Wir verlieren unsere Arbeit an Maschinen. Jeremy Rifkin

„Wir müssen uns für unsere Werte nicht schämen“

Martti Ahtisaari und die Europäische Union wurden beide mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Im Gespräch mit Martin Eiermann mahnt der hochdekorierte Diplomat die EU, die ihn sie gesetzten Erwartungen auch zu erfüllen. Außerdem verrät er, was ihn an Angela Merkel beeindruckt und was er nun von Deutschland erwartet.

The European: Herr Ahtissari, eines der Argumente für die europäische Integration stammt vom ehemaligen französischen Außenminister Robert Schuman: Wirtschaftlich voneinander abhängige Staaten bekriegen sich im Normalfall nicht. Hat sich diese Hoffnung bestätigt?
Ahtissari: Ja. Deshalb war ich auch dafür, dass die EU den Friedensnobelpreis erhält. Es hat mich überrascht, dass einige Kommentatoren das so negativ gesehen haben. Die Kritiker hatten eine sehr ahistorische Sichtweise auf Europa. Denn: Wir blicken zurück auf einen langen Frieden in Europa. Und wir merken, dass wir eine noch tiefere politische und wirtschaftliche Integration brauchen. Der Integrationsprozess ist die Erfolgsgeschichte Europas und eine Bestätigung für die Urväter dieser Idee.

The European: Gleichzeitig müssen wir konstatieren: Der europäische Einigungsprozess ist eine der Wurzeln der derzeitigen Krise und ein Grund für die Unzufriedenheit mit Europa.
Ahtisaari: Wir haben vielleicht unterschätzt, wie komplex die Erweiterung der EU von ursprünglich sechs auf heute 27 Mitglieder gewesen ist.

The European: Woran hat sich das gezeigt?
Ahtisaari: Einige der neuen Mitgliedsstaaten haben eine schwierige politische Geschichte und wir realisieren erst heute, wie kompliziert vor diesem Hintergrund der Übergang zu einer wirklichen Demokratie sein kann. Als ich neulich in Polen war, habe ich gesagt: „Ihr seid in einer viel besseren Position, die Länder des Nahen Ostens zu beraten, denn Ihr habt einen ähnlichen Umbruch hinter euch.“ Wir dürfen die Bedeutung solcher Umbrüche nicht unterschätzen. Der Nobelpreis muss als Anregung verstanden werden, weiter auf dem Pfad von Integration und Erweiterung voranzuschreiten. Wenn wir uns andere Preisträger ansehen, wird diese Logik offensichtlich. Durch die Verleihung des Nobelpreises wurde beispielsweise deutlich gemacht, wie wichtig es ist, endlich eine Lösung für den Nahost-Konflikt zu finden.

„Europa braucht Immigranten“

The European: Welche internationale Verantwortung ergibt sich in Zukunft für die EU?
Ahtisaari: Lassen Sie mich ein persönliches Beispiel geben. Unsere Organisation „Crisis Management Initiative“ hat in der indonesischen Krisenprovinz Aceh einen Friedensvertrag ausgehandelt und die EU war dann bereit, gemeinsam mit fünf asiatischen Ländern über dessen Einhaltung zu wachen. Das war ein voller Erfolg und zeigt, wozu die EU fähig ist. Der Nobelpreis hat eine innen- und eine außenpolitische Dimension: Die EU sollte weiterhin eine ähnliche Rolle in der Welt spielen und gleichzeitig die interne Integration vorantreiben. Leider ist diese in den letzten Jahren zum Stillstand gekommen.

The European: Wenn Europäer über die EU reden, spielt die außereuropäische Politik allerdings selten eine Rolle. Diskussionen über Europa sind vor allem nach innen gerichtet.
Ahtisaari: Das müssen sie auch sein! Wir müssen uns endlich aufraffen und die Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Wir müssen die jungen Menschen entlasten, die durch die Krise arbeitslos geworden sind. Und wir müssen sicherstellen, dass sich die Menschen frei zwischen den verschiedenen Mitgliedsstaaten bewegen können. Aufgrund des demographischen Wandels haben wir die Chance, das auch zu schaffen: Wir brauchen Immigration aus anderen EU-Ländern und aus dem Rest der Welt, ansonsten werden wir wichtige Positionen gar nicht besetzen können.

