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Die Berichterstattung der „Bild“-Zeitung zur Griechenlandkrise befeuert die Spaltung Europas und offenbart nationalistische Tendenzen. Das steht im Widerspruch zu journalistischen Grundsätzen. Ein offener Brief.

Unser dieswöchiger Kolumnenbeitrag hat eine andere Form. Es ist ein Brief an die Chefredaktion der „Bild“-Zeitung über die Griechenland-Berichterstattung.

Sehr geehrter Herr Diekmann,
sehr geehrte Bild-Redaktion,

die Situation in Griechenland ist dieser Tage das große Thema – in Deutschland und ganz Europa. Besonders nach dem klaren Votum der griechischen Bevölkerung am vergangenen Sonntag gegen das Angebot der Institutionen wird deutlich: Die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten blicken gewaltigen Herausforderungen ins Auge. Nichts scheint mehr so, wie es war. Die Situation verlangt, das steht außer Frage, allen Beteiligten, seien es Regierungen, Medien, Unternehmen, oder Bürgerinnen und Bürger, einiges ab. Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und Angst sind häufige Gefühle vieler Menschen auf unserem Kontinent, von Lissabon bis Athen, von Stockholm bis Valleta. In dieser Zeit der Unsicherheit fällt den Medien, und damit auch Ihnen als auflagenstärkste Zeitung Europas, eine ganz besondere und verantwortungsvolle Rolle zu. Die Medien haben entscheidenden Einfluss auf die öffentliche und politische Meinungsbildung. Im besten Fall geben sie den Menschen Orientierung in einem Meer verschiedenster, oft widersprüchlicher Informationen und helfen so, den Überblick zu bewahren, sich eine eigene Meinung zu bilden und daraus auch Hoffnung zu schöpfen. Leider zeigt sich, dass Sie sich, liebe Bild-Chefredaktion, hingegen entschieden haben, einen anderen Weg zu gehen.

„Die gierigen Griechen“

Folgt man Ihrer Berichterstattung, den Headlines und Kommentaren der vergangenen Jahre zur Situation in Griechenland, offenbaren sich drei ernst zu nehmende Probleme: (1) Mit Ihrer Berichterstattung stellen Sie generalisierend ein ganzes Volk an den Pranger – elf Millionen Menschen. Mit Headlines wie „Nein, keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen“, „Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen. Und die Akropolis gleich mit,“ „Schafft die Privilegien ab und hört auf zu randalieren, ihr Pleite-Griechen!“ diffamieren Sie pauschal die gesamte Bevölkerung eines Landes. Es verstärkt sich dabei der Eindruck, dass Ihr Vorgehen System hat. Schon seit 2010 schreiben Sie in dieser Art und Weise über die Griechen – kontinuierlich und unübersehbar. Sie differenzieren nicht zwischen Bürgern des Landes und Politikern, zwischen Entscheidungsträgern und Menschen fern jedes Einflusses, zwischen Milliardären und Straßenkindern – alle gemeinsam sind wahlweise die „gierigen“ oder die „Pleite-Griechen“. Damit, so scheint uns, wird sogar der Slogan Ihrer Zeitung, „Bild Dir Deine Meinung“, zur Farce. Mit dieser Form der Pauschalisierung und Generalisierung lassen Sie kaum mehr Raum für eine andere, und damit eigene, Meinung. Warum?

„Hochhalten, fotografieren und mitmachen!“

(2) Mit Ihrer Art und Weise der Formulierung und Methodik der medialen Aufbereitung unterstützen Sie aktiv einen Prozess der Ressentimentbildung: Europäerinnen und Europäer werden gegeneinander aufgestachelt, Misstrauen wird gesät, Fronten verhärtet. Sie kultivieren Stereotype und pflegen Vorurteile. Dies treibt spürbar die Spaltung Europas voran, wort- und bildstark. In einer Zeit der Krise ist dieser Methodik besonders gravierend. Der Kontinent braucht das Gegenteil: Ermutigung zum Austausch und ernsthaftes Interesse aneinander.

