Sind Sie heute Morgen aufgewacht, haben sich die Augen gerieben, sich im Bett gestreckt, sind zum Fenster gegangen, haben Ihre Gardine zur Seite geschoben und dann laut aus dem Fenster gerufen: „Hurra, wir leben noch!“?
Ich gebe zu: Ich auch nicht.
Allerdings müssen wir zugeben, dass die Versuchung sehr naheliegt. Ständig sehen wir neuen Katastrophen ins Auge, die unser tägliches Zusammenleben zu einer Frage des Überlebens machen: Eine Euro-Krise jagt die nächste und lässt uns nachts schweißgebadet und zitternd aufwachen, aus Angst, es könnten nicht genug Rettungsschirme für uns alle an Bord sein. Oder wir verfallen am Schreibtisch plötzlich in Schockstarre, weil in uns die dunkle Vorahnung wächst, dass wir bald keinen Außenminister mehr haben. Und die brennenden Autos erst, Sie wissen schon, die Dinger, die gerade in Berlin reihenweise die Nacht zum Tag machen – schlafen Sie nachts schon im 70er-Jahre-Privatbunker unter Ihrem Reihenhaus? Oder ziehen Sie sich eine Linie fein gemahlenen Pfeffer durch die Nase, nur um zu spüren, dass Sie noch leben, wenn Sie sehen, wie die Feuilleton-Konservativen jetzt reihenweise die eigenen lebenslangen Überzeugungen als Irrungen entlarven und die Linken links überholen wollen? Und nicht zu vergessen: Die Konjunktur bricht ein, die Konjunktur bricht ein, die Konjunktur bricht ein!
Es geht ums Überleben
Wie, all das lässt Sie kalt? All das sind für Sie nur mediale Themen, die Sie zwar gespannt im HD-TV verfolgen, aber in Ihrem persönlichen „Tag ein, Tag aus“ keine Rolle spielen? Sie begreifen aber schon den Ernst der Lage, oder?
HIER GEHT ES UM UNSER ALLER ÜBERLEBEN!!! Wachen Sie endlich auf!
Deshalb schallt es schon aus vielen sozialdemokratischen Mündern: Was uns jetzt nur noch retten kann, sind Neuwahlen. Mit ganz realistischen Chancen auf eine rot-grüne Regierung. Jetzt. Sofort. Auf der Stelle. Schwarz-Gelb am Boden und vielleicht ohne Kanzlerinnenmehrheit. Was für eine historische Chance! Was für eine historische Pflicht! Neuwahlen sofort!
Ich verstehe diese Anflüge, aber ich möchte ein Bremsklotz sein. Ich möchte, dass diese Regierung bis zum Wahltermin 2013 durchhält. Ich möchte sogar, dass Westerwelle Außenminister bleibt.
Ich möchte, dass sich Schwarz-Gelb weiter so durchwuselt. Ich möchte weiter einen rhetorischen Schwenk von rechts nach links und wieder zurück erleben. Ich möchte weiter zuschauen, wenn konservative Überzeugungen über Bord geworfen werden. Ich möchte den Eiertanz einfach noch eine Weile mittanzen. Was glauben Sie denn? Das ist großes Popcorn-Kino für mich.
Großes Popcorn-Kino
Aber ich erwarte auch, dass die Sozis die Zeit nutzen. Dass sie sich wirklich regierungsreif aufstellen: Die handelnden Personen urwählen, Themen finden, die über das „Klein-Klein“ hinausgehen und ich erwarte, dass die Sozis sich nach der Berlin-Wahl mit den Grünen zusammensetzen, um Perspektiven und Leitlinien für ein neues rot-grünes Bündnis auszuloten, um dieses frühzeitig und offensiv gemeinsam nach außen zu vertreten.
All das braucht Zeit, Willen und Muße – und keine schnellen Wahlsiege. Wenn das aber klappt, dann halte ich es hier noch ein wenig in meiner Erdhöhle aus und harre der Dinge, die da kommen mögen.
Und beim Regierungswechsel rufen wir dann gemeinsam: „Hurra, wir leben noch.“ Deal?


