The European: Zwei Themen bestimmten oftmals die Diskussion um Brüssel: Der Dschungel an Gesetzen und die überbordende Bürokratie. Hat die EU die positive Geschichte vom „Friedensraum Europa“ überdauert?
Ahtisaari: Ich fürchte, dass ich bei solchen Themen inzwischen nicht mehr auf die Hilfe der Medien vertrauen kann – vor allem, wenn es um den Austausch zwischen verschiedenen Ländern geht. Ich beschwere mich nicht, sondern ich sehe ganz einfach die Fakten: Medien leben davon, Konflikte zu schaffen. In einem harten Wettbewerb sind solche Schlagzeilen ein Vorteil. Das hat zur Folge, dass Journalisten von Konflikten berichten, egal ob diese wirklich existieren oder nicht. Wir wissen um die Probleme Europas; jetzt müssen wir nach Lösungen suchen. Zwei wichtige Faktoren dabei: Wir brauchen gut ausgebildete Arbeitskräfte und wir müssen uns den Herausforderungen einer älter werdenden Bevölkerung stellen.

The European: Vertrauen Sie dabei auf Brüssel?
Ahtisaari: Generell würde ich nicht in Brüssel nach Lösungen für unsere Probleme suchen. Wir müssen national beginnen und dann untereinander diskutieren. Wenn ein Land gute Erfahrungen gemacht hat, dann sollten diese auch unsere Herangehensweise an bekannte Probleme beeinflussen.

„Die Sparpolitik hat uns nicht handlungsfähiger gemacht“

The European: Sie sprechen von nationalen Ansätzen – ein ungelöster Konflikt in Europa ist das Dilemma zwischen nationalen Interessen und dem Interesse der Gesamtgemeinschaft.
Ahtisaari: Jedes Land hat seine eigenen wirtschaftlichen Interessen, die auch in der Zukunft nicht verschwinden werden. Deutschland hat Eigeninteressen, Finnland hat Eigeninteressen und so weiter. Manchmal überlappen diese, manchmal nicht. Was uns zusammenhält, ist das Wissen, dass wir nur gemeinsam wieder wettbewerbsfähig werden und wachsen können. Die Sparpolitik hat uns nicht handlungsfähiger gemacht.

The European: Sind Jahre der Sparpolitik verlorene Jahre für die EU?
Ahtisaari: Ich glaube daran, dass man auch aus schwierigen Situationen lernen kann. Das Problem ist, dass wir nachlässig werden, wenn es uns zu gut geht. Genau wie das Leben jedes Einzelnen entfaltet sich sozialer Wandel in Schüben. Wichtig ist, zu erkennen, wann ein Umbruch notwendig oder unvermeidbar ist. „Newsweek“ hat Finnland einmal zum lebenswertesten Land der Welt gekürt, aber das bedeutet noch lange nicht, dass wir hier im Paradies sind. Im Vergleich zu anderen Ländern geht es uns gut, aber auch wir haben Probleme. Die müssen wir lösen.

The European: Genauso wie beispielsweise Helmut Kohl oder François Mitterand gehören Sie zu einer Generation von Politikern, deren persönliche Erfahrung der Kriegs- und Nachkriegszeit die Politik entscheidend geprägt hat. Jetzt wächst eine neue Generation heran, die in die EU hinein geboren und in ihr aufgewachsen ist. Verändert das auch die Politik?
Ahtisaari: Viele aus der jüngeren Generation sehen die Errungenschaften der Sozialpolitik als selbstverständlich an. Für sie ist es normal, dass es ein gutes Bildungssystem oder flächendeckende Gesundheitsversicherungen gibt. Aber bis dahin war es ein langer, langer Weg. Eine Gefahr ist, dass wir den Blick für die Geschichte verlieren und nicht mehr in die Vergangenheit schauen. Die andere Gefahr ist, dass wir Opfer unserer Vergangenheit werden. Beides ist nicht gut. Jede Generation steht vor neuen Herausforderungen, aber kann gleichzeitig auf die Errungenschaften ihrer Vorgänger aufbauen. Das gibt mir Hoffnung. Wir leben seit langer Zeit in Frieden miteinander, unsere Gesellschaften funktionieren. Die Probleme heute sind nuancenreicher, aber nicht einfacher.

