Die Demokratie ist keine Frage der Zweckmäßigkeit, sondern der Sittlichkeit. Willy Brandt

Sehnsucht nach Identität

Die Debatte, die um Thilo Sarrazins Buch ausgebrochen ist, ist nicht nur eine über Integration, sondern auch darüber, was wir für wichtig halten. Sie ist überfällig.

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Nur ein paar Wochen hat es gedauert, bis Thilo Sarrazins Buch von der Kanzlerin doch noch als äußerst hilfreich erkannt wurde. Genauer: ein paar Wochen und eine Million verkaufter Exemplare. Der Autor ist zwar nach wie vor geächtet, aber sein Buch ist das politische Brevier des Tages, denn nun läuft der ganz durchschaubare politische Opportunismus zur Höchstform auf: Ob Merkels CDU oder Gabriels SPD, die Parteien übergipfeln sich derzeit in Forderungen nach “hartem Durchgreifen” gegen “Integrationsverweigerer”, ja, sie überholen Sarrazin rechts und links wie im Schlussspurt einer Radtour. Rund eine Million Buchkäufer – was für ein Wählerpotenzial!

Wiederkehr der Leitkultur

Mit Sarrazins melancholischer Warnung “Deutschland schafft sich ab” kehrt jedoch noch ein weiterer Begriff in die Arena zurück, der einst ebenfalls – gemeinsam mit seinem Erfinder Friedrich Merz – vor die Tür gesetzt wurde: der der “Leitkultur”. Den fand man nationalistisch und sogar rassistisch. Jetzt spricht sogar SPD-Chef Sigmar Gabriel in Talkshows so gewichtig von Leitkultur, als habe er den Begriff selber geprägt. Für die CDU wird sie ein zentraler Begriff auf dem kommenden Parteitag sein.

Ja, der politischen Kaste dämmert allmählich, dass eine der eigentümlichsten Unterströmungen der Globalisierung darin besteht, dass die Sehnsucht nach Identität wächst. Anders gesagt: Je internationaler die Welt, desto nationaler das Gefühl. Sarrazins Buch ist eines, das dieses Bedürfnis spiegelt. Wir Deutschen hatten dieses Gefühl bisher, argwöhnisch beäugt von politisch korrekten Sprachaufsehern und Gesinnungspolizisten, von rechten Randgruppen verhandeln lassen und dort unter der Ladentheke.

Dabei ist die Reflexion auf das Eigene ein so natürlicher Impuls, dass er nahezu als anthropologische Konstante angesehen werden kann. Es ist wie auf der Website von earth.google.com: Man hat den ganzen Planeten, aber man versucht zuerst, das eigene Land, die eigene Stadt, das eigene Haus zu orten. Man versucht, sich selber auf den Kopf zu schauen, und das ist fremd genug und genau das, wovon der Prinz träumt in Büchners “Leonce und Lena”. Man will erst mal das kennenlernen, wo man herkommt.

Wir müssen uns identifizieren

Und nun stellt sich die Identitätsfrage neu. Und zwar durch die Migranten, die wir “integrationsunwillig” nennen. Durch diejenigen also, die nun ihr Eigenes in unsere Gemeinschaft importiert haben. Ihre Religion, ihre Sitten, ihre Traditionen, ihre Sprache. Und die daran ganz natürlich festhalten. Sie sollen nun so deutsch wie möglich werden. Allerdings, und da hat die türkische Journalistin Mely Kiyak völlig recht: “Wieso erwartet man von uns überhaupt, dass wir uns mit Deutschland identifizieren, wenn selbst die Deutschen es nicht tun?”

Wo sie recht hat, hat sie recht. Wir haben Probleme mit uns. Tradition? Eher nicht. Wie schreibt man Goethe noch mal? Hat Schillers “Wallenstein” tatsächlich ein Maschinengewehr gehabt, wie wir es im Theater gesehen haben? Darf man im Kölner Dom rauchen? Es sieht so aus, als müssten wir erst mal eine Leitkulturdebatte mit und für uns selber führen.

Wir hatten uns nach der Hitlerkatastrophe daran gewöhnt, das lässige Abwerfen unserer kulturellen Identität als demokratischen Erziehungserfolg zu feiern. Nie wieder Deutschland. Die Älteren tauchten ein in das Vergessensbad Tiroler Trachtenfilme, die Jüngeren in die amerikanische oder britische Popkultur, wir waren entweder regional oder global, nur deutsch möglichst nicht mehr.

