Im Umgang mit der Sprache steht der Schriftsteller vor der Aufgabe, eine allgemeine Dirne zu einer Jungfrau zu machen. Karl Kraus

Die Qual des Mitmachens

Partizipation findet im Netz statt, klar. Doch wer von uns hat überhaupt schon einmal eine Petition online unterzeichnet? Kaum jemand. Das muss sich ändern. Ein Plädoyer für ein sozialdemokratisches Dafürsein im Netz.

Wobei haben Sie das letzte Mal mitgemacht? Woran haben Sie sich in letzter Zeit aktiv beteiligt? So gesamtgesellschaftlich gesehen, meine ich. Keine Ahnung? Also genauer: Wann waren Sie das letzte Mal auf einer Demonstration, oder wann haben Sie sich das letzte Mal die öffentlich ausliegenden Verfahrensunterlagen für ein beliebiges Großbauprojekt Ihrer Wahl angeschaut und Fragen gestellt? Wann waren Sie das letzte Mal im Bürgerbüro Ihrer Bundestagsabgeordneten? Oder wann haben Sie eine E-Mail an eben diese geschrieben? Waren Sie einmal Mitglied einer Partei?

Direkt und online und einfach

Sie finden, dass das alles Fragen der Vergangenheit sind und Beteiligung heute anders funktioniert, nämlich online und schnell und direkt und einfach und sowieso? Okay, dann frage ich Sie einmal so: Welche ePetition haben Sie zuletzt mitgezeichnet, oder auf welchem Beteiligungsportal haben Sie sich vor Kurzem eingebracht? Und so weiter und so wenig.

Ich wette mit Ihnen, so viel kommt da nicht. Auch nicht von Ihnen. Das ist aber kein Grund, sich zu schämen, die wenigsten Menschen nutzen bestehende Partizipationsangebote im Internet, um tatsächlich etwas zu verändern. Zumindest in Deutschland. Und wieder zwei Fragen: Warum ist das so und was hat das, in drei Teufels Namen, mit der SPD zu tun, um die es ja in dieser Kolumne nun einmal eigentlich geht?

Die erste Frage kann ich sofort aufklären und ich hoffe, Sie damit in dem Maße zu provozieren, dass wir uns danach unten in den Kommentaren um die Deutungshoheit über die einzig wahre Wahrheit verbal duellieren können.

Ganz einfach: In Deutschland haben sich irgendwann irgendwelche in irgendeinem dunklen Raum darauf verständigt, dass sich Beteiligung im Netz nur immer über das „Gegen etwas“ ausdrücken darf: Das heißt, es wird nur nach Kräften mobilisiert und aus allen Rohren geschossen, wenn es darum geht, sich „Gegen etwas“ zu positionieren. Nicht dass wir uns da falsch verstehen, meist sind das sehr berechtigte Abwehrreaktionen gegenüber grobem (netz-)politischen Unsinn, die nicht nur notwendig, sondern auch sehr erfolgreich sind. Aber aus diesen nachweisbaren Erfolgen ist kein Selbstbewusstsein der netzaktiven Menschen entstanden, mehr noch, sie wissen nicht einmal, wie viel Macht sie in den Händen halten und schaffen es deshalb auch nicht, diese positiv und progressiv zu nutzen, um unsere Gesellschaft wirklich voranzubringen.

Dafür statt Dagegen

Deshalb gibt es nicht ein einziges deutsches netzpolitisches Projekt, das sich „Für etwas“ ausspricht und damit auch noch erfolgreich war. Das ist ein Armutszeugnis und das stelle ich nicht der Politik aus, sondern all denen, die immer mehr Beteiligung fordern, mehr Transparenz und Offenheit. Sie alle besitzen die Fähigkeiten, die Netzwerke und die Werkzeuge, um viele Menschen zu mobilisieren und Positives zu bewegen. Aber lieber reiht man einen Shitstorm nach dem anderen aneinander, bis man sein eigenes Brett vorm Kopf nicht mehr sieht.

Diese drei Absätze sollten als Beantwortung reichen und Ihr eigenes „Dagegensein“ provozieren.

Zur zweiten Frage: Was hat das mit der SPD zu tun? Nun, an zwei Stellen im Netz können Sie jetzt all das von mir Geschriebene widerlegen: 1. Hier, beim ersten Onlineantrag der SPD für einen Bundesparteitag und 2. dort: bei dem von mir mit initiierten Mitmach-Portal.

So einfach ist es. Und jetzt Sie: Überraschen Sie mich.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Steffen Voß – 10.08.2011 - 09:26

    Ich möchte ergänzen, dass die SPD in Schleswig-Holstein gerade ein recht umfangreiches, kombiniertes Online-/Offline-Beteiligungsprojekt laufen hat: http://www.demokratiesommer.de/

    Die Ergebnisse dieses Prozesses fließen dann in das nächste Regierungsprogramm ein.

  • Theeuropean-placeholder
    WMKW – 10.08.2011 - 17:04

    Ein Online-Portal unter der Flagge der SPD brauche ich nicht: Wenn die SPD von mir wissen will, was sie ändern soll, dann kann sie sich gern meine Anfragen auf abgeordnetenwatch.de anschauen, was über jeden parteipolitischen Zweifel erhaben ist. Das gleiche gilt für das Mitmach-Portal: Ich bin nicht daran interessiert, wie ich “die SPD” gern hätte, sondern ich wähle die Partei, welche meinen Interessen am Nächsten kommt. Welche Partei das sein könnte, das können Sie gern auf meinem Blog nachlesen. Ansonsten bleibe ich bei abgeordnetenwatch.de und epetitionen.bundestag.de, wobei ich bei Letzterem die Zeichnungsschwelle, um in das Bewußtsein der Politiker zu rücken, für eine Farce halte.

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