The European: Der Vorsitzende des Nobel-Komitees, Thorbjorn Hagland, hat Worte der Warnung an die EU gerichtet. Er sagte: „Wir müssen Solidarität über Landesgrenzen hinweg aufrecht erhalten, so wie es die Union derzeit durch Schuldenerlässe und andere konkrete Maßnahmen unternimmt.“ Ist heute nicht der zwischenstaatliche, sondern der soziale Frieden bedroht?
Ahtisaari: Wenn ich mir die Welt ansehe – Europa, aber auch die Vereinigten Staaten, dann sehe ich, dass soziale Fragen sehr wichtig sind. Ich habe in vielen Ländern dabei geholfen, faire und freie Wahlen zu organisieren. Aber was passiert eigentlich, wenn die Wahlsieger feststehen? Sie können die weltbesten Wahlen haben, aber was wirklich zählt ist das Verhalten der Machthabenden. Sind sie primär daran interessiert, sich selbst zu bereichern? Oder setzen sie auf egalitäre Politik, die gesellschaftliche Chancen schafft? Wir müssen deutlich mehr Wert auf solche sozialen Fragen legen.

„Ich bin von Angela Merkel beeindruckt“

The European: Sie selbst haben im sozialen Bereich begonnen.
Ahtisaari: Ich bin in den 1960er-Jahren in den diplomatischen Dienst in Finnland eingetreten, um in der Entwicklungspolitik zu arbeiten. Daran arbeite ich immer noch. Wenn wir über Frieden sprechen, dann müssen wir gleichzeitig über politische und wirtschaftliche Entwicklung sprechen. Wir werden das Problem der Armut nie lösen, wenn wir nicht mehr Aufmerksamkeit auf das Verhalten von Regierungen richten. Egalitäre Politik ist wichtig. Jeder Mensch sollte das Recht auf eine gute Bildung und eine sichere Lebensgrundlage haben. Das ist heute die große Herausforderung in Europa.

The European: Beunruhigt es Sie, dass der Nationalismus ein Comeback erlebt – beispielsweise in der Rhetorik der griechischen „Goldene Morgendämmerung“, der britischen Euroskeptiker oder der „Wahren Finnen“?
Ahtisaari: Ich bin nicht besonders besorgt über die „Wahren Finnen“, denn sie unterscheiden sich deutlich von radikalen Nationalisten in anderen Ländern. Die Partei richtet sich vor allem an all jene, die sich von der Politik vernachlässigt fühlen und glauben, dass die „Eliten“ ihnen nicht zuhören. Wenn die „Wahren Finnen“ dem Rassismus verfielen, dann würden ihnen die Anhänger weglaufen, deren Sorgen ganz legitim sind. Der Nationalismus speist sich aus der Gruppe der Enttäuschten, nicht aus dem Extremismus.

The European: Lassen Sie uns beim Thema „Enttäuschung“ bleiben. Eine These: Die Schuldenkrise ist vor allem eine Vertrauenskrise in Wirtschaft und repräsentative Politik.
Ahtisaari: Die alten Parteien haben den Anschluss an Teile der Gesellschaft verloren. Daher erleben wir momentan die Geburt neuer politischer Gruppen. Das hat es auch schon in der Vergangenheit gegeben, aber normalerweise ist das ein vorübergehendes Phänomen. Sobald diese neuen Parteien politische Verantwortung übernehmen und unpopuläre Entscheidungen treffen müssen, verlieren sie an Vertrauen.

The European: Im Raum steht die Forderung nach einer stärkeren Führungsrolle Deutschlands – und sowohl Deutsche als auch der Rest Europas fühlen sich nicht ganz wohl dabei. Welche Rolle sollte die Bundesrepublik übernehmen?
Ahtisaari: Deutschland kann sich einer Führungsrolle nicht verweigern; dazu ist das Land ein zu wichtiger wirtschaftlicher und politischer Akteur.

