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„Die permanente Wiederholung ist wichtiger denn je“

Wie sollte Pop heute klingen? Auf jeden Fall nicht wie David Guetta, meint DJ und Labelbetreiber Mathias Modica. Ein Gespräch über erfolgreichen Underground und Schweißgeruch beim virtuellen Stones-Konzert.

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The European: Mathias, 15 Jahre „Gomma Records“. Wie fühlt sich der Geburtstag an?
Modica: Ich hatte das eigentlich gar nicht auf dem Schirm, bis mich jemand von außen darauf hinwies. Fühlt sich sehr gut an, weil es besser läuft als je zuvor. Ich habe das Gefühl, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen haben und den wollen wir jetzt weiterlaufen.

The European: Was hat sich nach deiner Meinung als Musiker und Labelbetreiber am meisten in den letzten 15 Jahren verändert?
Modica: Im Vordergrund stehen natürlich erst mal die technischen Veränderungen. Als wir 2000 anfingen, waren Vinyl und CD noch die wichtigsten Medien. Heute sind es Spotify oder iTunes. Das spielt einem kleinen Label wie uns in die Karten.

The European: Wie kommt’s?
Modica: Gerade ein kleines Label wie wir, was eine weltweite Fangemeinde hat, kann sich viel besser vermarkten. Vor 15 Jahren nahmen Künstler ein Album auf, dann wurde das 10.000-mal gepresst und dann musst du in jedem Land für Promo sorgen. Das ist ein Riesenaufwand und kostet eine Stange Geld. Heute schicke ich die Alben einfach an ein paar befreundete Blogs oder mache über die sozialen Netzwerke Werbung dafür. Ohne großes finanzielles Investment erreiche ich so Menschen weltweit.

The European: Unterscheidet sich dadurch die Gründung und die Arbeit eines Labels grundlegend?
Modica: Es ist heute schwieriger geworden, weil es so viele kleine Labels gibt – 3 Releases, und schon wird der Laden wieder dicht gemacht. Das ist das Schicksal der kleinen Labels. Aber das führt dazu, dass der Markt durch diese Masse an kleinen Releases total überfüllt ist mit No-Names und halbgaren Produkte. Gomma hat sich über 15 Jahre einen gewissen Bekanntheitsgrad erarbeitet und das zahlt sich aus.

The European: Kommt diese gegenseitige Kannibalisierung der kleinen Labels letztendlich den großen Labels zugute?
Modica: Es braucht die kleinen Labels, die als Underground gefeiert werden. Die sind oft mutiger als die großen Labels und bringen die gesamte Musikbranche dadurch voran. Aber diese sind meist nicht in der Lage, dem Künstler das zu bieten, was es braucht, um groß rauszukommen. Wer also Karriere machen will, geht zu den Majors oder braucht ein Independent-Label, das Erfahrung und gewachsene Strukturen hat. War aber schon immer so.

„Wir dürften nicht erfolgreich sein“

The European: Viele der Labels, die man heute als sehr prägend ansieht – Rough Trade, Underground Resistance, Island oder Factory – und zu Majors wurden, starteten als Underdogs. Können solche Geschichten heute noch geschrieben werden?
Modica: Wieso nicht? Im Vordergrund steht ja nach wie vor die Musik, die veröffentlicht wird, und die ist immer noch vielerorts sehr innovativ und prägend. Aber es wird schwieriger für die Underdogs. Der Weg zum Geld ist schwieriger geworden. Aber wer gewitzt die neuen Möglichkeiten ausnutzt, hat heute ganz andere Chancen, Aufmerksamkeit zu erregen. Denn man ist nicht mehr dem Wohlwollen eines PR-Managers ausgeliefert, der entscheidet, ob etwas veröffentlicht wird oder nicht. Heute kann man es selber machen.

The European: Kein Risiko, keine Innovation?
Modica: Na ja, so weit würde ich nicht gehen. Aber es stimmt, die Marke prägt man durch die permanente Wiederholung und das ist bei der Überflut an Veröffentlichungen nun wichtiger denn je. Bei Gomma haben wir ein so breites Musikspektrum, dass wir eigentlich nicht erfolgreich sein dürften. (lacht) Vergessen wir aber nicht, dass auch Labels wie Rough Trade nicht durch die Underground-Sachen reich wurden. Die hatten ein paar Stars wie The Smiths und die Gewinne dieser trugen die kleinen Releases mit.

The European: Künstler wie Amanda Palmer behaupten, man brauche keine Labels mehr, und finanzieren sich über Crowdfunding. Ist das Label ein Relikt vergangener Zeiten?
Modica: Das habe ich so oft gehört. Das mag in Einzelfällen funktionieren, aber um alles alleine zu machen, muss man auch Talent, Lust, Verständnis und Erfahrung auf der Business- und Marketing-Seite haben – das haben nicht viele.

