Die CDU ist in wirtschaftspolitischen Fragen weder existent noch seriös. Klaus Wowereit

„Das alte Knautschgesicht ist immer spannender“

Christian Bale besucht ihn auf dem Motorrad und Jack Nicholson setzt sich mit Clownsnase vor seine Linse. Ein Gespräch zwischen Max Tholl und dem deutschen Fotografen Martin Schoeller über Ruhm, Mut und das wahre Ich.

The European: Herr Schoeller …
Schoeller: … Bitte sag doch Du.

The European: Kein Problem. Wie sehr nerven dich eigentlich Pressesprecher und PR-Berater?
Schoeller: Du fängst direkt mit der schwierigsten Frage an! (lacht) Ich schieße mir da immer ein Stück weit selbst ins Knie, weil ich so viel über die lästere. Letztendlich verstehe ich aber, dass diese Leute mir oft einen Strich durch die Rechnung machen: Die Schauspieler oder Politiker, die ich porträtiere, haben ein Image zu verlieren. Bei Schauspielern denkt man immer, dass deren Karriere gesichert ist – aber wie viele Schauspieler gibt es denn, die über 20, 30 Jahre erfolgreich im Geschäft sind?

The European: Einige fallen einem schon ein.
Schoeller: Die mit den guten PR-Leuten. (lacht) Klar, aber bei vielen, gerade jungen Schauspielern, geht es sehr viel um Image und Außendarstellung, weil das zu den Rollen führt, die einem angeboten werden. Wer sich etwas rauer in Szene setzt, erhofft sich auch, kantigere Charaktere zu spielen. Image ist alles und deshalb gibt es bei den PR-Beratern eine Tendenz, alles abzulehnen, was nur ansatzweise gewagt ist. Selbst Komödianten lehnen es ab, sich witzig inszenieren zu lassen.

The European: Das Misstrauen geht also nicht nur von den PR-Leuten aus?
Schoeller: Keinesfalls. Es hängt aber immer von der Person ab, die ich porträtiere. Jack Nicholson lässt sich von niemandem reinreden. Der macht einfach, worauf er Lust hat. Er kam damals mit einer Clownsnase an und sein PR-Berater schlug nur die Hände über dem Kopf zusammen und schrie: „Was tust du da, was tust du da?“ Nicholson beharrte aber darauf, mit der Clownsnase abgelichtet zu werden. Christian Bale kam alleine auf dem Motorrad und meinte, er würde doch niemandem 5.000 Dollar zahlen, um das zu sagen, was er auch selber sagen kann. Deshalb mag ich Bale auch so gerne. Jungen Schauspielern fehlt oft das Selbstvertrauen, sich über ihre Berater hinwegzusetzen.

The European: Wie viel Kontrolle wollen denn die Porträtierten über das Bild haben, das schlussendlich erscheint?
Schoeller: Wenn man sich anschaut, wie Stars in den 1950er- oder 1960er-Jahren in Magazinen abgelichtet wurden, merkt man schnell, dass das nichts mehr mit der heutigen Situation zu tun hat. Oft wurden sie sogar unvorteilhaft porträtiert, weil Fotografen wie Irving Penn das wahre Ich der Person zeigen wollten, und dazu gehören auch Macken. Das Porträt, welches Richard Avedon von Marilyn Monroe gemacht hat, zeigt eine gebrochene Frau und keinen Superstar. Das Bild hat eine gewisse Tragik.

The European: Aber wieso würde man sich unvorteilhaft ablichten lassen?
Schoeller: Es gab damals ja noch nicht so viele Magazine und diese Stars wurden nicht rund um die Uhr fotografiert. Es war eine Ehre, das eigene Bild in einem Magazin zu sehen. Teilweise waren die Fotografen ja auch mehrere Tage mit den Stars unterwegs, um das eine gute Bild zu schießen. Heute ist das undenkbar, weil aus den Stars Superstars geworden sind. Sie stehen ständig im Rampenlicht und empfinden es nicht mehr als Ehre, sondern als Last, fotografiert zu werden. Die Magazine müssen heute um ein Foto-Shooting betteln und deshalb liegt die Kontrolle über die Bilder schlussendlich bei den Porträtierten und ihren PR-Beratern. Das schränkt dich als Fotografen natürlich ein. Diese Kontrolle ist die größte Barriere für uns Fotografen. Du hast ein super Konzept, aber letztlich macht dir immer jemand einen Strich durch die Rechnung.

„Viele Künstler glauben, man müsste scharf aussehen, um Platten zu verkaufen“

The European: Stimmt es, dass es Stars wie Mariah Carey gibt, die sich weigern, von dir porträtiert zu werden, weil sie wissen, dass deine Close-ups oft entblößend und erschreckend ehrlich sind?
Schoeller: Nicht nur Mariah Carey. Ich sollte kürzlich für die „Gala“ Nena fotografieren, aber die wollte nicht. Viele Künstler glauben, man müsste scharf aussehen, um Platten zu verkaufen. Da bist du aber bei mir an der falschen Adresse! Jeder Mensch ist eitel, nicht nur die berühmten. Mach mal ein Foto von einem Freund, welches dessen Doppelkinn zeigt. Wenn dein Aussehen Teil deines Berufes ist, macht es das Ganze noch schwieriger.