The European: Wie ist Ihr Eindruck von Kanzlerin Angela Merkel?
Ahtisaari: Ich bin sehr beeindruckt, das verhehle ich nicht. Zum Beispiel war es sehr gut, dass Deutschland sich in der UN-Generalversammlung bei der Abstimmung über die Anerkennung Palästinas enthalten hat. Das war wichtig, weil es Deutschland dadurch möglich wird, eine aktive Rolle im Nahen Osten zu übernehmen. Die Entscheidung hat den Eindruck der deutschen Objektivität verstärkt.

The European: Lassen Sie uns bei der Außenpolitik bleiben. Der Vertrag von Lissabon sollte die EU eigentlich dazu befähigen, in außenpolitischen Fragen mit einer Stimme zu sprechen. Doch davon sind wir heute weit entfernt.
Ahtisaari: Ich glaube daran, dass die EU eine größere Rolle in der Welt spielen kann. Ein Kritikpunkt ist immer, dass wir der Welt unsere westlichen Werte aufdrücken: Demokratie, die Menschenrechte oder die Rechtsstaatlichkeit. Die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz haben interessanterweise gegenteilig argumentiert: „Das sind keine westlichen Werte, sondern universelle Werte“. Ich würde sogar sagen, dass der Ursprung der Proteste nicht in Tunesien oder Ägypten zu suchen ist, sondern in den Vorstädten von Paris.

The European: Das müssen Sie näher erläutern.
Ahtisaari: Die Immigranten, die dort vor einiger Zeit auf die Straße gegangen sind, kamen zum Großteil aus Ländern des Nahen Ostens. Damit will ich nicht die Bedeutung der Menschen herunterspielen, die in Ägypten friedlich auf die Straße gegangen sind, aber diese Verbindung verdeutlicht die Universalität unserer Ideale. Wir müssen uns nicht für unsere Werte schämen. Wir müssen mutig auftreten und sie verteidigen. In der Vergangenheit ist uns das nicht immer gelungen; die UN ist zu mutlos gewesen. Vor allem müssen wir darauf pochen, dass sich egalitäre Politik durchsetzen kann.

The European: In Ägypten wurde der Enthusiasmus von 2011 durch den langwierigen und oftmals frustrierenden Prozess des politischen Neuanfangs ersetzt. Geht es heute überhaupt noch um Werte?
Ahtisaari: Es überrascht nicht, dass die Muslimbrüder in Ägypten die Wahlen gewonnen haben. Sie waren die einzige funktionierende Organisation im Land und sind vom Westen aus den meisten Diskussionen ausgeschlossen worden. Das hätte niemals passieren dürfen. In den Palästinensergebieten gab es freie Wahlen, aber aus der Sicht des Westens haben die Falschen gewonnen. Als Friedensvermittler sage ich Ihnen: Sie müssen mit den Machthabern einen Dialog führen – egal, ob es Ihnen passt oder nicht.

The European: Wie wichtig ist es dann, auf die Einhaltung von Grundrechten zu pochen?
Ahtisaari: Das Wichtigste ist, dass der Prozess nicht ins Stocken gerät. Es ist illusorisch zu glauben, dass eine Massendemonstration auf dem Tahrir-Platz bedeutet, dass Ägypten jetzt eine demokratische Gesellschaft hat. Solch ein Prozess benötigt mehrere Generationen, wie wir eigentlich aufgrund unserer Erfahrungen innerhalb der EU wissen sollten. Auch nach Jahrzehnten gibt es immer noch bedeutende demokratische Unterschiede zwischen den 27 Mitgliedsstaaten.

