Als Mark Zuckerberg im Film “Social Network” seinen Kumpel Eduardo Saverin, der ihm doch geholfen hat, diese Harvardstudentenklitsche Facebook aufzuziehen, weggemobbt und sich ausgerechnet den (zugegebenermaßen nicht uncoolen) Justin Timberlake alias Sean Parker ins Boot geholt hatte, war es um Markus, meinen Sohn, geschehen.
Wie löscht man sein Profil?
“Das reicht!”, rief er. “Ich kündige, ich mach da nicht mit, was ist das denn für eine üble Type.”
Und konsequent, wie nur 16-jährige Weltverbesserer sein können, ging er in sein Zimmer, setzte sich vor seinen PC und rief noch: “Wie löscht man sein Profil?” Er hat sich entschieden: “Facebook – gefällt mir nicht mehr.”
Das hätte eigentlich nicht ungelegener kommen können für Mark Zuckerberg, den reichsten 26-jährigen Nerd der Welt, denn gerade war seine digitale Quasselbude von den Analysten von Goldman and Sachs auf 50 Milliarden Dollar taxiert worden. Zuckerberg übrigens hatte die Reaktion meines Sohnes auf den wenig schmeichelhaften Film “Social Network”, der die Gründergeschichte Facebooks nacherzählt, vorausgeahnt. Er hatte kurz nach dem Filmstart 100 Millionen Dollar für Schulen in Newark gestiftet.
Moral zählt vielleicht doch, mag er sich gesagt haben
Allerdings hatte sich das nicht bis zu Markus durchgesprochen. Es hätte auch nichts an seinem Entschluss geändert. Er zog Facebook den Stecker.
Die Frage für ihn: Kann ein Verräter Wohltäter sein? Noch Grundsätzlicher: Kann aus Bösem Gutes kommen? Und umgekehrt: Kann man verhindern, dass das naive Mitteilungsbedürfnis eines Partyspiels mit all seinen Bekenntnissen, all seiner Profilierungslust abgeschöpft wird und in die Kälte eines Imperiums Orwell’scher Überwachungsparanoia überführt wird, in eine merkantile Verwertungsdiktatur mit dem Endziel des totalen Profits?
Wie wichtig ist Moral? Und: Kann Unmoral einen Geschäftsplan verhageln?
Wenn man den Film so ernst nimmt, wie es mein Sohn tat, und die autistische kalte Maske des Computernerds Zuckerberg (glänzend: Jesse Eisenberg) im Widerschein seines Laptop-Monitors betrachtet, kann die Antwort nur heißen: brrrrh! Der macht den Stalin, wenn es drauf ankommt.
Aus dem Spiel wird Ernst
Das Gesicht: ganz regloser Voyeurismus. Es schaut auf das soziale Netz mit seinen Flirts und Freudenausbrüchen und Pöbeleien, seinen Tiraden und Lyrismen, auf dieses ganze bunte Spektrum menschlicher Stimmungen mit der emotionslosen Anteilnahme eines Insektenforschers. Und so wird aus dem Spiel dann doch Ernst.
Der unschuldige Enthusiasmus, mit dem die Supermaschine Facebook befeuert wurde, wird sich nun mit der nun ganz offiziellen Ankunft der Männer von der Großbank in einen Eisregen verwandeln, der über die Gemüter in dieser halb anarchischen, vermeintlich unbeaufsichtigten (und unaufgeräumten) Kinderzimmer-Nischenkultur hinwegfegt.
Bisher nährte sich der Facebook-Mythos noch vom Ursprungsleichtsinn einer Cocktailparty. Jeder lernte jeden kennen. Man griff über den engsten Freundeskreis hinaus, nur so konnte es zu geschätzten 500 Millionen Mitgliedern kommen. Freundschaftsanfragen wurden nur rudimentär gescanned, auf soziale Auffälligkeiten wie rassistische oder antisemitische Einstellungen, sonst war alles okay. Eigentlich konnte jeder Zweite durchschlüpfen.
Doch jetzt kommt der Argwohn, und sei es möglichen Escort-Piranhas gegenüber oder getarnten Abzockern, die unter netten Gesichtern und Unschuldsprofilen nach Kundennamen fischen.
Die Rollläden gehen runter
Jetzt kommt das Schutzinteresse. Jetzt gehen die Rollläden runter. Jetzt wird es dann doch nur noch darum gehen, Belanglosigkeiten auszutauschen oder Belangvolles bis zur Unbrauchbarkeit in die Verhüllungscodes zu kleiden, die für den Verkehr unter den Bedingungen von Diktaturen galten. Und damit ist die Party vorbei.
Mit anderen Worten: Ich würde erst mal abwarten, bevor ich Facebook in mein Portfolio lege. Autos oder Waschmachinen kann man anfassen, Stimmungen dagegen kommen und gehen. 50 Milliarden Dollar soll Facebook wert sein, mehr als VW und Thyssen-Krupp zusammen?
Sicher, in Facebook ist, wie Börsenprofis über Internet-Start-ups während der letzten Dotcom-Blase zu sagen pflegten, “Fantasie drin”. Meiner Ansicht nach zu viel. Man kann so leicht aussteigen. Und das werden, nach der ersten richtig großen Sicherheitspanne, viele tun.
“Markus!”
“Ja, Papa!”
“Wie hast du dein Profil gelöscht?!”
Leserbriefe
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Wie kann ihr Sohn den Film eigentlich scchon “im Widerschein seines Laptop-Monitors” sehen, wo andere noch ins Kino müssen?
Sie haben Herrn Matussek wohl missverstanden. Es ist Zuckerberg dessen Gesicht “im Widerschein seines Laptop-Monitors ” fahl beleuchtet wird.
Na, lieber Matthias Matussek, Sie sollten tatsächlich vielleicht mal versuchen, Ihr Facebook-Profil zu löschen. Das ist so wenig möglich, wie aus der katholischen Kirche auszutreten – einmal getauft, gehörst du ein für alle Male dazu: Sie können Ihr Facebook-Profil nur deaktivieren, nicht löschen.
Ähm.
https://www.facebook.com/help/contact.php?show_form=delete_account
Für alle, die Ernst machen wollen:
https://ssl.facebook.com/help/contact.php?show_form=delete_account
War schön mit euch.
Zwei Dumme, ein Gedanke. :-)
O.K., nur ein Dummer. Und der war ich. – Danke für den Tipp!
Nach Ablauf von vierzehn Tagen teste ich dann mal, ob mein Account tatsächlich gelöscht worden ist.
Gratuliere, Ihr Sohn hat Charakter!