Im Bundestag altert man schneller. Florian Bernschneider

Lieber Helmut Schmidt – Ein offener Brief

Helmut Schmidt verband und faszinierte Generationen. Er war Brückenbauer und ewig kritischer Geist. Danke für sein Leben.

Lieber Helmut Schmidt,

die Tatsache, dass, wir uns heute mit einem Brief an Sie wenden, ist ungewöhnlich. Auf der anderen Seite ist dieses Format aber nicht weniger ungewöhnlich, als es Ihr Leben war. Viele Menschen nehmen in diesen Tagen Abschied von Ihnen, jeder und jede mit einer ganz eigenen Beziehung zu Ihnen und Ihren vielfältigen Themen, die Sie über die Jahre und Jahrzehnte so lebendig vertreten haben. Diese Themen werden weiterbestehen und auch in der Zukunft Ihre Handschrift tragen.

Als Teil der Generation, die nach dem Fall der Mauer aufgewachsen ist, möchten wir uns bei Ihnen besonders für drei außerordentliche Leistungen bedanken, die unser Leben entscheidend bestimmen und prägen.

Der ewig Junge

Fast sieben Jahrzehnte liegen zwischen Ihnen und uns. Und doch waren und sind Sie auch in unseren Leben immer präsent. Tatsächlich haben Sie das seltene Kunststück beherrscht, losgelöst vom Geburtsjahr betrachtet zu werden. Galten Sie vielen Deutschen nachweislich als einer der sieben Weisen der Moderne, so sind Sie für uns in erster Linie alterslos. Wie kaum ein anderer verbanden Sie die Generationen miteinander und zeigten die Wichtigkeit auf, gemeinsam Lösungen zu finden. Ihr gesunder Sarkasmus und Ihre direkte Art erhellten für viele Menschen den Politikalltag und machten Lust auf mehr. Als einer der wenigen brachten Sie immer wieder Jung und Alt im Diskurs zusammen.

Mehr noch: Für uns waren Sie ein Mittler zwischen Vergangenheit und Zukunft, ein Botschafter aus Zeiten, die wir nicht erlebt haben, die sich uns gerne in schwarz-weiß Bildern in Geschichtsbüchern präsentieren. Für uns haben Sie diese Zeiten lebendig gemacht.

Dabei geholfen hat Ihr turbulentes und spannendes Leben, das wie kaum ein anderes die Höhen und Tiefen Deutschlands im 20. Jahrhundert widerspiegelt. Geboren im Jahr als der Erste Weltkrieg endete, kamen Sie als junger Mann und Soldat im Zweiten Weltkrieg in britische Kriegsgefangenschaft. Anschließend ging es für Sie an die Uni und dann hinein in eine steile Karriere in der Politik: Bundestagsabgeordneter, Senator, Bundesminister, Kanzler, Verleger und Elder Statesman. Die Republik trägt ohne Zweifel Ihre Handschrift.

Ihr geschichtsträchtiges Leben ließ Sie aber nicht stetig in vergangenen Tagen leben. Im Gegenteil, es erscheint gerade so, als ob Ihre Erfahrungen Ihnen Hunger gemacht hat auf globales, zukunftsorientiertes Denken, auf einen nach vorne gerichteten Blick. Ein Hunger, der viele zum Mitmachen anregte! Sie waren ein ewig Junger, der offen für neues war und die unkonventionelle Idee schätzte. Dies verhalf Ihnen zu legendären Ausblicken. So erkannten Sie beispielsweise schon früh die wachsenden Bedeutung Chinas, halfen entscheidend mit wichtige Bausteine im europäischen Einigungsprozess auf den Weg zu bringen und initiierten zusammen mit Valéry Giscards die Runde der G7. Diese, der Welt und Zukunft zugewandte Haltung, ist sicherlich auch der Grund, weshalb so viele jüngere Menschen, so auch wir, Ihren Gedanken so gerne folgten. Auch wenn Sie einmal sagten „Wer eine Vision hat, soll zum Arzt gehen“, so offensichtlich ist es doch, dass Sie selbst immer ein Visionär waren. Sie dachten an Morgen, als viele noch im Gestern verharrten.