„Ich bin gegen nationale Alleingänge“

The European: Krisenzeiten münden oftmals in eine nach innen gerichtete Politik. Als die EU beispielsweise über außenpolitische Einsätze in Libyen oder Mali entscheiden musste, war wenig Konsens und Enthusiasmus zu spüren.
Ahtisaari: Die Entscheidung des UN-Sicherheitsrates, im Jahr 2005 die Idee einer internationalen Schutzverantwortung zu akzeptieren, hat historische Bedeutung. Wir sollten einer Militäraktion nicht zustimmen, wenn sie nicht vom Sicherheitsrat autorisiert ist. Im Fall von Libyen war das so, aber alles ging so schnell, dass nicht jedes Land genügend Zeit hatte, sich Gedanken über eine Teilnahme zu machen. Und vergessen Sie nicht, dass Libyen ein Sonderfall war. Es wird lange dauern, bevor wir wieder einen ähnlichen Machtwechsel erleben.

The European: Und Mali? Wieder einmal erleben wir, dass die Lage in den einzelnen Hauptstädten ganz unterschiedlich bewertet wird. Es gibt keine genuin europäische Außenpolitik.
Ahtisaari: Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass in Afrika Einigkeit darüber besteht, dass die Regierung von Mali unterstützt werden sollte. Länder mit den entsprechenden Kapazitäten haben auch schnell gehandelt, nachdem sie von der Regierung in Mali um Unterstützung gebeten worden waren. Ich sehe das als eine effektive und praktische Herangehensweise. Wenn die Bevölkerung leidet, bleibt keine Zeit für theoretische Diskussionen. Die EU kann hoffentlich dabei helfen, nach dem Ende des Konflikts den Wiederaufbau voranzutreiben. Dazu bedarf es der gesamten EU und aller ihrer relevanten Organisationen.

The European: Trotzdem noch einmal die Frage: Ist der humanitäre Enthusiasmus der 1990er-Jahre nach den Erfahrungen des letzten Jahrzehnts abgeklungen?
Ahtisaari: In meinem Vokabular ist die Interventions-Rhetorik von der Schutzverantwortung abgelöst worden. Wir senden den Machthabern dieser Welt ein eindeutiges Signal: Wenn Ihr eure Macht missbraucht und euer Volk misshandelt, dann hat die internationale Gemeinschaft eine Verantwortung, dem ein Ende zu setzen. Wenn wir nichts gegen den Machtmissbrauch unternehmen, sind wir wieder in der Steinzeit gelandet. Wichtig ist, klare Regeln zu etablieren. Ich bin gegen nationale Alleingänge.

The European: International reden wir immer häufiger von Legitimität, innerhalb der EU reden wir von Subsidiarität. Spielt nationale Souveränität heute keine so wichtige Rolle mehr?
Ahtisaari: Statt von Souveränität sprechen wir von Verantwortung. Wenn unsere Werte uns etwas bedeuten, können wir uns nicht an der Seitenlinie ausruhen. In Afrika hat die internationale Gemeinschaft lange Zeit nichts unternommen – mit dem Ergebnis, dass enorm viele Menschen getötet wurden und immer noch getötet werden. Vor allem die ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates haben in dieser Hinsicht eine besondere Verantwortung.

„Wenn man keine Vision hat, sollte man nicht in die Politik gehen“

The European: Und wie sieht die Realität aus?
Ahtisaari: Ich bin enttäuscht, dass der Sicherheitsrat nicht in der Lage war, mit der Krise in Syrien fertig zu werden. Ich war im Februar 2012 in New York und habe mit Vertretern aller ständigen Mitglieder gesprochen. Es gab damals wirklich die Möglichkeit einer Lösung, die dann allerdings nicht gefunden wurde.

The European: Sie haben einmal gesagt: „Ohne Idealismus kann Politik leicht dem Zynismus zum Opfer fallen.“ Welche Rolle spielt der Idealismus in heutigen Diskussionen über die EU?
Ahtisaari: Wenn man keine Vision hat, sollte man nicht in die Politik und in die Konfliktmediation gehen. Ein Vorurteil ist, dass Unterhändler immer neutral sein müssen. Das ist Schwachsinn. Unterhändler müssen ehrlich verhandeln, sie müssen die Konfliktparteien objektiv behandeln. Das gilt für Europa genauso wie für den Nahen Osten. Dort müssen wir willens sein, Palästinenser und Israelis mit gleichem Maß zu messen. Wenn ein Land etwas Illegales tut, dann muss es dafür kritisiert werden.

