Sexualmoral“ übelnehmen und überhitzte Kuppelshows ganz besonders lieben. In diesem Rummel nun schießt plötzlich Prüderie hoch, in einem unangenehmen schmallippigen Jakobinertum. Kann es sich tatsächlich um etwas anderes handeln als die Witterung für, wie Fleischhauer im „Spiegel“ schrieb, „brauchbare moralische Geländegewinne in der Quotenschlacht“?

Zunächst aber, und das überrascht am meisten, spricht keiner über den journalistischen Skandal, um den es eigentlich gehen sollte.

Es eignete sich so schön. Noch am Montag konnte man Brüderle in der Parteichef-Sache lediglich Feigheit vorwerfen, seit dem Donnerstag darauf durfte es dann Geilheit sein. Im Artikel unserer „Stern“-Redakteurin blieb zwar der kleine Satz „wenn es ernst wird, hat er sich im Griff“ aus unerfindlichen Gründen ungestrichen, aber den überlas man gerne.

Wer will schon einen Politiker, wenn es ernst wird beim „Stern“? Als „Herrenwitz“ ist er viel brauchbarer. Er ist, in unserem Medienzirkus, dann vogelfrei und jedermanns Depp und darf ohne jedes Mitleid durch die Arena getreten werden. Die Opposition atmete hörbar auf, dass es diesmal nicht um Steinbrück ging, und Andrea Nahles’ Empörung füllte mindestens zwei Dirndl.

Glamourtermin an der Front

Es war bisher eine Debatte der verlogenen Doppeltöne. Niemand bestreitet, dass es sexuelle Zweideutigkeiten, auch Übergriffigkeiten zuhauf gibt. Jeder Flirt ist zweideutig. Einige verletzen die Grenze. Es liegt in der Natur, dass es öfter Männer sind als Frauen.

Doch keiner sprach darüber, dass die Denunziation durch die Redakteurin moralisch weit abgründiger war, als dieses weinselige Kompliment eines alten Mannes. Oder über die Heuchelei, dass der „Stern“, das Tittenblatt der grünen Lehrer, nun gegen den Sexismus im Alltag die Backen aufbläst. Außer der „heute-show“ – aber die ist eine satirische Sendung!

Allerdings gab es genug Realsatire. Natürlich war es schön zu sehen, wie die Redakteurin Himmelreich sich in den Talkshows stets durch ihre gönnerhaften Chefredakteure vertreten ließ, womit die moderne Frau einmal mehr klarmachte, dass sie sich in heiklen Situationen, in denen sie sich erklären muss, doch besser an ihre männlichen Vorgesetzten hält.

Schön auch das Bild, wie sich Frau Himmelreich von zwei Beschützermännern des „Stern“ ihren Weg zu einem Pressefrühstück mit Brüderle bahnen ließ, wie zu einem Glamourtermin an der Front. Die Männer konnten da wahrscheinlich zum letzten Mal beweisen, dass sie doch zu was nütze sind.

Es sind Männer der jüngeren Generation, die den moralischen Höllensturz Brüderles feierten und sich selber als die Zukunft des Geschlechts, die Verstehermänner, die von ihrer Selbstabschaffung sprechen. Sie sollten besser einen großen Bogen um den Kölner Karneval machen. Passen sie auch nicht hin. Alles zu normaaaal.

Wir sind tatsächlich im Dschungel

Mein Lieblingsmoment war daher der sehr präzise Wutausbruch der Schauspielerin Katrin Sass, mit dem in all diesem Gewürge kurz die Fenster aufgerissen wurden. Sie hatte bei Markus Lanz einen politisch korrekten Dödel aus dem Dschungelcamp zusammengefaltet, der ihr mit seinem Gerede von „Würde“ und einem „neuen Vertrag zwischen den Geschlechtern“ zusehends auf den Senkel ging. Mir auch, ich saß dabei.

In einem aber hatte der Dödel recht. Offenbar müssen wir alles neu aushandeln, in jedem Moment, weil es, nach dem Tod Gottes, keine Instanzen mehr gibt, die für uns verbindlich sind. Wir sind tatsächlich im Dschungel. Es gibt keine prinzipiellen Unterschiede mehr zwischen Gut und Böse, auch Sinn und Unsinn, Takt und Taktlosigkeit, Wahrheit und Lüge. Alles Verhandlungssache. Es gibt nur noch die Ad-hoc-Entscheidung für den eigenen Vorteil.

In einer satirischen Realityshow von Christian Ulmen, die Tele 5 ab 14. Februar zeigen wird, schicken zwei Männer ihre dekolletierten Freundinnen ins Rennen und setzen sie dort aus, wo sie Begehrlichkeit wecken könnten. Also praktisch überall. Zum Beispiel in einer Imbissbude.

Schiedsrichter im Kontrollraum überwachen die Blicke der Männer und zeichnen sie nach auf dem Monitor wie Spielzüge in der Bundesliga-Analyse. Jeder Treffer auf Busen oder Hintern wird mit einem Summ-Ton und einem Punkt belohnt.

Busen, tuut, Hintern, tutut, Blicke-Gangbang

Selten hat man Lustigeres erlebt. All diese hungrigen oder traurigen oder taxierenden Blicke, völlig unbewusst, von Alt und Jung und Schwarz und Gelb. Alltägliches Theater. Und dann die Blicke der begleitenden Frauen auf die Konkurrentinnen als giftzischende Pfeile – ein einziges großes Rastern nach Paarungsmöglichkeiten im Geschlechterzirkus. Das Zwischenhirn übernimmt. Busen, tuut, Hintern, tutut, Blicke-Gangbang, tuutuutuut, Konkurrenz, zisch!

Der Geschlechter-Alltag ist tatsächlich ein einziger Mario-Barth-Witz, und damit ein verheerendes Urteil für die Männer. Es kann keine bösere Karikatur unseres angeborenen Sexismus geben als diese Show, die all die wütenden Twitter-Einträge, die schon im Voraus shitstorm-mäßig unterwegs waren, gegenstandslos werden lässt – so männerfeindlich wie Ulmens „Who Wants to Fuck My Girlfriend?“ sind diese dann doch nicht.

Die gesellschaftlich interessante Frage wäre nun, mit welcher Gesetzesnovelle man diese Zwischenhirnreflexe untersagen könnte?

Und wie werden wir dann mit dem Proteststurm jener Frauen fertig, die anders als die Jakobinerinnen eine Menge Zeit darauf verschwenden, genau diese Zwischenhirnreflexe wachzuhalten?

Fragt sich der Neandertaler.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Nils Pickert, Gerhard Amendt, Nils Pickert.

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