Die Beamten laufen bleich und übel riechend herum, weil die Arbeitsbelastung so hoch ist. Thilo Sarrazin

Zum Aderlass

Putins Popularität stützt sich auf das Bild des willensstarken Anführers – doch hinter den Kulissen gibt es Probleme, die sich mit Rhetorik und Medienbildern nicht lösen lassen.

Wladimir Putin hat beschlossen, noch einmal als Präsident zu kandidieren und kommunizierte damit laut und deutlich die dauerhafte Rückkehr der Stabilität.

Putins sorgfältig orchestrierte Krönung vor Zehntausenden Parteianhängern am 24. September enthielt aber eine noch andere Botschaft: Sie erinnerte an alte Zeiten, als in Moskaus Versammlungshallen glühendes Lob für das glorreiche Mutterland, dessen edle Führer und die ehrgeizigen Pläne der Partei für die Zukunft widerhallte. Wladimir Putin ist kein Kommunist und Russland nicht die Sowjetunion, aber mit der Wiederherstellung einer Einparteienregierung ist Russlands Gesellschaft viel weniger dynamisch und in vielerlei Hinsicht schwächer geworden.

Sicherheit statt Entbehrungen

Paradoxerweise ist der Putinismus in Russland gleichsam erfolgreich und auch sehr beliebt, weil er das Gegenteil verspricht. Im Gegensatz zu den willensschwachen, gestrigen Liberalen wird Putin als strenger und entscheidungsfreudiger Führer angesehen, unter dessen Führung die Entbehrungen und Schäden des post-sowjetischen Jahrzehnts durch Stabilität und Sicherheit ersetzt wurden.

Selbst wenn Putin und seine Partei die kommenden Wahlen ohne Gewalt oder Betrug gewinnen, wird Russland alles andere als eine lebendige Demokratie sein. Während des vergangenen Jahrzehnts hat der Putinismus das Land stetig seines Kernvermögens beraubt: Mehr als eine Million Hochschulabsolventen haben das Land verlassen und mehrere Milliarden Dollar pro Jahr ebenfalls. Putin kann nicht umhin, eine sich bedrohlich abzeichnende Haushaltskrise zuzugeben, da die Öl- und Gas-Erträge im nächsten Jahrzehnt nicht steigen werden, die Bevölkerung aber altert und die Kosten für Sozialhilfe, Gesundheitsvorsorge und Erhaltung der Infrastruktur weiter steigen. Nach Westen auf die Krise der Eurozone und nach Süden zum Arabischen Frühling schauend, erkennt Putin, dass ihm bald nicht nur finanzieller, sondern auch politischer Tumult begegnen wird, außer er beschwichtigt Bürger und fördert das Vertrauen der Investoren.

Putin weiß, dass Russlands Zukunft ohne Modernisierung düster aussieht, weshalb er Medwedews Rhetorik diesbezüglich unterstützt und immer mehr selbst angenommen hat. Russland hat noch immer eine vergleichsweise gut ausgebildete und qualifizierte Bevölkerung, die in der Lage ist, Neuerungen einzuführen und die Wirtschaft zum Wachsen zu bringen. Diese menschlichen Wachstumsmotoren befinden sich aber im Leerlauf aufgrund des hemmenden Einflusses der durchdringenden und tief verwurzelten Korruption. Auf lange Sicht ist Putins Herausforderung, die Korruption operativ in Angriff zu nehmen, während er sie auf dem strategischen Level toleriert, gar abhängig von ihr ist. Diesen Widerspruch konnte noch kein russischer Autokrat auflösen.

Putin erkennt den Aufstieg Asiens und sucht einen prominenten Platz für Russland in diesem „pazifischen Jahrhundert“. Dennoch kann er die jahrhundertealte russische und sowjetische Voreingenommenheit nicht ungeschehen machen, welche die Asiaten verunglimpfte und zur Konzentration des Reichtums, der Bevölkerung und der Infrastruktur des Landes westlich des Urals geführt hat.

Wiederherstellung des Selbstvertrauens

Aus Angst vor der ungehemmten Macht der USA einerseits und der zunehmenden Macht von Staaten wie China, Indien und der Türkei andererseits, wird Putin ebenso am Platz Russlands am Tisch alter Clubs wie dem UN-Sicherheitsrat und der G8 festhalten wie auch an dem neuer Clubs wie der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit und den BRIC-Staaten. Aber ohne die Hebelwirkung eines Wachstums der Wertschöpfung und gefestigter Handelsbeziehungen, kann Russland nicht zu einer globalen Führungsmacht aufsteigen.

Putinismus ist hauptsächlich die Wiederherstellung materiellen Wohlstands und des Selbstvertrauens, was die Russen unter ihren inkompetenten Führern von der späten Sojwet-Zeit bis zum vergangenen Jahrzehnt verloren haben. Aber die Abhängigkeit des Staates von gelenkter Demokratie und Rentenökonomie erstickt Russlands kreative Energie und beschränkt sein gewaltiges Potenzial.

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Malvin Oppold, Leonid Luks, Peter Schulze.

Leserbriefe

Aus der Debatte

Russische Politik

Putinfreunde

Big_bdf5e6410b 1

Die Russlandberichterstattung verliert an Niveau, oberflächliche Urteile sind normal. Wer das kritisiert, wird schnell als Putinfreund abgestempelt – ein demokratisches und glaubwürdiges Vorbild sind wir damit nicht.

Small_6a311b59cf
von Malvin Oppold
08.05.2013

Demokratie à la carte

Big_e7f797a561 2

Wladimir Putin scheint der beste Beweis, dass sich Russland mit Demokratie schwer tut. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt jedoch: Die Wahrheit ist komplexer, als wir annehmen.

Small_faa5baa645
von Leonid Luks
01.05.2013

Im Abseits

Big_f395f83017 1

In Deutschland macht sich eine anti-russische Stimmung breit. Putins europäischen Kritikern geht es dabei nicht um Menschenrechte, sondern um handfeste geopolitische Interessen.

Small_eaa6e7fd78
von Peter Schulze
08.04.2013

Mehr zum Thema: Russland, Wladimir-putin, Dmitri-medwedew

Debatte

Deutsche Berichterstattung über Russland

Medium_bdf5e6410b
1

Putinfreunde

Die Russlandberichterstattung verliert an Niveau, oberflächliche Urteile sind normal. Wer das kritisiert, wird schnell als Putinfreund abgestempelt – ein demokratisches und glaubwürdiges Vorbild si... weiterlesen

Medium_6a311b59cf
von Malvin Oppold
08.05.2013

Debatte

Russischer Sonderweg in der Demokratie

Medium_e7f797a561
2

Demokratie à la carte

Wladimir Putin scheint der beste Beweis, dass sich Russland mit Demokratie schwer tut. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt jedoch: Die Wahrheit ist komplexer, als wir annehmen. weiterlesen

Medium_faa5baa645
von Leonid Luks
01.05.2013

Debatte

Europas Beziehung zu Russland

Medium_f395f83017
1

Im Abseits

In Deutschland macht sich eine anti-russische Stimmung breit. Putins europäischen Kritikern geht es dabei nicht um Menschenrechte, sondern um handfeste geopolitische Interessen. weiterlesen

Medium_eaa6e7fd78
von Peter Schulze
08.04.2013
meistgelesen / meistkommentiert