Mit der Selfie-Kampagne zum „Nein! Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen!“ im Februar 2015 wurde hierbei ein vorerst erschreckender Höhepunkt erreicht. Die Aktion forderte Bild-Leserinnen und -Leser auf, ein Selfie von sich mit dem Artikel zu machen und an die Redaktion zu senden. Damit wurden Leserinnen und Leser instrumentalisiert und ein direkter Widerspruch zur eigentlichen Aufgabe des Journalismus, dem Präsentieren von Fakten, Analysen und Zusammenhängen, aufgebaut. Scharf kritisiert wurde dies auch vom Deutschen Journalistenverband, der besonders das Starten einer politischen Kampagne als verwerflich für eine Zeitung zurückwies. In der Tat versuchte die Kampagne, tiefgreifenden Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen und dafür die eigene Leserschaft zu benutzen. Das ist nicht nur medienethisch bedenklich, sondern zeugt auch von einem fragwürdigen Selbstverständnis Ihrer boulevard-journalistischen Arbeit.

Das Erbe Axel Springers

(3) Die Beobachtungen gewinnen an Brisanz und Widerspruch, wenn man sich die Grundsätze Ihres Verlagshauses ansieht. 1967 von Axel Springer ausformuliert und zweimal aktualisiert, dienen diese als Orientierung für alle Springer-Veröffentlichungen und -Handlungen. Zu diesen wichtigen Leitlinien zählen u.a. die Unterstützung des transatlantischen Bündnisses, die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, die Verteidigung der freien sozialen Marktwirtschaft, aber auch, und das ist interessant: „Das unbedingte Eintreten für den freiheitlichen Rechtsstaat Deutschland als Mitglied der westlichen Staatengemeinschaft und die Förderung der Einigungsbemühungen der Völker Europas.“ Vor dem Hintergrund dieses Grundsatzes, müssen wir uns eindeutig fragen, ob Sie dieses Ziel nicht nur völlig vernachlässigen, sondern damit bewusst brechen und es somit ad absurdum führen. Fördert Ihre Arbeit, Ihr Stil, Ihre Methode wirklich die Einigungsbemühungen der Völker Europas, oder lösen Sie damit nicht genau das Gegenteil aus? Man kann in den Bild-Veröffentlichungen zu Griechenland durchaus nationalistische Tendenzen herauslesen und diese stehen in absolutem Widerspruch zur europäischen Einigungsidee. Was würde Axel Springer, der inmitten der Ruinen eines zerstörten Europas die Fundamente für Ihre berufliche Tätigkeit schaffte, dazu sagen?

Liebe Bild-Redaktion, wir verlangen nicht von Ihnen, dass Sie die griechische Regierung oder das griechische Volk in höchsten Tönen loben, oder jede Entscheidung und Entwicklung unterstützen. Im Gegenteil, kritischer Journalismus ist gerade hier mehr nötig denn je. Daher: Nehmen Sie Ihre Verantwortung als eines der führenden meinungsbildenden Organe in Europa wahr und gestehen Ihren Leserinnen und Lesern die Möglichkeit zu, selber Abwägungen und Schlüsse zu ziehen, Meinungen zu formulieren und so Demokratie zu leben. Alles andere beschädigt nicht nur die Integrität Europas, sondern vernachlässigt auch Ihre eigenen Standards und journalistischen Grundsätze.

Mit freundlichen Grüßen,

Vincent-Immanuel Herr & Martin Speer

P.S. Eine persönliche Notiz: Wir finden, es ist höchste Zeit, das Bildgirl aus Ihrer Zeitung zu entfernen. Derartiger öffentlich zur Schau gestellter Sexismus sollte keinen Platz in einer Zeitung oder unserer Gesellschaft haben. Aber das ist ein anderes Thema.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Martin Speer: Jauchs #Herrenrunde

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