Man kann die Menschen manchmal betrügen, aber nicht immer. Bob Marley

„Unser Urknall war einer von vielen“

Die Astrophysik hat den Menschen immer weiter aus dem Zentrum des Universums vertrieben – und dennoch sind wir Menschen die komplexesten Dinge, von denen wir im Universum wissen. Martin Rees, königlicher Astronom der Queen, spricht über den Urknall und die Zukunft der Menschheit. Das Interview führte Alexander Görlach.

The European: Wenn Sie über Kosmologie sprechen, wirkt das wie ein riesiger, philosophischer Begriff. Können wir uns bei etwas so Riesigem und Unendlichem wie dem Universum überhaupt auf unsere winzigen Gehirne verlassen?
Rees: Ich finde es überraschend, dass unsere Gehirne, die sich für die Situation in Afrika vor Hunderttausenden Jahren entwickelt haben, so erfolgreich die Mikrowelt der Atome und den Kosmos gleichermaßen verstehen. Aber in den letzten fünfzig Jahren haben wir eine Menge mehr über unser Universum verstanden. Wir können beobachten, dass es Milliarden von Galaxien mit Milliarden von Sternen enthält. Wir haben starke Indizien, dass all dies in einer heißen, dichten Phase vor etwa 13,7 Milliarden Jahren begann. Und die Beweislage dafür ist in meinen Augen genauso stark wie das, was ein Geologe uns über die frühe Geschichte der Erde sagen kann.

The European: Wenn wir uns dagegen so winzig sehen vor den gigantischen Ausmaßen des Universums, was sagt das über uns und unseren Platz darin?
Rees: Natürlich sehen wir, dass die Erde ein Planet ist, der um einen ganz normalen Stern kreist, der wiederum einer von Milliarden Sternen ist, von denen wir vermuten, dass sie Planeten wie die Erde haben. Allerdings wissen wir nicht, ob es dort Leben gibt. Aber ich würde sagen: Obwohl die Erde sehr klein ist, ist sie einer der wichtigsten Orte in der Galaxie. Denn hier ist der einzige Ort, von dem wir wissen, dass sich hier etwas sehr Kompliziertes entwickelt hat. Und es hat von einfachem Leben über die Evolution zu Kreaturen wie uns selbst geführt, die ihre Ursprünge verstehen und Wunder und Geheimnisse ergründen. Ich meine also, wir sollten uns nicht von schierer Größe beeindrucken lassen. Wir sollten die filigrane Komplexität der Dinge auf der Erde bewundern. Ich sage immer gerne, dass ein Insekt viel komplizierter ist als ein Stern – und viel wunderbarer. Die komplexesten Dinge, von denen wir im Universum wissen, sind Menschen. Wir sind zwar klein, sollten uns gegenüber dem Rest des Universums aber nicht nachrangig fühlen. Es gibt noch einen anderen Aspekt: Wir wissen, dass unsere Ursprungsgeschichte einen sehr langen Zeitraum umfasst. Es brauchte mehrere Milliarden Jahre, bis sich die ersten einfachen Lebensformen durch darwinsche Selektion bis zu uns entwickelt haben. Also wissen wir, dass es uns nicht gäbe, wenn das Universum nicht schon lange existieren würde. Deshalb sollte es uns nicht überraschen, dass das Universum so groß ist. Denn weil es sehr lange existiert und sich sehr lange ausdehnt, musste das Universum so groß werden.

“Es liegen immer neue Geheimnisse hinter dem Horizont unseres Wissens”

The European: Sie sprachen von Geheimnissen. Ist überhaupt noch Platz für Geheimnisse?
Rees: Oh ja. Weil es die Natur der Wissenschaft ist, dass mit dem Fortschritt neue Fragen in den Blickpunkt rücken. Wenn man sich die Kosmologie vor fünfzig Jahren ansah, gab es eine Debatte, ob das Universum überhaupt einen Anfang hatte und was es enthält. Diese Fragen sind weitgehend geklärt. Jetzt stellen wir uns neue Fragen, die überhaupt nicht gestellt werden konnten. Die Natur der Wissenschaft ist es also, dass man einige Fragen klärt und dann neue Fragen auftauchen und neue Instrumente das Angehen neuer Probleme erlauben. Wissenschaft ist ein unendlicher Prozess, bei dem Geheimnisse immer hinter dem Horizont unseres Wissens liegen. Aber dieser Horizont erweitert sich ständig mit dem Fortschritt in unseren Fächern.

