Bisher nährte sich der Facebook-Mythos noch vom Ursprungsleichtsinn einer Cocktailparty. Matthias Matussek

Caritas und Die Linke

Ein Gespenst geht um in Europa, dieses Mal ist es die von Gesine Lötzsch losgetretene Debatte um das K-Wort. Dabei gibt es ein Wort, das mit C beginnt und das sie eigentlich benutzen sollte. Nur Mut!

Ein Gespenst geht um in Europa und das heißt, ähm, räusper, kicher, das nimmt uns jetzt keiner ab, aber egal, ich sach mal: Gesine Lötzsch. Im Ernst.

Eigentlich heißt das Gespenst ja Kommunismus, aber das sieht man soooo selten, dass man sich jetzt an die Linke-Chefin Gesine Lötzsch hält, weil sie das Wort zum letzten Mal benutzt hat. Eigentlich wollte sie was ganz anderes sagen, aber dazu später.

Ideal und Praxis

Kommunismus also. Darf sie natürlich nicht sagen. Weshalb ihr auch SOFORT von allen Seiten die Leichen des Kommunismus vorgerechnet wurden, mit Recht, es müsste einen Automaten geben, der sofort 50 bzw. 100 Millionen Tote ruft, sobald das K-Wort fällt. Ach, gibt es schon?

Es gibt aber noch einen anderen, der ebenso automatisch sagt, das IDEAL war aber gut. Nicht die Praxis, wie gesagt, und dann wieder, Murmelmurmel, 50–100 Millionen Tote, von den gründlich verpfuschten Lebensläufen ganz zu schweigen.

Es gibt jedoch noch eine andere Methode, das K-Wort und seine verheerenden Wirkungen (sofortiger Einbruch in den Umfragewerten für Die Linke) zu entschärfen, und das ist, es durch "demokratischer Sozialismus“ zu ersetzen. Bis jetzt hat das jedenfalls funktioniert. Gregor Gysi ist der Spezialist für solche, sagen wir, Dekontaminierungen. Ich könnte auch "Entgiftungen“ schreiben, aber das hört sich zu gewöhnlich an.

Der Sozialismus, das haben wir doch früher alle gelernt, ist die Zwischenstufe auf dem Weg zum Kommunismus, zur restlos befreiten Gesellschaft, einer Art Paradies, jawohl, in dem jeder nach seinen Fähigkeiten lebt und jedem nach seinen Bedürfnissen gegeben wird und der morgens angelt, mittags schläft und abends philosophiert (oder war das umgekehrt?) – ich hab auf jeden Fall nie verstanden, was DARAN grauenvoll sein soll. Theoretisch.

Ein Widerspruch in sich?

Der Sozialismus ist also noch ein Stück weit weg vom Kommunismus. Und jetzt kommt noch "demokratisch“ hinzu, also dajejen kamma doch nu wirklich nüscht haben, denkt sich Gregor Gysi da, nachdem er Gesine Lötzsch zur Ordnung gerufen hat.

“Demokratischer Sozialismus“? Ist das aber, wurde Gysi listig gefragt von Benjamin von Stuckrad-Barre in seiner neuen Late-Night-Show, “nicht eine ‘contradictio in adjecto’”? Ein Widerspruch in sich?

Gysis Antwort habe ich total vergessen, weil mich immer noch die Frage interessiert, auf die er nie geantwortet hat, nämlich, wohin das SED-Parteivermögen verschwunden ist, aber Stuckrad hätte natürlich auch fragen können: "Können Sie mir ganz spontan drei Länder nennen, in denen sich der demokratische Sozialismus anschauen lässt oder anschauen ließ? Hm?“

Eines ist ganz sicher nicht dabei, nämlich die untergegangene DDR, weil sie nämlich zwar sozialistisch, aber nicht demokratisch war, sondern sich machtsichernd stützte auf ein Heer von Einschüchterungs- und, jetzt aufgepasst, Gregor Gysi und sämtliche mit dieser Sache befassten Anwälte, Bespitzelungsprofis, ja, stützen musste.

Die Show übrigens war lustig. Sie fand zeitgleich mit der Vorpremiere zu Udo Lindenbergs großartig unterhaltsamem Musical "Hinterm Horizont“ statt, wo es um solche Sachen geht wie um die einstürzende Mauer, den einstürzenden Sozialismus und jede Menge enttarnte Spitzel.

So viel zum Reich der Freiheit

Gysi war bestens gelaunt, selbst noch, als er mit Stuckrad-Barre die Frage erörterte, wie viel es kosten würde, wenn man ihn jetzt, rein theoretisch mal, "IM Notar“ nennen würde. Rund 2000 Euro nämlich. Und dann sagte Stuckrad-Barre: "IM Notar, ätsch“ und Gysi lächelte eisig weiter und riet in dem folgenden Gesellschaftsspiel den Begriff "flächendeckender Mindestlohn“ – und drohte am Tag danach eine einstweilige Verfügung gegen die Ausstrahlung der Sendung an.