Der Europäer

Europa wäre nicht Europa ohne Sie. Sie bauten Brücken zwischen den Nationen, allen voran den europäischen. Vielleicht, weil Sie als junger Mann selbst hautnah erlebten, welch destruktive Kraft im Nationalismus steckt. Mit dieser Erfahrung gingen Sie konstruktiv um. Sie übersetzten sie in Engagement und Einsatz für ein geeintes Europa. Und so steht heute das europäische Haus auf Fundamenten, die Sie entscheidend mitgestalteten. Gemeinsam mit Ihrem französischen Kollegen legten Sie die Grundsteine für die Europäische Währungsunion, setzten sich für die Deutsch-Französische Freundschaft ein und regten, im Streben nach mehr Demokratie, die Direktwahl des europäischen Parlamentes an.

Was wir besonders schätzen: Europa war für Sie nie nur ein Idealistenprojekt. Für Sie war Europa – und zwar je mehr desto besser – eine absolute Notwendigkeit für die Zukunft. Dabei verbanden Sie Ihre visionäre Kraft mit einer gebündelten Portion Pragmatismus. Für Sie ging es darum, die richtigen Wege zu finden, für Sie heiligte der Zweck niemals einfach die Mittel. Es ging um Maß und Würde. Ein Rezept, das Erfolg hatte.

Auch Sie erkannten die Gefahren und Probleme, die im europäischen Einigungsprozess stecken. In Ihrem Buch Mein Europa schreiben Sie dazu: „In diesem Jahrhundert steht die Selbstbehauptung der europäischen Zivilisation auf dem Spiel.“ Sie rufen nach einer politischen Union und nach mehr europäischer Integration. Ein Ruf, der aktueller nicht sein könnte. In einer Zeit, in der die Rückkehr zum Nationalstaat wieder diskutiert wird, vermissen wir Sie daher besonders! Gleichzeitig ermutigt uns Ihr Vorbild auch, Europa zu stärken und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Wir werden unser Bestes geben, lieber Herr Schmidt!

Der kritische Geist

In Ihnen wohnte nicht nur diese unglaublich Energie, dieses „Arbeitstier“ wie sich auch gern bezeichneten, sondern allen voran ein kritischer Geist. So einer, wie es heute nur noch wenige gibt. Wahrscheinlicher ist sogar, dass es davon nie viele gab. Umso beachtlicher daher Ihre Leistung. Sie waren sich nie zu schade, zu sagen was, Sie dachten. Sie selbst formulierten es in Ihrem ersten Jahr als Bundestagsabgeordneter so: „Ich bin der Mann mit der schnellen Schnauze“. Sie waren ein Fragensteller und ein Antwortgeber. Beides gerne und beides ausführlich. Durch diese Einstellung, die nicht immer nur für Freude bei Ihren Gegenübern gesorgt hat, lebten Sie eine der grundlegendsten Aspekte von Freiheit: Dass nämlich im Widerspruch, im Nein, der Kern steckt, ohne den Freiheit nur eine Täuschung ist.

Daraus ziehen wir eine besondere Lektion. Denn besonders wir Jüngeren können lernen, dass es im Leben nicht darum geht, das zu sein, was andere von einem wollen, sondern das zu sein, was man ist. Mit allen Ecken, mit allen Kanten, auch bei Gegenwind.

Sie waren und sind das Idealbild eines public intellectuals. Einer Person, die streitbar, sicht- und hörbar Ihre Meinung und Erfahrung mit der Öffentlichkeit teilt und eben dieser dadurch zu neuen Impulse und Gedankengängen verhilft. Ob mit Ihren Büchern, Zeitungsartikel, in Gesprächsrunden oder bei öffentlichen Reden, Ihre Worte haben die Menschen und dieses Land bewegt – und werden Sie es weiter bewegen. Ihre Ideen und Gedanken bleiben.

Lieber Helmut Schmidt, danke, dass Sie sind, wer Sie waren und bleiben, wer Sie sind.

In Verbundenheit,

Vincent-Immanuel Herr & Martin Speer
Berlin, den 11.11.2015

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Martin Speer: Jauchs #Herrenrunde

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