The European: Sie sprachen von neuen Fragen in der Kosmologie. Welche wären das?
Rees: Zunächst ist da das Verstehen des eigentlichen Beginns. Obwohl wir mit großer Sicherheit über die Zeit Bescheid wissen, als das Universum eine Sekunde oder gar eine Millisekunde alt war, sind die Vorgänge ganz am Anfang immer noch ein Geheimnis, weil die Bedingungen so extrem waren. Sehr hohe Dichte, sehr hohe Energie, sehr hoher Druck. Und wir verstehen die Physik hierfür nicht, weil dies außerhalb des Bereichs unserer Experimente liegt. Also ist der unmittelbare Beginn des Universums immer noch ein Geheimnis. Und es gibt andere Fragen: Was ist dunkle Materie, die für Gravitation so wichtig ist? Ist das Universum unendlich? War unser Urknall der einzige? Und dann gibt es noch alle möglichen Detailfragen, auf die ich mich in meiner Forschung konzentriere, wie das Universum aus dieser heißen, dichten Phase zur Ansammlung von Sternen und Galaxien wurde, die wir heute sehen. Wir wollen verstehen, wie das geschah. Dies sind die Fragen, mit denen Kosmologen sich heute auseinandersetzen, und wir haben sehr viel präzisere Beobachtungen zur Verfügung, die uns erlauben, sehr weit weg und damit sehr weit in die Vergangenheit zu blicken. Und wir haben die Hilfe von Computern.

Wir können in der Astronomie zwar keine Experimente durchführen, aber wir können Experimente in der virtuellen Welt des Computers stattfinden lassen. So können wir simulieren, was geschieht, wenn zwei Galaxien oder zwei Sterne kollidieren, und dadurch besser verstehen, was im Universum vor sich geht, und unser virtuelles Universum mit dem echten vergleichen. All diese Technologien helfen uns, Fortschritte zu machen, und deshalb hat die Astronomie große Fortschritte im Bereich der Beschaffenheit des Universums gemacht. Außerdem haben wir entdeckt, dass die Sonne nicht der einzige Stern mit Planeten ist, sondern dass sehr viele Sterne, vielleicht sogar die meisten, von Planetensystemen umkreist werden. Und einige dieser Planeten könnten so sein wie die Erde.

The European: Sie behaupten, dass es möglicherweise mehrere Urknalle gab. Wie kann das sein?
Rees: Das ist natürlich Spekulation. Aber es ist möglich, in der Tat wahrscheinlich, dass es weit mehr physische Realität gibt, als wir mit unseren Teleskopen sehen können. Fast alle sind sich einig, dass viele Galaxien die Reichweite unserer Teleskope übersteigen. Aber es gibt weitere Spekulationen, dass unser Urknall nicht der einzige war. Also müssen wir einen weiteren Schritt machen. Wir erkannten zuerst, dass unsere Sonne einer von vielen Sternen ist, dann, dass unsere Galaxie eine von vielen ist, und nun müssen wir eventuell erkennen, dass unser Urknall einer von vielen war.

The European: Ist das die nächste Demütigung des Menschen nach Kopernikus, Darwin und Freud?
Rees: Ich sehe das nicht als Demütigung. Wir sollten uns nicht von Größe, sondern von Komplexität beeindrucken lassen. Und wie ich bereits sagte, ist sogar ein Insekt beindruckender als ein Stern, weil es komplizierter ist. Also sehe ich da keine Demütigung, weil wir die einzigartigsten und kompliziertesten Dinge im Universum sind.

The European: Die Frage bezog sich darauf, dass der Mensch sich immer im Zentrum aller Dinge sah. Eine Sicht, die von Kopernikus, Darwin und Freud erschüttert wurde.
Rees: Wir sind nicht im Zentrum, aber wir sind etwas ganz Besonderes.