The European: Warum?
Ahtisaari: Ansonsten verliert man als Vermittler die Glaubwürdigkeit und damit auch seinen Einfluss. Wenn man sich immer neutral verhält und darauf vertraut, dass die Konfliktparteien zu einer Einigung finden können, dann wir man bis zum Lebensende keine Lösung herbeiführen. Der Nahostprozess ist dafür das beste Beispiel.

The European: Sie müssen alle Parteien gleichermaßen vor den Kopf stoßen?
Ahtisaari: Wenn jemand die Regeln verletzt, dann muss das kritisiert werden. Ich sehe es als Kompliment, dass ich während der Friedensverhandlungen in Aceh als „Ayatollah Ahtisaari“ tituliert worden bin.

The European: Lassen Sie uns kurz beim Nahostprozess bleiben. Wem gegenüber verhält sich die internationale Gemeinschaft unfair?
Ahtisaari: Ein Beispiel: Gemeinsam mit der ehemaligen UN-Menschenrechtsbeauftragten Mary Robinson habe ich einen Artikel geschrieben, in dem es um israelische Produkte ging, die in den besetzten Gebieten hergestellt werden. Europäische Konsumenten sollten solche Produkte nicht kaufen. Die Präsenz der Israelis ist illegal und die EU sollte Erzeugnisse aus den Siedlungen nicht importieren.

The European: Der Siedlungsbau scheint eine Zwei-Staaten-Lösung immer unwahrscheinlicher zu machen. Glauben Sie noch daran?
Ahtisaari: Das ist die einzige dauerhafte Option. Wichtig ist, dass wir Fortschritte machen. Wenn es also eine Einigung gibt, dass die Grenzen von 1967 entscheidend sind, dann ist das so. Es ist falsch, solche Diskussionen jetzt erneut aufzumachen. Wer um des Verhandelns willen verhandelt, der verhandelt gar nicht. Die Freunde Israels sollten die ersten sein, die sich für eine friedliche Lösung einsetzen, weil ansonsten niemand die Sicherheit Israels garantieren kann. Wer Geld hat, kann heute alle möglichen Waffen kaufen. Der Nahost-Konflikt braucht eine Lösung, und wir wissen alle, worauf diese Lösung fußen muss.

The European: Ist die Welt heute chaotischer und unsicherer als in der Vergangenheit?
Ahtisaari: Ich würde sagen, sie ist interessanter. Während des Kalten Krieges war es so, als ob wir fortlaufend die zehn Gebote herunterbeten und dann ganz anders handeln. Als gläubiger Protestant kann ich Ihnen sagen, dass wir Christen oftmals nicht nach den Grundsätzen unseres Glaubens handeln. Heute ist die Welt komplizierter und anspruchsvoller, aber es gibt auch mehr Möglichkeiten zum Handeln.

The European: Gleichzeitig haben sich nationale und internationale Institutionen seit der Zeit des Kalten Krieges kaum verändert. Regieren wir an der Realität vorbei?
Ahtisaari: Es ist sehr schade, dass wir es bisher nicht geschafft haben, die Anzahl der Länder im UN-Sicherheitsrat zu erweitern. Sogar innerhalb von Europa haben wir uns nicht darauf einigen können, wer permanentes Mitglied werden sollte. Meine Meinung ist, dass Deutschland und Japan auf jeden Fall dazugehören. Und so stehen wir heute vor der traurigen Situation, dass die Weltbank deutlich rationaler agiert und ihre Strukturen und Programme schneller anpasst als die UN. Die UN steht in keinem guten Licht. Ich beteilige mich inzwischen gar nicht mehr an Debatten über eine UN-Reform. Meine Mitarbeiter haben die Anweisung, alle Anfragen dazu mit der Aussage zu beantworten, dass ich wichtigere Sachen zu tun habe.