So viel zu Kommunismus und dem Reich der Freiheit und der Sehnsucht nach dem Paradies.

Nein, Gesine Lötzsch wollte diese ganze Diskussion gar nicht. Oder ganz anders. Sie wollte sagen, dass wir unser Herz nicht an beschissene Autos und Boni hängen, dass wir uns um die Schwachen kümmern sollten und die Kinder und die Natur, dass wir in unserer Fleischwolfgesellschaft den Nächsten lieben und für ein wenig mehr Gerechtigkeit sorgen sollten, für all das also, was in der Bergpredigt vorkommt.

Eigentlich wollte sie sagen: "Kommu… äh, Caritas!“

Ist doch egal, wenn das jetzt mal nicht auf Marx zurückgeht, sondern diesen anderen Revolutionär, der vor 2000 Jahren die Gemeinden am See Genezareth aufgemischt hat und öfter vom Papst zitiert wird.

Also: Caritas. Wirksam, bis heute. Keine Leichenberge. Kein Stasispitzel-Kuddelmuddel. Mehr darüber in der Enzyklika "Caritas in veritate“.

Nur Mut, Gesine Lötzsch. Beim nächsten Mal dann, okay?!

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    fränzü – 17.01.2011 - 13:25

    nicht umsonst ist die eine wurzel des stammbaum des modernen sozialismus (http://www.fes.de/archiv/adsd_neu/inhalt/sammlung/img/spd/IMG0001_8bit.jpg) die erste gemeinde in jerusalem. ohne das prinzip nächstenliebe ist kommunismus nicht machbar, sondern endet wie die bisherigen versuche in barbarei.

  • Theeuropean-placeholder
    xconroy – 17.01.2011 - 16:31

    Wäre prima, wenn sowas zur Abwechslung mal GANZ ohne ideologisch-religiösen Überbau ginge. Ob nun die Partei immer recht hat oder der eingebildete Freund im Himmel, oder einfach: “das Buch”, das ist ja eigentlich egal und bringt in beiden Fällen eine Menge Mißbrauchspotenzial mit sich. Für Dogmatiker reicht es ja schon, mal eben “Marx”, “Hayek”, “Jesus” oder “Mohammed” zu sagen, und schon hat der Drops gelutscht zu sein…

    Gabs denn mal sowas wie “demokratischen Sozialismus” in letzter Zeit, an dem man sich orientieren könnte? Könnte sein. Ich will jetzt nicht mit Allende anfangen (führt erfahrungsgemäß zu kniffeligen Debatten von erstaunlicher Verkrampftheit, und soviel weiß ich auch nicht darüber), aber wie wäre es, mal einen Blick nach Skandinavien zu werfen? Der schwedische “dritte Weg” gilt für Konservative ja schon auch irgendwie als “kommunistisch”, darum dürfte er hier zählen. Und wenn man sich mal eine Liste aufmalt mit allen bisher realexistierthabenden Wirtschafts-, Politik- und Sozialsystemen sowohl kapitalistischer, sozialistischer und sonstwieistischer Ausrichtung, dann dürfte besagter schwedischer Weg in Sachen Lebensqualität und Stabilität doch ziemlich bis ganz weit oben stehen.
    Und dafür braucht man nicht mal ne Revolution.

  • Theeuropean-placeholder
    Max G. – 18.01.2011 - 13:52

    Wie definiert sich eigentlich ein sozialistisches Land?

    Brasilien will dieses oder nächstes Jahr das bedingungslose Bürgergeld einführen bzw. ausweiten.

    Ich finde das ziemlich sozial und man hat endlich ein großes Land, an dem sich andere ein Beispiel nehmen können.

  • Theeuropean-placeholder
    völlig wurscht – 04.04.2011 - 01:54

    Religiöses Denken und Handeln hinterließen/ hinterlassen keine Leichenberge? Habe ich was verpasst? Caritas aus katholischem Munde hatte auch nicht immer den Wert, den es haben sollte. Allerdings auch heute noch nicht. Also was soll dieser Vergleich. Das ist wirklich total blind gedacht.

  • Theeuropean-placeholder
    Alex Simmek – 04.05.2011 - 11:22

    Pfui sich über die unklare Definition aufregen und Opfer zählen und am Ende steht wieder dieser widerliche von Matussek so gern zitierte Text der mutmaßlich aus den Federn geistig verwirrter stammt und der bestimmt mehr Tote gefordert hat als der Kommunismus. Nun ist ja allein über diese Zahlen noch nicht allzu viel gesagt, doch wenn man bedenkt, dass beides menschenfeindliche Ideologien sind, sollte man dem einen nicht das andere vorziehen

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