The European: Wenn es viele Universen gibt, gibt es dann auch “eine beste aller möglichen Welten”? Kann dieses moralische Konzept Leibniz’ auf die Kosmologie bezogen werden?
Rees: Ich glaube nicht. Aber wenn es andere Urknalle gibt, können sie einen Kosmos hervorgebracht haben, der sich von unserem unterscheidet. Darüber können wir nichts Genaues sagen, weil wir schon nichts Genaues über andere Planeten sagen können, wo wir nicht genau wissen, wie das Leben hier auf der Erde begann. Und deshalb wissen wir nicht, wie wahrscheinlich Leben auf anderen Planeten ist. Noch weniger wissen wir, wie dieses Leben aussehen könnte.

The European: Also wird dies immer Spekulation bleiben? Gibt es andere Sphären, die wir möglicherweise nie sehen werden, weil wir auf drei Dimensionen beschränkt sind?
Rees: Ich glaube, das wird es nicht. Wir werden eine Menge über andere Planeten lernen und ob es dort Leben gibt. Ich erwarte, dass wir noch in diesem Jahrhundert durch genauere und empfindlichere Beobachtungen dazu in der Lage sein werden. Aber wie Sie sagten, gibt es Bereiche von Raum und Zeit, die wir nicht direkt beobachten können, und diese kann man nur indirekt verstehen, indem man eine Theorie von Raum und Zeit hat, der man anhand beobachtbarer Effekte vertrauen kann und die uns etwas über die nicht beobachtbaren Regionen sagt. Nehmen wir zum Beispiel Einsteins Relativitätstheorie, die wir auf viele verschiedene Arten prüfen können. Deshalb glauben wir, was Einstein uns über das Innere eines schwarzen Lochs sagt, obwohl wir es nicht beobachten können. Und wenn wir eine vertrauenswürdige Theorie haben, die uns etwas über andere Urknalle sagt, müssen wir diese Urknalle ernst nehmen, obwohl wir sie nicht beobachten können.

The European: Können wir überhaupt wissen, wie es vor einem Urknall aussieht?
Rees: In gewissem Sinne ja. Denn wenn Sie das Wort “vor” verwenden, implizieren Sie, dass Zeit in einer bestimmten Weise abläuft. Und eine der Möglichkeiten, wenn wir sehr nah bis zum Beginn unserer Welt extrapolieren, ist, dass die drei Dimensionen des Raums und die Dimension der Zeit auf eine sehr komplizierte Weise vermischt werden. Und deshalb kann man nicht von einer bestimmten Richtung der Zeit sprechen und also auch nicht von “vor” und “nach”. Möglicherweise verstehen wir damit den Beginn unseres Universums besser und wie unser Urknall sich zu anderen Urknallen verhält. Aber wir müssen auch akzeptieren, dass wir uns dazu von Konzepten des gesunden Menschenverstands entfernen müssen. In der Wissenschaft muss man normale Konzepte ablegen, wenn man sich von der Alltagswelt in Richtung der Atome entfernt. Man gelangt in die Welt der Quantenmechanik, die sehr kontraintuitiv ist. Und wenn wir uns nun dem Beginn unseres sich ausdehnenden Universums annähern, dann ist sein Inhalt so extrem, dass wir weitere Intuitionen abwerfen müssen. Wir brauchen hier neue Ideen, die noch nicht einmal richtig formuliert sind, die uns verstehen helfen, was vor dem Urknall passierte und ob es noch andere Urknalle gab.

The European: Man muss ja Sprache verwenden, um die mathematischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse auszudrücken. Haben wir überhaupt die Gehirnkapazität zu verstehen und zu formulieren, was uns die Zahlen sagen?
Rees: Es ist möglich, dass es Fragen gibt, die das menschliche Gehirn nicht beantworten kann, so wie ein Affe die Quantentheorie nicht versteht. Aber wir sind noch lange nicht am Limit. Zum Beispiel benötigt man für viele Konzepte in der Wissenschaft ein spezielles Vokabular oder eine mathematische Schreibweise. Man braucht eine andere Sprache, um Phänomene zu beschreiben, und es ist häufig der Fall, dass man ein Konzept nur dann erfasst, wenn man die angemessene Sprache oder Schreibweise entwickelt hat. Wir können keine Alltagssprache verwenden, wir benötigen Mathematik etc. Aber das ist nichts Neues. Ein Beispiel: Addition mit römischen Zahlen ist viel schwieriger als Multiplikation mit den arabischen Zahlen, die wir verwenden. Und dies lässt sich im Grunde auf die gesamte Wissenschaft anwenden. Man braucht die richtigen Konzepte und die richtige Schreibweise, um Dinge klar zu verstehen.