Die große Ausstellung im Historischen Museum 2006 zur deutschen Geschichte hat das geändert. Sie lieferte Koordinaten für ein neues, ein unverkrampfteres Nationalgefühl, für das also, was als Leitkultur gelten kann.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Peter – 29.10.2010 - 11:01

    Sie haben meine absolute Zustimmung, danke für diesen Artikel.

  • Theeuropean-placeholder
    Matthias – 29.10.2010 - 15:18

    “Je internationaler die Welt, desto nationaler das Gefühl.”

    Was für ein Blödsinn. Genau das Gegenteil ist der Fall.

  • Theeuropean-placeholder
    Ludi_Chris – 29.10.2010 - 16:16

    Sehr geehrter Herr Matussek,

    ich habe nicht den Hauch eines Zweifels, dass Sie mit Ihren Worten vielen Menschen aus der Seele sprechen – sowohl hinsichtlich Ihrer Bewertung des Pamphlets von Herrn Sarrazin als auch hinsichtlich der Forderung nach einer ‘freien’ Diskussion über die so genannte “Leitkultur”.

    Das alles nimmt kaum wunder. Wer sich die Mühe macht, Daten und Fakten zur Kenntnis zu nehmen, weiß um die zunehmende und zunehmend lauter werdende Xenophobie in Deutschland. Auch Sarrazins Buch war alles andere als eine Überraschung, der ehemalige Berliner Finanzsenator hat nie einen Hehl aus seinen menschenverachtenden Ansichten gemacht und die Medien stets zu nutzen verstanden.

    Bemerkenswert an Ihrem Artikel ist, neben Formulierungen wie “argwöhnisch beäugt von politisch korrekten Sprachaufsehern und Gesinnungspolizisten”, dass er mit keinerlei Argumenten aufwartet. Statt dessen werden zwei Behauptungen miteinander verknüpft: jene “Sehnsucht nach Identität” und die ‘Notwendigkeit’ eine “Leitkulturdebatte” zu führen.

    Darüber wäre viel zu sagen. Ich will es aber bei einem Zitat aus einem ebenfalls heute (in der NYT) erschienenen Artikels belassen: “This discourse is in turn reinforcing trends toward increasing xenophobia among the broader population.”

    Mit freundlichen Grüßen,

    Ludi_Chris

  • Theeuropean-placeholder
    Zeitzeuge – 29.10.2010 - 18:05

    Herr Mattusek ich bin ihnen dankbar für diesen Beitrag !

    Ich denke das viele Kulturschaffende,Interlektuelle und Politiker sich eigentlich nichts sehnlicher wünschen zu ihren gewohnten Freund Feind Bild zurückzukeheren . Da war man sich noch sicher das dumme Volk vor sich selber schützen zu müssen und nur genügend Überzeugungsarbeit zu leisten damit sie es auch begreifen. Finde einen Artikel “Der Zorn der kleinen Leute” im Cicereo von Frank A. Meyer trifft es besonders gut.
    http://cicero.de/97.php?ress_id=4&item=5419
    Es ist auch sehr wohl wahr das wir als Deutsche uns selbst erst mal vergegenwärtigen müssen was es heißt deutsch zu sein ! Das wir mit unsere eigenen Identität Probleme haben ist wohl unstrittig. Dabei haben wir allen Grund dazu auch stolz darauf zu sein was dieses Land geleistet hat! Kulturel wie Wirtschaftlich . Ohne die dunklen Kapitel deutscher Geschichte zu leugnen.
    Ich kann Herrn Sarrazin nur bewundern , gehe auch davon aus das die allermeisten seiner Thesen nicht ,bzw. nicht grundsätzlich zu widerlegen sind !
    Meiner Meinung nach ist er ein Patriot der etwas zum Wohle des Landes bewirken will!
    Ein Zitat von von ihm zum Verständnis seiner Beweggründe: " Wenn nan so lange dem Staat dient bleibt es nicht aus das man ihn liebt !" Und : "Illoyal war ich nie ,unabhängig zu jeder Zeit! "
    In diesem Sinne würde ich mir mehr solch ehrliche und authentische Kommentare wünschen !

  • Theeuropean-placeholder
    Trashcansinatra – 29.10.2010 - 18:26

    Ich wäre ja schon zufrieden, wenn man sich auf eine “abendländische” oder “kontinentaleuropäische” Leitkultur einigen könnte.

    Aber soviel “gesundes Kulturempfinden” ist für manch einen Gutmenschen oder Salonpazifisten schon “Autobahn” …

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