The European: Wie du vorhin meintest, deckt ihr ein sehr breites Spektrum an Musik ab: von Quincy Jones über Schostakowitsch hin zu James Murphy habt ihr euch von vielem inspirieren lassen. Gibt es überhaupt einen generischen Gomma-Sound?
Modica: Der Gomma-Sound ist die Kombination aus verschiedenen Elementen – also: nein! Der Gomma-Sound folgt nicht dem aktuellen Trend, sondern setzt ihm etwas Neues entgegen. Das ist die Gomma-Idee!

The European: Die andere Gomma-Idee ist die Verbindung von Sound und Visuals. Jedes Album kommt in aufwendigem Artwork. Braucht es diese audiovisuelle Verbindung noch in Zeiten des Streamings?
Modica: Ich komme aus einem künstlerischen Umfeld und alles war immer multidisziplinär. Für mich war es also klar, dass Klang- und Bilderkunst Hand in Hand gehen. Ich kann nur das machen, was mir Spaß macht und was ich intuitiv als richtig erachte und das ist meistens etwas, das es in dieser Form noch nicht gab.

„Erneuerung kommt immer aus dem Unerwarteten“

The European: Die CD, die ihr zum Jubiläum veröffentlicht, trägt den Namen „Pop Futuro“ und spiegelt die Grundidee der elektronischen Musik wider: immer nach vorne, nie nach hinten blicken. Ist ein solches Statement im Jahrzehnt der „Retromania“ besonders wichtig?
Modica: Neulich las ich ein Interview mit David Guetta in der „FAZ“, in dem er behauptete, House sei der neue Pop. Das stimmt auch. In Amerika stürmen House-DJs die Charts und selbst Helene Fischer bedient sich an der House Music. House ist plötzlich überall. Pop findet man aber nur noch in der Schmuddelecke, denkt sofort an 80er-Jahre-Sturmfrisuren oder 90s-Bubblegum. Aber Erneuerung kommt immer aus dem Unerwarteten und deswegen greifen wir den Geist des Pop wieder auf. Wir hatten das schon mal, als wir vor 15 Jahren begannen, Ideen aus dem Disco-Universum wieder aufzugreifen. Bei Disco war es ähnlich: wollte niemand mehr hören, war völlig verpönt. Seit 5 Jahren ist es aber für alle wieder selbstverständlich, sich auf stilistische Ideen von damals zu beziehen.

The European: Das Populäre wieder populär machen?
Modica: Es geht primär darum, gegenzusteuern und trotzdem den Nerv der Zeit zu treffen. Das ist nicht immer einfach, denn Trends und dementsprechend auch Anti-Trends ändern sich rasend schnell. 1998 war ich auf der Biennale in Venedig und stellte fest, dass alles nur noch Video-Kunst war – keine Malerei, keine Skulpturen mehr. Drei Jahre später war es dann fast nur noch Malerei. Es gibt in jeder Kunst einen gewissen Trotz, der dafür sorgt, dass jeder Trend seine eigene Antithese beinhaltet, bis diese dann zum eigentlichen Trend wird. Das zieht sich durch alle gesellschaftlichen Phänomene.

The European: Nur rollt diese Trendwelle heute oft rückwärts statt vorwärts. Kulturkritiker wie Simon Reynolds behaupten gar, wir hätten das Ende der Kultur erreicht und würden uns nur noch wiederholen.
Modica: Man dachte auch, dass nach der Abstrakten Malerei und dem Expressionismus nichts mehr kommen könnte. Heute wissen wir es besser. Ich glaube nicht, dass wir am Ende der Straße angekommen sind.

The European: Die Vorliebe für Vergangenes spiegelt sich ja nicht nur im Klang der Musik wider, sondern auch in der Form, wie das Vinyl-Revival zeigt.
Modica: Das hat einfach eine Ästhetik, die heute vielleicht verloren gegangen ist. Und wir wollen auch einfach materielle Dinge besitzen.

The European: Rough-Trade-Betreiber Stephen Godfroy behauptet, man wäre kein Fan, wenn man die Musik nur digital besitzt.
Modica: Da hat er zum Teil recht. Streaming und Downloading sind um einiges praktischer, aber wenn man eine Sache nicht haptisch besitzt, ist es auch viel schwerer, eine enge Bindung dazu aufzubauen und die Sache wird flüchtiger.

The European: Talking-Heads-Frontmann David Byrne schreibt in seinem Buch „How Music works“, dass die Musikindustrie im Gegensatz zu Film oder Literatur den Vorteil hat, dass sie über eine physische Existenz – Konzerte – verfügt, die nicht kopiert werden kann und deshalb überleben wird. Stimmst du zu?
Modica: Du kannst dir Youtube-Clips anschauen, aber das kommt nicht ansatzweise ans Original ran. Aber wer weiß, was die Zukunft bereithält. Vielleicht sitzen wir in 15 Jahren mit 3D-Brillen zu Hause auf dem Sofa, schauen ein Konzert und bekommen das volle Live-Erlebnis. Plötzlich ist es 1974 und du schaust dir die Rolling Stones an. Inklusive Schweiß- und Biergeruch.

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