The European: Sie ziehen Sprache als Referenzrahmen heran. Die meiste Zeit war die Philosophie, Religion oder Theologie dieser Referenzrahmen. Ist Religion immer noch ein Konzept, das uns hilft, die Größe und Verschiedenartigkeit des Universums zu erfassen?
Rees: Das denke ich nicht. Ich glaube, dass Religion und Wissenschaft koexistieren, aber ich glaube nicht, dass mir Religion bei meiner Wissenschaft hilft. Es ist eine andere Art zu denken, also glaube ich nicht, dass Religion mir bei meiner Kosmologie helfen kann

The European: Der Mensch sucht immer ein Zuhause. In der Religion findet er Zuflucht. Was Sie uns über die Kosmologie erzählen, klingt sehr kalt und nicht besonders heimelig. Wie finden wir unseren Platz in dieser neuen Umgebung?
Rees: Das sind Ihre subjektiven Gedanken, die viele Menschen nicht teilen. Das Universum, wie es von der modernen Wissenschaft entdeckt wird, ist ein wunderbarerer Ort zum Leben als die eingeengte Sicht, die Menschen in der Vergangenheit hatten. Also glaube ich nicht, dass es diese Auswirkung auf die Menschen hat. Ich glaube, zu spüren, dass wir Teil dieser Gewaltigkeit sind. Das ist für viele berauschend und nicht niederschmetternd.

The European: In einem Interview mit einem Magazin konnte man lesen, dass Sie immer noch praktizierender, aber kein gläubiger Christ sind und sonntags zur Kirche gehen. Ist das immer noch der Fall?
Rees: Ja.

The European: Wie verträgt sich das?
Rees: Wenn man in der westlichen Kultur aufwächst, ist man von der christlichen Tradition durchdrungen. Dies ist ein Teil westlicher Gemeinschaften und ich betrachte es immer noch als einen Teil meiner Tradition.

The European: Wenn man in einer Messe ist, fühlt man sich von etwas umgeben, das man wirklich kennt.
Rees: Ja. Und natürlich ist das die Welt, in der ich aufgewachsen bin. Und in der Tat gehe ich einmal in der Woche in die Universitätskapelle.

“Nirgendwo im All kann es so komfortabel sein wie am Südpol”

The European: Wie wird der Mensch am Ende des 21. Jahrhunderts leben? Wie wird er sich unter dem Einfluss der Erkenntnisse der Kosmologie verändert haben?
Rees: Das weiß ich nicht. Einige der Fragen, die uns jetzt belasten, werden gelöst sein. Aber es wird andere Fragen geben. Die wichtigste Herausforderung für uns ist sicherzustellen, dass die Welt in fünfzig Jahren – eine Welt mit einer größeren Bevölkerung, die mehr Ressourcen und mehr Energie verlangt – voranschreiten kann, ohne Umweltzerstörung und Katastrophen. Wir werden eine Welt haben, die schwer in den Griff zu bekommen ist. Aber wir müssen sicherstellen, dass die Wissenschaft bestmöglich angewandt wird. Und dazu müssen Wissenschaftler sich mit der Öffentlichkeit und der Politik zusammensetzen.

The European: Besteht eine Chance, dass die Menschheit Kolonien im Kosmos errichtet?
Rees: Ich glaube, auf lange Sicht, ja. Aber es wäre dumm, zu glauben, dass man damit die Probleme auf der Erde lösen kann. Denn nirgendwo im All kann es so komfortabel sein wie auf dem Gipfel des Mount Everest oder am Südpol. So etwas wird nur ein Ort für ein paar Abenteurer sein. Die Probleme der Erde müssen auf der Erde gelöst werden.

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