„Wir haben es versäumt, Konflikte zu beenden“

The European: Die Bundesregierung ist in den vergangenen Monaten immer wieder für Waffenexporte in den Nahen Osten in die Kritik geraten. Halten Sie es für vertretbar, Waffen in eine Konfliktregion zu liefern?
Ahtisaari: Dafür gibt es internationale Regeln. Man sollte Waffen nicht exportieren, wenn der Verdacht besteht, dass sie zur Aggression eingesetzt werden. Aber zum einen denke ich nicht, dass wir den Waffenhandel komplett stoppen können, zum anderen glaube ich an das Recht eines Landes auf Selbstverteidigung. Im Zweifelsfall reagieren wir mit einem Waffenembargo, dessen Einhaltung dann vernünftig überwacht werden muss.

The European: Es fällt schwer zu glauben, dass alle in den Nahen Osten exportierten Waffen rein defensiven Zwecken dienen – vor allem, wenn es sich um Überwachungstechnologien handelt, die bisher nicht unter Waffenexportrichtlinien fallen.
Ahtisaari: Überwachungstechnologien gibt es überall, auch hier bei uns. Ich mache mir andere Sorgen: Wir haben es versäumt, Konflikte zu beenden. Manchmal muss ich mir anhören: „Warum haben Sie so eine Eile? Es gibt so viele Konflikte, da macht einer mehr auch keinen Unterschied.“ Dazu sage ich: „Mein Ziel ist nicht die Fortführung von Konflikten, und es sollte auch nicht Ihr Ziel sein. Ende der Diskussion.“ Die Unterhaltung war dann meistens wirklich zu Ende. Warum sollten wir miteinander kämpfen? Wer zu den Waffen greifen muss, hat in der Argumentation verloren.

The European: Vom Dichter Heinrich Heine stammt die berühmte Zeile, „Denk ich an Deutschland in der Nacht / Dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Wenn Sie heute an Europa denken, was raubt Ihnen den Schlaf?
Ahtisaari: Ich schlafe eigentlich sehr gut. Ich kann in Flugzeugen schlafen oder kurze Nickerchen machen. Ich bin 150 Tage pro Jahr unterwegs. Wenn ich da nicht ausgeruht bin, dann bin ich relativ nutzlos.

The European: Keine Krise raubt Ihnen den Schlaf?
Ahtisaari: Nein, das ergibt doch gar keinen Sinn. Ich würde dann die Fähigkeit zum klaren Denken verlieren. Vielleicht ist es auch ein Zeichen, dass ich ein reines Gewissen habe. Ich habe mich mein ganzes Leben lang für wichtige Themen engagiert und dabei mit erstklassigen Kollegen zusammengearbeitet, viele davon aus Deutschland. Normalerweise versuche ich, mit Leuten zu arbeiten, die besser sind als ich. Das macht das Leben interessant. Ich hoffe, dass jeder Mensch in einer Führungsposition sich eine Offenheit für neue Ideen bewahrt.

The European: Fühlen Sie sich als Finne, als Europäer – oder haben diese Kategorien nach Jahrzehnten des internationalen Lebens und Arbeitens ihre Bedeutung verloren?
Ahtisaari: Ich bin Finne, aber ich habe 12,5 Prozent norwegisches und 12,5 Prozent schwedisches Blut in mir. In den 1870er-Jahren ist ein junger Mann aus der Familie meines Vaters aus Norwegen nach Finnland gezogen, um hier in der Holzindustrie zu arbeiten, und hat dann eine nette Schwedin von der anderen Seite der Grenze kennengelernt. Ich bin also auch ein Skandinavier, ein Europäer und ein Bürger dieser Welt. Das widerspricht sich nicht. Wenn Sie mich aber fragen, wo ich gerne leben möchte, dann sage ich Ihnen: Ich bin hier in Finnland sehr glücklich.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 2/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Vollendung, warum uns der Kampf um das Menschenbild alle angeht. Lesen Sie, wie der Mensch von Morgen aussehen könnte und warum es Gründe gibt, sich vor ihm zu fürchten. Außerdem: Wie eine Welt ohne Fußball aussehen könnte, was die Welt über die deutsche Energiewende denkt und ob der Atheismus das Zeug hat, die neue Weltreligion zu werden.

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