The European: Der Selfie-Wahn ist doch das Paradebeispiel hierfür.
Schoeller: Niemand verbreitet unvorteilhafte Selfies von sich. Du probierst so lange herum, bis alles perfekt ist, und 30 Selfies später hast du ein Facebook taugliches gefunden.

The European: Deine Porträts sind sehr eigen. Dass sich jemand wie Jack Nicholson dafür hergibt, scheint nicht ungewöhnlich. Dass aber auch Angela Merkel, Bill Clinton oder Barack Obama sich ablichten ließen, schon.
Schoeller: Meistens übernimmt das Magazin, für das ich das Porträt anfertige, die Überzeugungsarbeit. Und jemand wie Angela Merkel recherchiert auch nicht, was für Fotos ich mache. Sie kommt zum Fünf-Minuten-Fototermin und weiß nicht, was auf sie zukommt. Das Dilemma ist, dass du mit steigender Bekanntheit vielleicht auch mehr Absagen kassierst, weil die Leute wissen, was du machst. Bis mein Buch „Close-up“ rauskam, flog ich zwölf Jahre unter dem Radar, das hatte auch seine Vorteile.

The European: Jetzt solltest du den meisten zumindest ein Begriff sein.
Schoeller: Was aber nicht bedeutet, dass sie auch an mir interessiert sind. Ich habe letztens Bill Murray fotografiert und habe ihm zum Shooting ein Bild von einem früheren Shooting mitgebracht. Er hat das Foto nicht einmal mit nach Hause genommen, es war ihm komplett egal.

The European: Gehst Du bei Politikern wie Angela Merkel anders vor als bei einem Bill Murray?
Schoeller: Nein. Ich versuche, mich immer in die Position meines Gegenübers zu versetzen. Bei Merkel ist klar, dass die Frau nonstop gestresst ist und von Termin zu Termin rennt. Vor meiner Linse zu stehen hat für sie keinerlei Priorität. Deshalb versuche ich, die Stimmung immer mit einem Witz oder besonderer Musik aufzulockern. Hat bei Merkel nicht hingehauen.

The European: Was hast Du aufgelegt?
Schoeller: Rolling Stones. Sie kam an und meinte nur in strengem Ton: „Was ist das denn? Sofort ausschalten, bitte!“ Ich war froh, dass ich nur ein Close-Up anfertigen und sie nicht für ein Konzept gewinnen musste. Die Überzeugungsarbeit ist der schwierigste Teil meiner Arbeit.

„Jeder Mensch wird austauschbar“

The European: Trotzdem gelang es dir, Bill Clinton mit Golfschläger im Weißen Haus zu porträtieren.
Schoeller: Aber auch nur, weil ich den Schläger zwischen meinen Stativen reingeschmuggelt habe und ihm es einfach spontan vorgeschlagen habe. Er hatte – zum Entsetzen seines Pressesprechers – nichts dagegen.

The European: Du hast mal behauptet, es gäbe kein ehrliches Porträt. Wie soll man das verstehen?
Schoeller: Ich fand es immer sehr cheesy und überromantisiert, zu behaupten, man könne die Seele einer Person in einem Foto festhalten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand alle Emotionen und Facetten einer Person mit einem Bild zeigen kann. Das wird ja auch immer nur behauptet, wenn es um Schwarz-Weiß-Bilder geht, auf denen die Person depressiv aussieht. Ein Foto ist ein Bruchteil einer Sekunde und nicht mehr. Es gibt natürlich Fotos die ehrlicher sind als andere – klar.

The European: Zum Beispiel?
Schoeller: Besonders in der Modefotografie wird jedes Bild so lange retuschiert und bearbeitet, bis man eigentlich nicht mehr erkennt, wer da zu sehen ist. Jeder wird komplett austauschbar.

The European: Cate Blanchett sieht aus wie Angelina Jolie und umgekehrt.
Schoeller: Genau. Und dann werden die in einer tollen oder surrealen Kulisse inszeniert, was letztendlich nichts mehr mit deren Leben zu tun hat. Aus Schauspielern werden Models und genauso werden sie dann behandelt.

The European: Kann man unsere Faszination für Close-ups auf einen Authentizitätsfetischismus zurückführen?
Schoeller: Ich hoffe, meine Porträts fühlen sich ehrlich an, weil sie etwas Intimes haben. Wir Menschen sind Herdentiere. Nichts ist interessanter für uns, als andere Menschen. Deshalb schauen wir uns diese auch gerne im Detail an. Wir brauchen die Nähe zu anderen Menschen. Aus dem Grund ist Isolationshaft im Gefängnis ja auch die größte Folter überhaupt.

The European: Was macht denn für dich ein interessantes Gesicht aus?
Schoeller: Hängt immer von der Person ab, aber grundsätzlich gilt: Das alte Knautschgesicht ist immer spannender als das junge, aalglatte.

Martin Schoeller wird in Deutschland von der Agentur Camera Work vertreten. Die aktuellen Ausstellungen finden Sie unter: http://camerawork.de

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Anne Applebaum: „Wo bist du, Europa?“

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 2/2015 des gedruckten „The European“.

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